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Den Videobeweis braucht es nicht

Der Angeklagte ist in Meißner Geschäften und Supermärkten bekannt wie ein bunter Hund, klaut ständig. Vor Gericht wird klar, dass er ein mächtiges Problem hat.

Nicht nur auf öffentlichen Plätzen, wie hier, sondern auch in Supermärkten gibt es Videoüberwachung.
Nicht nur auf öffentlichen Plätzen, wie hier, sondern auch in Supermärkten gibt es Videoüberwachung. © Jan Woitas/dpa

Meißen. Die Beweise sind erdrückend. Mit einer Überwachungskamera wurde die Tat aufgenommen. Die Bilder sind klar, der Angeklagte ist deutlich zu erkennen. Der 32-jährige Meißner bestätigt auch, dass er es ist. Der Mann, der in einem Meißner Drogeriemarkt eine Flasche Parfüm für rund 45 Euro in die Hosentasche steckt. Dennoch streitet er die Tat ab. "Was will ich denn mit Frauenparfüm?", verplappert er sich. Woher weiß er, dass es Frauenparfüm war? Das ist Täterwissen.

In der Gerichtsakte befindet sich natürlich nicht der Videofilm, sondern nur einzelne ausgedruckte Fotos. Das reicht dem Mann nicht: "Ich will den Videobeweis", fordert er. Dieser Ladendiebstahl ist nur eine von etlichen Straftaten, die dem Deutschen vorgeworfen werden. Rund zehn Minuten braucht der Staatsanwalt, um alle Anklagen vorzutragen. Mehrfaches Schwarzfahren ist dabei, eine Sachbeschädigung und etliche weitere Diebstähle.

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So soll er sich zum Beispiel eine Flasche Champagner in den Hosenbund gesteckt haben. An der Kasse legte er nur eine Flasche Bier aufs Band und bezahlte auch nur diese. Diese Tat streitet er ab, obwohl er gefilmt und beobachtet wurde. "Ich trinke gar keinen Champagner. Wie soll ich denn so eine Flasche in den Hosenbund kriegen?", fragt er. Später gibt er zu, dass er den Champagner im Geschäft gelassen habe, ebenso die Süßigkeiten. Und ist entrüstet, dass er die gestohlenen Waren nicht bekommt. "Ich kriege schließlich eine Strafe dafür, deshalb stehen mir die Dinge zu", sagt er.

Auch einen Einmalrasierer, den er entwendete, will er wiederhaben. "Der ist noch offen", sagt er. Ebenso die Süßigkeiten, die er stahl und die er für jemanden als Weihnachtsgeschenk haben wollte, seien ihm noch immer nicht zurückgegeben worden, empört er sich.

Er rastet mehrfach aus

So wie der Mann vor Gericht auftritt, hat er ein Problem. Ein Alkoholproblem oder ein Drogenproblem oder beides. Ein Gutachter hat ihm mal neben einer psychischen Erkrankung auch Polytoxikomanie, also die Abhängigkeit von verschiedenen Drogen, bescheinigt. Jedenfalls kann er keine Sekunde still sitzen, spricht in Pausen mit sich selbst, erzählt wirres Zeug, rastet teilweise richtig aus. "Ich bringe euch alle vor Gericht, dann werden wir ja sehen", droht er der Richterin und dem Staatsanwalt.

An den Diebstählen sei sein Betreuer schuld. "Der hat mein Sparbuch und meine Geldkarte, gibt mir kein Geld. Glauben Sie, ich klaue aus Spaß? Ich hatte Hunger", sagt er. Er sei deswegen schon bei der Bundesbank und an der Börse gewesen. Leider hätten die ihm auch kein Geld gegeben.

Allerdings hat er seit März dieses Jahres keinen Betreuer mehr. Die Betreuung wurde auf seinen eigenen Wunsch hin aufgehoben. Dennoch habe der Betreuer noch immer seine Geldkarte und sein Sparbuch, behauptet der Mann.

Tatsächlich hat er wohl mehrfach auch gestohlen, weil er Hunger hatte, so Bier, Käsestangen, Gebäck, das er schon im Laden verspeiste. Drogen sind schließlich teuer, da bleibt nicht viel Geld übrig für Lebensmittel. Und Parfüm - er stahl am nächsten Tag gleich noch eine Flasche - sowie Champagner lassen sich leicht zu Geld machen. Geld bekommt er angeblich nicht. Beim Amt habe er sich abgemeldet.

Den "Videobeweis" braucht es nicht, denn es gibt Zeugen. Zum Beispiel zwei Verkäuferinnen aus dem Drogeriemarkt. "Er war nicht das erste Mal da. Als er mich sah, erschrak er und flüchtete aus dem Laden", sagt eine Verkäuferin. Zuvor hatte sie beobachtet, wie er das Parfüm aus dem Regal nahm. Als er durch die Kasse lief, ging die Alarmanlage los.

13 Mal wurde der Arbeitslose schon verurteilt, Gerichte in Borna, Torgau, Meißen und sogar im tschechischen Decin haben sich mit ihm beschäftigt. "Ich wollte aus Deutschland fliehen", sagt er zum tschechischen Urteil von sechs Monaten Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Verurteilt wurde der Deutsche dort allerdings Ende vergangenen Jahres wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Diebstahls.

Zwei Jahre "Sklavenarbeit"

Richtig gearbeitet hat der Mann, der einen Hauptschulabschluss, aber keinen Beruf hat, nie, nur mal bei einem Obsthandel gejobbt. Ach doch, in einer betreuten Werkstatt für Suchtkranke habe er mal "zwei Jahre Sklavenarbeit" geleistet, wie er sagt. Was er denn den ganzen Tag so mache, will die Richterin von ihm wissen. "Ich warte darauf, dass sich euer Staat auskäst und ich aus Deutschland wegkomme", sagt er.

Doch zunächst muss er erst mal eine Geldstrafe zahlen, insgesamt 1.000 Euro. Zu dieser Strafe verurteilt ihn das Gericht wegen sechsfachen Diebstahls und viermaligen Erschleichens von Leistungen, also Schwarzfahrens. Sollte kein Problem für ihn sein, angeblich hat der Mann, der sich nichts zu essen kaufen und kein Handy leisten kann, ja 500.000 Euro auf dem Konto. Geld, an das er nicht rankomme, weil es ihm sein Betreuer, den er gar nicht mehr hat, nicht gäbe.

Dann muss er die Strafe eben abarbeiten. Darum muss er sich selbst kümmern, dies bei der Staatsanwaltschaft beantragen. Macht der das nicht, steht eines Tages die Polizei vor seiner Tür. Dann muss er eine Ersatzfreiheitsstrafe von 100 Tagen absitzen.

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