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Die Verfolgerin

Henrike Frauen arbeitet im Gesundheitsamt. Sie berät positiv Getestete, schickt sie in Quarantäne, erlebt Frust – und kann manchmal auch helfen.

"Mich interessieren alle Kontakte": Henrike Frauen ist zurzeit Mitarbeiterin im Gesundheitsamt Meißen.
"Mich interessieren alle Kontakte": Henrike Frauen ist zurzeit Mitarbeiterin im Gesundheitsamt Meißen. © Anja Schmiedgen-Pietsch

Meißen. „Es woar an der Kirsche“. An der Kirsche? Der sächsische Dialekt lässt zuweilen nicht auf Anhieb erfassen, was genau gemeint ist – in diesem Fall wohl eher das Gotteshaus als die Frucht. Schließlich war die Frage, wo man den Bekannten getroffen hatte.

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Das richtige Verstehen des am Telefon Gehörten war am Anfang nicht immer einfach, berichtet Henrike Frauen. Zwar hat die gebürtige Hamburgerin Studienjahre in Leipzig hinter sich. Aber mit der Aussprache im Alltag und all ihren Klangfarben und Interpretationsmöglichkeiten sieht sie sich erst so richtig konfrontiert, seit sie in Meißen arbeitet. Im Gesundheitsamt, wo Henrike Frauen eine von derzeit 370 Mitarbeitern ist, die Kontakte von positiv auf das Corona-Virus getestete Personen verfolgen. Und die Menschen dann auch in die Quarantäne schicken.

Seit November macht die 28-Jährige das. Es ist der erste Job, den sie nach ihrem Studium der Sportwissenschaften ausübt. „Ich wollte eigentlich im Bereich der Gesundheitsprävention arbeiten“, sagt sie. Aber Fitnessstudios sind geschlossen und stellen auch keine neuen Mitarbeiter ein. Die Aushilfe in einem Gesundheitsamt bot sich als Alternative an, erstmal. Über das Bundesverwaltungsamt kam sie nach Meißen. Das passt gut zum neuen Wohnort Dresden, wo sie sich nach dem Studium im vorigen Herbst mit ihrem Freund niedergelassen hat.

Alle positiven Befunde

„Bei uns kommen alle Befunde aus den Laboren an. Bearbeitet werden aber ausschließlich positive Ergebnisse“, berichtet Henrike Frauen. Die weisen nämlich den Erreger direkt nach – im Gegensatz zu den weniger genauen Schnelltests.

Auf dem Computer-Bildschirm vor sich sieht Henrike Frauen alle Fälle, die neu eintreffen – und die sich virtuell im Gesundheitsamt aufstapeln. Wenn sie einen Fall aufruft, erscheinen auf dem Bildschirm der Name des Infizierten, das Datum des Abstrichs für den Test sowie der Name des Labors.

Um die Kontakte eines positiv Getesteten zurückverfolgen zu können, muss Henrike Frauen ihn anrufen. Nicht jeden erreicht sie sofort. Es kommt aber auch vor, dass sie mit den Worten „Ich habe Ihren Anruf schon erwartet“ begrüßt wird, berichtet sie. „Dann arbeite ich eine Checkliste ab“, beschreibt sie das Prozedere, das nun gut und gern eine Stunde in Anspruch nimmt. Acht Komplexe geht sie gemeinsam mit den Angerufenen durch und füllt am Computer ein vorgefertigtes Datenbank-Dokument aus. Punkt für Punkt.

Das Gebäude des Landratsamts in der Meißner Brauhausstraße ist derzeit der Arbeitsort von Henrike Frauen. Aber auch in den Dienstsitzen der Kreisverwaltung in Großenhain und Riesa sind Mitarbeiter und Helfer des Gesundheitsamtes untergebracht.
Das Gebäude des Landratsamts in der Meißner Brauhausstraße ist derzeit der Arbeitsort von Henrike Frauen. Aber auch in den Dienstsitzen der Kreisverwaltung in Großenhain und Riesa sind Mitarbeiter und Helfer des Gesundheitsamtes untergebracht. © Eric Weser

Dabei geht es um Angaben zur Person, aber auch um die genaue Beschreibung von Symptomen. Sie fragt nach Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen und Halsschmerzen nach Krankheitsanzeichen wie Glieder- oder Rückenschmerzen, Durchfall oder den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, der ja immer wieder als Begleiterscheinung einer durch das Covid 19-Virus ausgelösten Erkrankung beschrieben wird. In die Maske der Datenbank auf ihrem Computer-Bildschirm trägt Henrike Frauen auch ärztliche Behandlungen, Grunderkrankungen, Beruf und Arbeitsstelle ein.

Letztgenannte Angaben sind wichtig, um Beschäftigte in „systemrelevanten“ Bereichen zu ermitteln und um Personen potenziellen Ausbruchsgeschehen zuordnen zu können, erläutert sie. Dann kann zum Beispiel eine so genannte Freizeitquarantäne verfügt werden, die es dem Betroffenen ermöglicht, weiter zur Arbeit zu gehen – aber nur dann, wenn das auf direktem Weg ohne weitere Kontakte möglich ist und der Arbeitsplatz ein Einzelbüro ist.

