merken
PLUS Meißen

"Das Hotel hat uns kein Glück gebracht"

Für Familie Mohn vermischen sich mit dem Blick auf das sanierte Hotel Ross in Meißen schmerzliche Erinnerungen.

Die Fassade des Hotels Ross in Meißen gegenüber dem Bahnhof ist über Jahrzehnte fast gleich geblieben. Doch dahinter spielten sich Dramen ab.
Die Fassade des Hotels Ross in Meißen gegenüber dem Bahnhof ist über Jahrzehnte fast gleich geblieben. Doch dahinter spielten sich Dramen ab. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wenn die Meißnerin Monika Mohn und ihr Mann Frank Berichte über das Hotel Ross lesen, fällt ihnen immer wieder die gleiche Lücke auf. Zumeist bleiben die rund 80 Jahre, in denen Familie Mohn das traditionsreiche Haus gegenüber dem Bahnhof betrieben hat, ausgeklammert. Traurig stimmt sie das nicht zuletzt deshalb, da die Geschichte Mitte der 1980er Jahre mit einem bitteren Ende abschloss.

Bereits der Anfang stand unter keinem guten Stern. Für 100.000 Reichsmark kaufte Max Mohn 1904 den imposanten Klinkerbau an der Großenhainer Straße, nachdem Erbauer Oswald Tillig nach nur sechs Jahren Konkurs hatte anmelden müssen. Mit Hypotheken  und Krediten finanzierte die Familie den Kauf. Was die Mohns damals nicht ahnen konnten: Nur noch zehn Jahre Frieden waren ihnen beschieden. 

Anzeige
250. Immobilien-Auktion
250. Immobilien-Auktion

Die Sächsische Grundstücksauktionen AG (SGA) begeht im Rahmen der Winter-Auktionen am 25. und 27. November in Dresden und Leipzig ein großes Jubiläum.

Vier Jahre Krieg und die sich daran anschließende Hyperinflation sowie Weltwirtschaftskrise trafen das Hotelgewerbe schwer. Geschäftsreisende blieben aus, die Schulden drückten. Trotzdem musste weiter investiert werden, um die gehobenen Ansprüche der Besucher nach Bädern und Zentralheizung erfüllen zu können. Als ob dies nicht bereits genügende Herausforderungen gewesen wären, starb 1932 plötzlich Max Mohn. Sein Sohn Rudolf - eigentlich noch in der Ausbildung - musste einspringen. 

Der Meißner Rudolf Mohn und seine Frau führten das Hotel Ross gegenüber des Bahnhofs in Meißen von 1932 bis in die 1980er Jahre. Nach ihrem Tod wurde das Familienhotel vom SED-Regime enteignet. Honorarfrei für Produkte von sächsische.de und Sächsischer Zeitung
Foto: Privat
Der Meißner Rudolf Mohn und seine Frau führten das Hotel Ross gegenüber des Bahnhofs in Meißen von 1932 bis in die 1980er Jahre. Nach ihrem Tod wurde das Familienhotel vom SED-Regime enteignet. Honorarfrei für Produkte von sächsische.de und Sächsischer Zeitung Foto: Privat © privat
In der DDR zog das Ross vor allem durch seine qualitativ hochwertige Ausstattung zahlreiche Gäste an. Die Auslastung lag zumeist bei rund 80 Prozent. An vielen Tagen wurden mehrere Busreisegruppen verköstigt. Einheimische mussten oft reservieren, um einen Platz zu bekommen. Foto: Privat
In der DDR zog das Ross vor allem durch seine qualitativ hochwertige Ausstattung zahlreiche Gäste an. Die Auslastung lag zumeist bei rund 80 Prozent. An vielen Tagen wurden mehrere Busreisegruppen verköstigt. Einheimische mussten oft reservieren, um einen Platz zu bekommen. Foto: Privat © privat
Nachdem das Haus seit der Wende durch Familie Eichholz geführt wurde, hat es mit dem Gebäudedienstleister ITB-Dresden GmbH einen neuen Besitzer gefunden. Die Firma verpasste dem Haus einen zeitgemäßen Look. Foto: Claudia Hübschmann
Nachdem das Haus seit der Wende durch Familie Eichholz geführt wurde, hat es mit dem Gebäudedienstleister ITB-Dresden GmbH einen neuen Besitzer gefunden. Die Firma verpasste dem Haus einen zeitgemäßen Look. Foto: Claudia Hübschmann © Claudia Hübschmann
Die neuen Besitzer des Hotels achteten sehr darauf, im Inneren an frühere Zeiten anzuknüpfen. So wurden in Zusammenarbeit mit der Bidtelia reliefierte Fliesen hergestellt. Auch in der Ära Mohn war in den Räumen Teichertsche Keramik zu finden. Foto: C. Hübschmann
Die neuen Besitzer des Hotels achteten sehr darauf, im Inneren an frühere Zeiten anzuknüpfen. So wurden in Zusammenarbeit mit der Bidtelia reliefierte Fliesen hergestellt. Auch in der Ära Mohn war in den Räumen Teichertsche Keramik zu finden. Foto: C. Hübschmann © Claudia Hübschmann

