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Überschuldung im Landkreis Meißen bleibt gefährlich, auch wenn sie sinkt

Die Corona-Pandemie dämpft den Konsum und sorgt für hohe Sparraten. Doch ein überraschend stark anziehender Indikator setzt viele Haushalte unter Druck.

Von Ulf Mallek
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Die letzten Cents in der Tasche reichen nicht: Tatsächlich ist jeder 12. Bewohner des Landkreises Meißen überschuldet. Seine Ausgaben sind höher als die Einnahmen. Schuld daran ist nicht nur die Pandemie.
Die letzten Cents in der Tasche reichen nicht: Tatsächlich ist jeder 12. Bewohner des Landkreises Meißen überschuldet. Seine Ausgaben sind höher als die Einnahmen. Schuld daran ist nicht nur die Pandemie. © Claudia Hübschmann

Meißen. Es wird immer einfacher, private Schulden anzuhäufen. Musste der Kaufwillige früher noch mühselig Postkarten an den Otto-Versand ausfüllen und damit zum Briefkasten laufen, so genügt es heute, einfach das Handy aus der Tasche zu ziehen. Ein wenig herumklicken und fertig. Schon sind die neuen Turnschuhe oder das teure Smartphone bei Amazon bestellt. Noch einfacher geht es mit Sprachbefehlen: "Alexa, kauf mir neue Turnschuhe und ein teures Smartphone." Bei so viel Einfachheit kann es passieren, dass irgendwann der verfügbare Kreditrahmen gesprengt wird.

Überschuldung ist aber nicht nur eine Folge des Leichtsinns, sondern auch der Pandemie. Sie lässt die Zahl überschuldeter Privathaushalte weiter zunehmen und verschärft bestehende soziale Ungleichheiten, heißt es in einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Haushalte ohne Rücklagen geraten immer stärker unter Druck. Zudem laufen neue Personengruppen Gefahr, in die Überschuldung zu geraten. Hiervon besonders betroffen sind prekär Beschäftigte, Selbstständige und Menschen in Ausbildung. Da für diese Gruppen die staatlichen Unterstützungsleistungen nicht passgenau sind und notwendige Beratungsangebote oft nicht verfügbar sind, besteht hier der größte Handlungsbedarf.

16.700 Landkreisbewohner sind überschuldet

Im Landkreis Meißen ist jeder 12. Einwohner ab 18 Jahre überschuldet. Das besagt die neue Auswertung von Daten durch die Dresdner Firma Creditreform. Überschuldung heißt, die bestehenden Schulden sind nicht mehr vom Vermögen gedeckt, die Gesamtausgaben sind höher als die Einnahmen. Das betrifft rund 16.700 Personen, was immerhin ein Rückgang um ca. 1.400 Personen im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Mit einer Schuldnerquote von 8,2 Prozent liegt der Landkreis auf Platz fünf im Vergleich aller Kreise und kreisfreien Städte in Sachsen mit der niedrigsten Schuldnerquote. Auf Platz eins befindet sich der Erzgebirgskreis mit einer Überschuldungsquote von 7,1 Prozent (jeder 14. ist überschuldet). Das Schlusslicht bildet die Stadt Leipzig mit 11,3 Prozent (jeder neunte ist überschuldet).

Doch die Unterschiede zwischen den Kommunen im Landkreis Meißen sind sehr groß. Ein tiefgrünes, positives Ranking erhält vor allem die Gemeinde Moritzburg mit einer Überschuldungsquote von 3,72 Prozent (jeder 27. überschuldet) sowie Großenhain/Land mit 4,93 Prozent (jeder 20.). Ein tiefrotes, negatives Ranking zeichnet die Stadt Meißen mit einer Quote von 14,72 Prozent aus (jeder 7. überschuldet). Meißen ist negativer Spitzenreiter im Landkreis, vor Riesa/Innenstadt mit 12,01 Prozent (jeder 8. überschuldet).

Die deutlichste Verbesserung im Vorjahresvergleich gibt es in Zeithain (2020: 10,07 Prozent, 2021: 8,87 Prozent) sowie in Riesa/Weida (2020: 11,91 Prozent, 2021: 10,75 Prozent) und Großenhain (2020: 11,15 Prozent, 2021: 10,04 Prozent).

Insgesamt folgt der Landkreis Meißen mit seiner sinkenden Schuldnerquote im Vergleich zum Vorjahr einem bundesdeutschen Trend. Der aktuelle Wert liegt hier bei 8,86 Prozent.

Foto: Creditreform Dresden
Foto: Creditreform Dresden © Creditreform Dresden

Thomas Schulz, Prokurist Creditreform Dresden sagt zur aktuellen, eher positiven Entwicklung: „Auf dem sächsischen Arbeitsmarkt sind derzeit nur geringe Corona-Effekte messbar. Aufgrund ihrer kleinteiligen Struktur erweist sich die Wirtschaft im Freistaat als besonders krisenfest. Entlassungen konnten durch staatliche Fördermaßnahmen, wie das Kurzarbeitergeld, vermieden werden. Außerdem suchen über 53 Prozent der sächsischen Arbeitgeber händeringend Fachpersonal“.

Dennoch bleibt die Überschuldung ein existenzielles Problem für viele Menschen. Hauptauslöser für Überschuldungen sind die deutlich steigenden Lebenshaltungskosten und der finanzielle Stress der Verbraucher. Die Inflation zieht unerwartet stark an. Die Rate lag im November bei 5,2 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es noch - 0,3. Nachdem Ökonomen lange von einem schnell vorübergehenden Phänomen sprachen, sind sie sich jetzt gar nicht mehr so sicher.

Schulz: "In den letzten Jahren haben sich die Gründe für die Überschuldung unterschiedlich entwickelt: Während die Arbeitslosigkeit als Hauptgrund stark rückläufig ist, geraten immer mehr Verbraucher durch ein längerfristiges Niedrigeinkommen, aber auch durch unwirtschaftliche Haushaltsführung in die Schuldenfalle." Die Herausforderung für das Bildungssystem werde zukünftig auch darin bestehen, den richtigen Umgang mit Zahlungsmitteln aufzuzeigen und finanzwirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln.

Eine Gesetzesnovelle im Dezember 2020 mit der Verkürzung der Restschuldbefreiung auf drei Jahre führt zu einem regelrechten Run in die Privatinsolvenz. Ein Zusammenhang mit der Corona-Krise ist hier nicht gegeben, so Creditreform.

Die Pandemie hat auch gegenläufige Effekte für die Überschuldungsgefahr: Reduzierte Konsumangebote und die wirtschaftliche Unsicherheit wegen Corona führten zu einer Ausgabenvorsicht und einem sprunghaften Anstieg der Sparquote. Das dämpfte die Überschuldung. Schulz schlägt vor: „Für die Zukunft sollte der Fokus in unserem Bildungssystem und im Elternhaus mehr auf der Förderung und dem Verständnis von finanzieller Kompetenz liegen.“