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Krematoriumschef bekommt Post von Putin

Für Jörg Schaldach ist die Pflege von Kriegsgräbern ein Hobby. Ganz zur Freude der russischen Regierung.

Meißens Krematoriums-Chef hat im Kirchenregister die Namen von über 100 bisher unbekannten Kriegstoten entdeckt.
Meißens Krematoriums-Chef hat im Kirchenregister die Namen von über 100 bisher unbekannten Kriegstoten entdeckt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wenn Krematoriums-Chef Jörg Schaldach eine Liste aus Chemnitz mit bisher namenlosen Kriegstoten bekommt, ist es für ihn mehr als eine Arbeitsanweisung. Denn eigentlich könnte er die Namen auch selbst recherchieren. Kurz knackt seine Tastatur und Schaldach, der die russische Sprache in Wort und Schrift beherrscht, navigiert sich durch eine digitale Welt aus kyrillischen Zeichen, bis er eine Seite des Zentralarchivs des russischen Verteidigungsministeriums ansteuert: Volksgedenken nennt sich die Seite. Dort lassen sich bei über 26 Millionen Einträgen viele neue Namen recherchieren. Einige davon sind bisher namenlos in Meißen beerdigt.

Auch 75 Jahre nach Kriegsende wächst das russische Kriegsregister aus DDR-Zeiten weiter an. Die Gräber zu pflegen und gegebenenfalls neu zu gravieren, ist gesetzlich vorgeschrieben. In Meißen kümmert sich das städtische Bestattungsunternehmen um diese Verpflichtung. Doch das Engagement geht oft über das gesetzliche Maß hinaus - ansonsten würden die Gedenkstätten zerfallen, meint Schaldach.

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Besonders geehrt fühlt er sich, wenn dieser Einsatz auch in Russland registriert wird. Einmal gab es einen Besuch vom russischen Konsul, richtig stolz ist Schaldach aber auf einen Dankesbrief vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Brief hat einen Ehrenplatz im Fotoalbum über die Krematoriums-Geschichte bekommen: "Wir danken für den Erhalt der Denkmäler, für Menschen, die ihr Leben im Krieg für Frieden gaben, das ist eine gute Sache. Unterzeichnet von Wladimir Putin", überfliegt Schaldach den russischen Text und lässt das Album triumphierend zuknallen.

100 Namen von unbekannten Kriegstoten gefunden

Gerade bereitet Schaldach sein nächstes Herzensprojekt vor und hat sich dafür selbst auf Recherche begeben. Auf der Suche nach den Namen von Kriegsgefallenen aus dem Ersten Weltkrieg stieß er auf sechs wichtige Seiten aus dem Kirchenregister. "Die Daten waren fein säuberlich untereinander aufgelistet: Nur konnte sie bisher niemand übersetzen." Die Liste in der alten deutschen Schrift Sütterlin verfasst, offenbarte letztendlich Namen von über 100 bisher unbekannten Kriegstoten.

Gemeinsam mit dem Friedhofsmeister Michael Käthner und Pfarrerin Renate Henke sollen 102 neue Gräber auf dem Grabfeld des neuen Johannesfriedhofs entstehen. Seit zwei Jahren arbeiten sie schon an dem Projekt. Doch erst in diesem Sommer kam die zündende Idee: „Bei uns im Krematorium arbeitet jemand, der in einer Gießerei gelernt hat." Das brachte den Krematoriums-Chef darauf aus heimischen Formsanden, also einem Gemisch aus Quarzsand und Ton, die Gedenksteine dank historischer Gießformen originalgetreu nachzubilden. „Die alten, verrosteten Stahlkreuze wollen wir aus Bronze nachbilden“, strahlt Schaldach. So würden die Kreuze länger halten als das verrostete Eisen. Allerdings würden die neuen Kreuze dann auch zwischen 30.000 bis 40.000 Euro kosten. Dieser Aufwand übersteigt den vorgeschriebenen Rahmen enorm, könnte aber mit Geldern gefördert werden: „Mit gesetzlicher Verpflichtung hat das nicht mehr viel zu tun: Das ist unser Hobby."

Noch ist Schaldach zuversichtlich, dass sich auch in Zukunft weitere Kriegstote identifizieren lassen, denn mit dem Eintritt in die Rente würden sich viele intensiv mit ihrem Stammbaum beschäftigen: „Das ist aber auch die letzte Renten-Generation. So viele Zeitzeugen gibt es schließlich jetzt schon nicht mehr."

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