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Eine frei erfundene Geschichte

Lügen einer Zeugin bringen einen Coswiger fast zwei Wochen unschuldig ins Gefängnis. Jetzt sitzt die Frau selbst vor Gericht.

Eine Lüge als Zeugin vor dem Meißner Amtsgericht bringt eine Frau nun selbst auf die Anklagebank.
Eine Lüge als Zeugin vor dem Meißner Amtsgericht bringt eine Frau nun selbst auf die Anklagebank. ©  Archiv/Claudia Hübschmann

Meißen. Die damals 38 Jahre alte Frau, die in Rostock wohnt, soll als Zeugin vor dem Amtsgericht Meißen aussagen. Aussagen gegen einen Coswiger, mit dem sie mal ein Jahre liiert war. Später lebte der Mann zwölf Jahre lange mit einer anderen Frau zusammen. Nach der Trennung gibt es einen unerbittlichen Rosenkrieg. Sie fordert eine Abfindung von einer Million Euro. Weil er nicht zahlt, verklagt sie ihn immer wieder. Mal soll er ihr eine Champagnerflasche auf den Kopf geschlagen, mal einen Metallstorch nach ihr geworfen haben. Alle Verfahren werden gegen Geldauflagen eingestellt.

Die Geschichte hat einen Haken

Auch in dem jetzigen Verfahren geht es wieder um solch einen Streit. Die Zeugin ist eine Bekannte der Ex-Lebensgefährtin und soll in deren Sinn aussagen. Also macht sie sich am frühen Morgen auf den Weg von der Ostsee nach Meißen. Nach einer Stunde Fahrt will sie bremsen, es passiert nichts. Sie habe auf dem Standstreifen angehalten, es habe gequalmt, alles sei voller Öl gewesen. Sie ruft im Meißner Gericht an, sagt, dass sie nicht kommen könne, weil ihr Auto kaputt sei. Und verdächtigt den Angeklagten, er habe die Bremsschläuche ihres Autos zerschnitten, damit sie nicht vor Gericht aussagen könne. Der Meißner Richter erlässt Haftbefehl wegen des Verdachts des versuchten Mordes gegen den Coswiger. 13 Tage sitzt dieser deshalb in Untersuchungshaft. Unschuldig, wie sich herausstellt.

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Tage später erscheint die jetzige Angeklagte doch noch als Zeugin in Meißen vor Gericht. Und wiederholt ihre Aussage. "Ich war geschockt, bin es auch jetzt noch, hatte Angst um mein Leben. Mir reicht es", sagt sie dem Richter. Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie ist von Anfang bis Ende frei erfunden. Die Frau hatte sich gar nicht auf den Weg nach Meißen gemacht. Wegen uneidlicher Falschaussage sitzt sie nun vor Gericht. Übrigens zehn Jahre nach der Tat. Dass es so lange dauerte, hatte auch, aber nicht nur mit Corona zu tun.

Verhandlung zehn Jahre nach der Tat

Die Frau wurde bereits vom Amtsgericht Rostock wegen falscher Verdächtigung zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Im Hinblick auf diese Verurteilung stellte die Staatsanwaltschaft Meißen das hiesige Verfahren ein. Doch dann ging die Frau in Berufung gegen das Urteil. Das Landgericht Rostock hob das Urteil auf, stellte das Verfahren gegen eine Geldauflage von 1.200 Euro ein.

Daraufhin wurde das Meißner Verfahren wieder aufgenommen, 2017 ein Strafbefehl über 90 Tagessätze erlassen. Das entspricht drei Monaten Haft, der Mindeststrafe für uneidliche Falschaussage. Dagegen legte die Angeklagte Einspruch ein. Warum es dann vier Jahre bis zur Verhandlung dauerte, ist unklar. Der Verteidiger spricht von "rechtsstaatlicher Verfahrensverzögerung". Die Tatvorwürfe räumt er ein. "Meine Mandantin lebte mit dem Mann in einer ungleichen Beziehung. Nach der Trennung wurde sie bedroht. Sie hatte kein Interesse, gegen ihn auszusagen", sagt er. Deshalb habe sie die Idee mit der Autopanne gehabt, die es in Wirklichkeit gar nicht gab.

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Vor allem wegen der langen Verfahrensdauer und weil die Sache zehn Jahre her ist, schlägt die Staatsanwaltschaft eine Verfahrenseinstellung gegen eine Geldauflage vor. Die 500 Euro, die dem Verteidiger vorschweben, sind aber zu wenig. Vor allem, dass sie sich nicht nur die Autopanne ausdachte, sondern auch ein Szenario erfand, der damalige Angeklagte habe die Bremsschläuche zerschnitten, legt ihr der Richter zur Last. Die Angeklagte muss als Auflage 1.000 Euro zahlen. Das ist nicht mal ein Monatseinkommen der Frau, während der Strafbefehl 90 Tagessätze, also drei Monatseinkommen vorsah. Allerdings muss sie auch die Kosten des Verfahrens tragen, also auch die ihres Anwaltes. Da kommt schon durch die Fahrtkosten einiges zusammen.

Dennoch ist sie sehr gut weggekommen. Bei uneidlicher Falschaussage sieht das Gesetz Strafen von bis zu fünf Jahren Gefängnis vor.

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