merken
PLUS Meißen

"Im Zweifel kann das Menschenleben kosten"

Wenn es brennt, wird es brenzlig. Die Käbschütztaler Ortsfeuerwehren haben ein Personalproblem. Es ist nicht das einzige, sagt Gemeindewehrleiter Marcus Schmuck.

Der 40-jährige Marcus Schmuck ist Berufsfeuerwehrmann und Gemeindewehrleiter in Käbschütztal.
Der 40-jährige Marcus Schmuck ist Berufsfeuerwehrmann und Gemeindewehrleiter in Käbschütztal. © Claudia Hübschmann

Herr Schmuck, bei einem Brand in der Gemeinde Stauchitz konnte eine dortige Feuerwehr nicht ausrücken, weil einfach keine Feuerwehrleute da waren. Gibt es solche Probleme auch bei Ihnen?

Ja, personelle Probleme haben wir auch. In jeder unserer vier Wehren müssten mindestens 18 Feuerwehrleute aktiv sein. Das sind zwei Löschgruppen mit jeweils neun Personen. Insgesamt haben wir also eine Sollstärke von 72. Tatsächlich gibt es aber nur 64 aktive Feuerwehrleute. Und das auch nur auf dem Papier.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Wie meinen Sie das?

Damit meine ich, dass von diesen 64 Leuten nur wenige tagsüber verfügbar sind, weil sie auswärts oder in Schichten arbeiten. Auch ich arbeite ja bei der Flughafenfeuerwehr in Leipzig. Das heißt, wenn es in der Woche tagsüber brennt, wird es brenzlig. Und es kommt noch ein weiteres Problem dazu, das der sogenannten Atemschutzgeräteträger, also Leute, die unter der Schutzmaske arbeiten können. Wir haben davon auf dem Papier 13, von denen aber derzeit nur sechs 100 Prozent tauglich sind. Und von diesen sechs wiederum sind tagsüber auch nicht alle da.

Was bedeutet das im Ernstfall?

Es ist die Hauptaufgabe der Feuerwehren, Menschenleben zu retten. Laut einer Studie ist bei einem Wohnungsbrand eine Person nach höchstens 17 Minuten gestorben, wenn sie bis dahin nicht gerettet wird. Deshalb gibt es Ausrückzeiten. Wir müssen neun Minuten nach der Alarmierung am Brandort sein. Eine Rettung ist bei einem Brand aber nur mit Atemschutzgeräten möglich.

Können Sie die Ausrückzeiten einhalten?

Das erste Fahrzeug schafft das, aber es müssen eben auch zwei Atemschutzträger an Bord sein und zwei Leute für die Wasserversorgung. Und hier liegt das große Problem.

Im Zweifel könnte das also Menschenleben kosten?

Das muss man leider so deutlich sagen: Ja, im Ernstfall kann das Menschenleben kosten.

Wie kann das Personalproblem gelöst werden?

Das muss politisch gelöst werden. Die Politik muss Anreize schaffen, damit die Leute in die Feuerwehr eintreten. Es müsste auch finanzielle Anreize geben, beispielsweise eine Prämie für Atemschutzgeräteträger oder Steuererleichterungen. Einen Ansatz gab es ja schon einmal mit der Feuerwehrabgabe. Die mussten alle Männer in einer bestimmten Altersgruppe zahlen, die nicht in der Feuerwehr waren. Die Abgabe wurde aber vom Gericht wieder einkassiert, weil sie nur für Männer erhoben wurde, also der Gleichbehandlungsgrundsatz verletzt wurde.

Auch eine "Feuerwehrrente" wird immer wieder diskutiert.

Ja, das wäre sicherlich auch ein kleiner Anreiz und Ausdruck der Wertschätzung unserer ehrenamtlichen Arbeit. Aber auch eine "Feuerwehrrente" löst das Problem der Atemschutzgeräteträger nicht.

Es ziehen einige junge Familien in die Gemeinde, ist das nicht Potenzial für neue Mitglieder in der freiwilligen Feuerwehr?

Da kommt leider wenig bis nichts. Ich bin auch nicht der Mensch, der von Tür zu Tür zieht und bettelt. Die Bereitschaft, in der Feuerwehr mitzuarbeiten, muss von jedem selbst kommen.

Das letzte Mittel wäre eine Zwangsverpflichtung von Einwohnern für die Feuerwehr? Erwägen Sie solch einen Schritt?

