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Das Betrügen zum Beruf gemacht

Seit elf Jahren betrügt eine Meißnerin immer wieder. Auch Bewährungsstrafen können sie nicht stoppen. Muss sie nun endlich ins Gefängnis?

Immer wieder sitzt eine Meißnerin wegen Betruges vor Gericht. Es ist unglaublich, wie sie stets davonkommt.
Immer wieder sitzt eine Meißnerin wegen Betruges vor Gericht. Es ist unglaublich, wie sie stets davonkommt. © Symbolfoto: dpa/David-Wolfgang Ebener

Meißen.  Nein, die 36-jährige Meißnerin ist nicht dumm. Sie hat einen Realschulabschluss geschafft, eine Berufsausbildung begonnen. Die freilich hat sie kurz vor dem Abschluss geschmissen. Seit elf Jahren übt sie dennoch eine Art "Beruf" aus. Sie ist das, was man eine Berufsbetrügerin nennt. Ihr Vorstrafenregister zieren elf Eintragungen. 

Nicht immer, aber meistens wurde die sechsfache alleinerziehende Mutter wegen Betruges verurteilt.  Bereits 2009 fasst sie wegen 30-fachen Betruges eine Haftstrafe von zehn Monaten ab. In der Bewährungszeit riss sie sich am Riemen, dann ging es wieder los. Es setzte eine Geldstrafe und schließlich wieder sechs Monate Haft - auf Bewährung.  

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Doch die Aussicht,  ins Gefängnis einrücken zu müssen und ihre sechs Kinder zurückzulassen, schreckt sie offenbar überhaupt nicht. Ende 2018 gibt es wieder eine Haftstrafe wegen Betruges: sieben Monate auf Bewährung. Als Auflage erhielt sie, 160 gemeinnützige Arbeitsstunden zu leisten. Doch sie denkt gar nicht daran. Allein das wäre schon ein Grund, die Bewährung zu widerrufen. 

Stattdessen betrügt sie  wieder, nur vier Monate nach der Verurteilung. Die Strafe wird auf elf Monate aufgestockt. Interessiert die Frau erneut nicht. Nur einen Monat später die nächste Tat. Nun sitzt sie wieder vor dem Meißner Amtsgericht. Drei Betrügereien werden ihr diesmal vorgeworfen. Alle Taten geschahen während der laufenden Bewährung.  

Den Überblick verloren

Nein, leicht hat es die Frau mit den sechs Kindern nicht. Kaum einer der sechs verschiedenen Väter zahlt Unterhalt,  und wenn doch, dann nur in sehr geringem Umfang. Ein Kind ist behindert.  Sie ist mit der Erziehung ihrer Kinder hoffnungslos überfordert, auch wenn sie das bestreitet. "Ich komme mit den Kindern zurecht, aber nicht mit mir selbst", sagt sie. Doch eine "Begründung" für ihre Taten ist das nicht. 

Besonders perfide ist, dass sie Menschen betrügt, die in einer finanziell ähnlich misslichen Situation wie sie selbst sind. So kauft sie auf einer Internetplattform, auf der getragene Kinderbekleidung gehandelt wird, verschiedene Sachen, bezahlt diese aber nicht.  Oder bietet Sachen an, die sie gar nicht besitzt,  und kassiert das Geld dafür, ohne zu liefern.  

Zu den konkreten Tatvorwürfen kann sie sich nicht äußern.  Sie hat offenbar so oft betrogen, dass sie den Überblick verloren hat.  "Ich habe sehr viel gekauft und verkauft. Das ist wie eine Sucht", sagt die 36-Jährige.  Es fällt auf, dass sie den Überblick immer zu ihren Gunsten verliert. 

Auch zwei Perücken hat sie bestellt und erhalten. Angeblich für ihre Tochter, die nach einer Operation am Kopf keine Haare mehr hatte und sich dafür schämte. Und eine Perücke auch gleich für sich selbst. Bezahlt hat sie natürlich nicht.  

Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Es gibt schon wieder neue Tatvorwürfe. Diesmal soll sie unter anderem eine Siamkatze für 300 Euro angeboten haben. Der Interessent zahlte 150 Euro an. Doch eine Katze bekam er bis heute nicht. "Ich habe es mir anders überlegt, wollte die Katze doch behalten", sagt sie. Behalten hat sie auch die Anzahlung. Inzwischen hat sie es sich wieder ganz anders überlegt. Angeblich hat sie die Katze in ein Tierheim gegeben.  

Was auffällt: Sie hat immer eine Ausrede, Schuld ist nie sie selbst, sondern immer andere. "Ich wollte, dass meine Kinder immer gut angezogen sind, damit sie in der Schule nicht gehänselt werden",  sagt sie beispielsweise.  Das sind typische Charakterzüge einer Betrügerin.

Aber jetzt wird ja alles gut, sagt sie. Sie habe sich eine Nähmaschine gekauft und nähe die Sachen jetzt selbst.  Und nicht nur das: Sie näht jetzt auch Kopfbedeckungen für Krebskranke, sagt sie. Ihre Stromschulden stottert sie in Raten ab. Die Schulden, die aus Straftaten resultieren und zwischen 20.000 und 30.000 Euro liegen, wird sie hingegen wohl nie bezahlen können.  

"Unverständlich und an der Realität vorbei"

Für Staatsanwältin Yvonne Birke ist jetzt Schluss: "Es ist Wahnsinn, wie viele Betrügereien Sie schon in Ihrem jungen Leben begangen haben. Immer wieder bekamen Sie Bewährungschancen, aber irgendwann sind diese Chancen verspielt", sagt sie und fordert eine Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung.   

Zu dieser Strafe verurteilt sie Richterin Ute Wehner auch, allerdings mit einem signifikanten Unterschied: Sie setzt die Strafe erneut zur Bewährung aus. Das Gesetz sehe nicht vor, dass wegen der sechs Kinder Bewährung gegeben werde. Trotzdem wolle sie es "erproben". "Ich will Ihnen Glauben schenken, dass Sie bemüht sind, Ihr Leben zu ordnen. Das ist der einzige Grund", sagt sie. Als Bewährungsauflage muss die Angeklagte die Arbeitsstunden aus dem anderen Urteil ableisten und fünf Termine bei der "Kompetenzagentur" wahrnehmen. Zudem wird Wertersatz angeordnet, das heißt, sie muss den Schaden wieder gutmachen. 

Verteidiger Carl Christian Ross hatte ebenfalls auf eine sechsmonatige Bewährungsstrafe plädiert, allerdings selbst eingeräumt, dass  es Außenstehenden  unverständlich und völlig an der Realität vorbei vorkommen müsse, dieser Frau erneut Bewährung zu geben. Wer wollte ihm da widersprechen?

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