Unmittelbar mit Kriegsbeginn endeten seine Anfangsjahre als Hotelchef. Die Wehrmacht zog ihn ein und schickte ihn an die Ostfront. Wie so viele Sachsen diente er in der 6. Armee des späteren Feldmarschalls Friedrich Paulus und ging mit den Resten der Truppe  aus dem Kessel von Stalingrad in die Gefangenschaft. Erst Jahre nach dem Krieg kehrte er heim - gezeichnet von Entbehrungen und Grauen. 

In der DDR machte sich das Haus einen Namen, indem es an gehobener Küche und gutem Service festhielt. Die Gäste schätzten das gediegene Ambiente mit Holzvertäfelung, Wandschränken, Konsolen, Vitrinen und Teichertschen Keramikfliesen. Alles strahlte Gemütlichkeit aus. Von der Verstaatlichungsaktion mit dem Namen Rose blieb das Ross 1953 verschont. Regelmäßig berichteten die Zeitungen. 1975 hieß es in einem Artikel: "Das Ross ist ein Phänomen; denn wer wird schon mit zunehmendem Alter attraktiver?" Von einer anheimelnden Atmosphäre und Zimmern, die keine Wünsche offen lassen, war weiter die Rede. 

Die Realität für die Betreiber sah allerdings nicht ganz so rosig aus. Es fehlte an hochwertigen Lebensmitteln, Ersatzteilen und vor allem Personal. "Meine Eltern haben sich sieben Tage die Woche jahrelang in dem Betrieb aufgerieben", erinnert sich Frank Mohn. Der Staat dankte es ihnen mit einem horrend hohen Steuersatz. Als Rudolf Mohn 1983 starb und ihm seine Frau 1986 nachfolgte, war das Ende der Familientradition absehbar. 

"Umgehend als Arbeiterwohnheim zu nutzen"

Frank und Monika Mohn - berufsbedingt in einer anderen mitteldeutschen Region lebend - suchten nach einem fähigen Partner, der das Ross übernehmen und weiterführen könnte. Mit der Winzergenossenschaft fand sich ein Betrieb, der ein für die Familie und die Stadt tragfähiges Konzept vorweisen konnte. Doch es sollte anders kommen. In einem Schreiben der SED-Kreisleitung teilt diese mit, das Hotel sei zur "Lösung dringender volkswirtschaftlicher Aufgaben ... umgehend als Arbeiterwohnheim" zu nutzen. Es folgten eine Räumungsklage sowie eine lächerlich niedrige Entschädigung. Eine nachträgliche Steuerschätzung hatte angeblich hohe Außenstände ergeben. 

Weiterführende Artikel

Kommen jetzt mehr Touristen nach Meißen?

Kommen jetzt mehr Touristen nach Meißen?

Stadtmarketing-Chef Christian Friedel erklärt im Interview, wie er trotz Corona Menschen in die Stadt locken möchte.

Neustart nach der Renovierung

Neustart nach der Renovierung

Für einen siebenstelligen Betrag wurde das Hotel „Ross“ erneuert. Jetzt soll das Tagungsgeschäft ausgebaut werden.

"Wir haben uns damals entschlossen, mit diesem Kapitel abzuschließen", sagt Monika Mohn. Es hätte keinen Sinn gehabt, in der DDR gegen dieses Unrecht vorzugehen. Auch die Staatssicherheit hatte ihre Finger im Spiel. Sie und ihr Mann konzentrierten sich auf die Aufgaben ihres Berufes. Eins allerdings bleibt den beiden Meißnern wichtig: Der Name der Familie Mohn soll in der Geschichte des Hotels Ross nicht genauso geschwärzt werden, wie in den Grundbucheinträgen der Stadt.

Mehr zum Thema Meißen