In der Tat ist das gesetzlich möglich. Einige Gemeinden praktizieren das auch schon. Ich persönlich halte von Zwang aber gar nichts.

Sie haben in der Gemeinde zwei Jugendfeuerwehren. Kommt da nichts nach?

Wir haben tatsächlich zwei aktive Jugendfeuerwehren. In Krögis haben wir 13 Mitglieder, in Löthain fünf. Dass wir in Löthain viel "Schwund" hatten, liegt daran, dass im vergangenen Jahr insgesamt acht Mitglieder der Jugendfeuerwehr zur den "Großen" gewechselt sind. Aber in der Jugendfeuerwehr gibt es seit Jahren das Problem, dass die heranwachsenden Mitglieder der Arbeit oder den Ausbildungsplätzen hinterherziehen. Dann sind sie für uns in aller Regel verloren. Es gibt nun mal in der Gemeinde sehr wenige Arbeitsplätze.

Sind aufgrund der Situation die Käbschütztaler verloren, wenn es mal brennt?

Nein, natürlich nicht! Es gibt einen Alarmplan, nachdem verschiedene Feuerwehren auch aus den angrenzenden Nachbargemeinden bei Bränden ausrücken. Eine Reihenfolge legt fest, welche und wie viele Löschfahrzeuge ausrücken.

Ihr Feuerwehrkamerad Kevin Altermann hat in der vergangenen Gemeinderatssitzung den katastrophalen technischen Zustand des Löschfahrzeuges der Planitz-Deilaer Ortswehr thematisiert und den Gemeinderat für das Problem sensibilisiert. Wie sieht es bei den anderen Wehren der Gemeinde aus?

Nicht viel besser. Auch die Pumpen der Löschfahrzeuge aus Löthain und Großkagen sind teilweise kaputt. Das neueste Fahrzeug steht in Krögis, ist nun auch schon 22 Jahre alt. Alle anderen haben so um die 50 Jahre auf dem Buckel, wurden gebraucht aus den alten Bundesländern angeschafft oder wir bekamen sie wie das in Planitz-Deila sogar geschenkt.

Wie ist der bauliche Zustand der Feuerwehrgerätehäuser?

Da hat die Gemeinde wirklich viel gemacht. Das Haus in Großkagen war 1992 das erste im gesamten Altkreis Meißen, das saniert wurde. Jetzt ist es allerdings auch schon wieder in die Jahre gekommen, es gibt gravierende Mängel, die beseitigt werden müssten.

Wäre es vor dem Hintergrund des Personalmangels und des Zustandes der Fahrzeuge und teilweise der Gerätehäuser nicht sinnvoll, Feuerwehren zusammenzulegen, aus vier nur noch zwei zu machen?

Die Feuerwehr Niederjahna wurde ja schon vor Jahren geschlossen. Laut dem derzeit gültigen Brandschutzbedarfsplan müssen wir vier Ortswehren vorhalten. Wichtig ist, dass innerhalb der vorgeschriebenen Zeit jeder Brandort erreicht werden muss. Das wäre mit den derzeit verfügbaren Fahrzeugen bei nur zwei Wehren nicht gewährleistet, wir haben ja jetzt schon "rote Flecken" im Gemeindegebiet, wo wir das nicht schaffen. Der Brandschutzbedarfsplan wird im nächsten Jahr überarbeitet. Was der zukünftige Plan ergibt, kann man heute noch nicht sagen. Mir wäre es lieber, wenn sich mehr Käbschütztaler für die Arbeit in der freiwilligen Feuerwehr begeistern könnten.​

Das Gespräch führte Jürgen Müller

Weiterführende Artikel

Feuerwehrmann hält Brandrede

Feuerwehrmann hält Brandrede

Am Fahrzeug der Ortsfeuerwehr Planitz-Deila ist so ziemlich alles kaputt. Eine Reparatur ist sehr teuer und nicht sinnvoll. Die Gemeinde hat einen Plan.

Die Kontaktdaten der Feuerwehren finden sich im Internet auf der Seite der Gemeindeverwaltung Käbschütztal. Wer sich für die Arbeit der Feuerwehren interessiert, kann sich beim Gemeindewehrleiter oder bei einem Wehrleiter in den Ortsteilen melden und informieren.

Mehr zum Thema Meißen