Als Nächstes stellt Henrike Frauen die Frage nach dem Kontakt zu weiteren Personen. „Mich interessieren alle Kontakte des Infizierten, beginnend zwei Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome“, sagt sie. Erfasst werden Name, Adresse, Arbeitsstelle, Telefonnummer und Geburtsdatum der Kontaktpersonen. Die versucht Henrike Frauen anzurufen, sobald das laufende Telefongespräch beendet ist.

Verpflichtende Anordnung

Denn die Checkliste für die bereits Infizierten sieht noch eine Hygiene-Belehrung sowie das Anordnen der Quarantäne vor. Hierzu gibt es natürlich oft Nachfragen. Sie erläutert, dass die Quarantäne für die Betroffenen verpflichtend ist, dass sie zu Hause bleiben müssen und auch nicht zum Sport nach draußen dürfen. Und sie erklärt, dass die zehntägige Quarantäne-Dauer ab dem Tag zu berechnen ist, an dem die Symptome wahrgenommen wurden. „Bei Personen, die keine Symptome aufweisen, gilt die Dauer der Quarantäne über volle zehn Tage ab dem Tag des Abstrichs“, fügt sie hinzu.

Nach dem Gespräch wird der amtliche Quarantäne-Bescheid ausgedruckt und als E-Mail oder per Post versendet. Legen ihn die positiv Getesteten sowie ihre Kontaktpersonen beim Arbeitgeber vor, kann der eine finanzielle Hilfe für den Ausfall seiner vom Amt in Quarantäne geschickten Mitarbeiter beantragen.

Abgeschlossen ist ein Fall aber erst, wenn alle Kontaktpersonen ermittelt und telefonisch befragt sind. Wenn diese nach den Schutzvorschriften in Quarantäne geschickt werden müssen, dann für 14 Tage – gerechnet ab dem Kontakt zur positiv getesteten Person. Dies gilt übrigens auch für alle Angehörigen in deren Haushalt.

Natürlich sind die meisten der Angerufenen alles andere als begeistert, „wenn ich sie in Quarantäne schicke“, berichtet Henrike Frauen. In den meisten Fällen stößt sie aber auf Verständnis am anderen Ende der Leitung. Vielleicht liegt es daran, „dass ich nicht autoritär auftrete, sondern zu erklären versuche, dass wir es mit einer sehr ernsten Gefahr für die Gesundheit aller Menschen zu tun haben“, sagt Henrike Frauen: „Die Zahl der Infektionen muss runter, damit ein normales Leben wieder möglich ist.“

Berührende Schicksale

Während des Telefongesprächs erfährt sie oft mehr über das Schicksal Einzelner. Von der älteren Frau beispielsweise, die allein lebt und besonders unter der Einsamkeit leidet. Eine Hilfe, die das Einkaufen während der Tage in Quarantäne erledigt, kann Henrike Frauen auf Wunsch vermitteln. Mehr jedoch nicht.

Das geht ihr sehr nahe. Wie auch mehrere Gespräche mit einem Mann, dessen Fall sie im November bearbeitete. Wegen einer Krebsbehandlung musste er sich im Dezember einem weiteren PCR-Test unterziehen. „Ich habe ihn auf den CT-Wert hingewiesen. Ist er höher als 30, gilt man nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht mehr als ansteckend“, erzählt sie. Und sie wundert sich, dass der Mann darauf nicht aufmerksam gemacht wurde. Vielleicht hätten dem Patienten Ängste genommen werden können, einige jedenfalls.

Die wenigsten ihrer Kollegen sind Mitarbeiter im Gesundheitsamt. Viele helfen wie Henrike Frauen zeitlich befristet aus, um den noch immer hohen Berg von Fällen abarbeiten zu können. Neben Bundeswehr und THW entsandten auch die Krankenkassen Mitarbeiter ins Amt. Und viele wurden innerhalb des Landratsamtes abgeordnet – manche nur halbtags, damit in ihrem Sachgebiet nicht allzu viel liegen bleibt. Mit den Kollegen, mit denen sie sich das Zimmer im Gebäude des Landratsamtes in der Brauhausstraße teilt, hat sie Glück gehabt, wie sie sagt: „Das sind engagierte und wissbegierige Leute, von denen ich vieles lernen konnte.“

Fünf Stunden Schulung mussten für sie reichen, um sich auf den Job im Gesundheitsamt vorzubereiten, erinnert sich Henrike Frauen. „In den ersten zwei Wochen wusste ich manchmal nicht, wie ich mich in bestimmten Situationen am Telefon verhalten sollte“, berichtet sie. Aber sie hat sich nicht gescheut zu sagen, dass sie das noch nicht lange macht. Oder dass sie sich erstmal selbst Rat holen muss – und dann zurückruft. Wenn kein Kollege in der Nähe war, den sie fragen konnte, hat sie selbst recherchiert, im Internet oder per Telefon. So hat sie auch manche Telefonnummer oder Adresse herausgefunden, den eingangs erwähnten Verständnisschwierigkeiten zum Trotz.

Es ist nicht ihr Traumjob, aber er ist notwendig und wichtig, sagt die junge Frau. Und so sehr sie sich freut, wenn sie jemandem helfen kann, wünscht sie sich doch auch, dass sie das Gesundheitsamt im Mai wieder verlassen kann. Denn das würde bedeuten, dass die Fallzahlen endlich zurückgehen und sie vielleicht endlich ihren Traumjob bekommt. Im Fitnessstudio oder irgendwo anders in der Gesundheitsprävention. Hauptsache in der Normalität.

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