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Kampf um die Rechte von traumatisierten Soldaten

Die Veteranen helfen traumatisierten Kriegsrückkehrern im Alltag und kämpfen um Anerkennung in der Bundeswehr. Für die beiden Meißner gibt es immer mehr zu tun.

Ingo Kaiser (vorne) und Olaf Siftar haben immer ein offenes Ohr und sich schon schreckliche Geschichten angehört.
Ingo Kaiser (vorne) und Olaf Siftar haben immer ein offenes Ohr und sich schon schreckliche Geschichten angehört. © Claudia Hübschmann

Meißen. Unter der Lederkutte grinst eine Totenkopf-Fratze mit grüner Barett-Mütze hervor: "Wer uns in Kluft trifft, denkt jetzt kommen die Biker", lacht Ingo Kaiser, der mit seinen Green Devils auf anderer Mission ist: Der Veteranenverband kümmert sich um Soldaten, die mit einem Traumata aus Kriegsgebieten zurückkehren. Lange Zeit lag der Vorsitz für Mitteldeutschland in Thüringen, nun haben ihn Ingo Kaiser und Olaf Siftar nach Meißen geholt.  

Seit den Einsätzen im Kosovo, dann in Afghanistan und Mali, kommen immer mehr Soldaten traumatisiert zurück. Bis das auffällt, vergeht einige Zeit. Erst kürzlich hatte Kaiser zu einem Soldaten Kontakt, der schon vor fünf Jahren aus der Bundeswehr ausgeschieden ist: "Für ihn war es schwierig zu begreifen, dass seine Probleme im Job auf seine Einsätze zurückzuführen sind", berichtet der 75-Jährige, der solche Soldaten auf ihrem hürdenreichen Weg begleitet. 

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Denn auch die Bundeswehr habe Schwierigkeiten, diesen Zusammenhang herzustellen: "Die erste Reaktion war, das kann mit uns nichts zu tun haben." Prinzipiell werde es den Betroffenen nicht einfach gemacht, meint Siftar: "Das ist das gleiche wie mit einem Arbeitsunfall zur Unfallkasse gehen." Die würden auch nicht sofort das Portemonnaie aufmachen. "Deshalb helfen wir den Soldaten, damit sie ihr Recht bekommen", ergänzt Kaiser.

Überfordert zurückgelassen

Denn die Einschnitte im Alltag seien drastisch: "Zuerst verändern sich die Kameraden innerhalb der Familie und beginnen auf Geräusche ganz anders zu reagieren - schreien auf einmal Frau und Kinder an. Mit der Zeit eskaliert das", sagt Kaiser, der den Veteranen erst mal klar machen muss, dass Männer auch mal weinen dürfen. "Irgendwann hören wir Geschichten von Eseln, auf die Sprengstofftaschen gepackt werden und von kleinen Kindern, die mit Sprengstoff in Menschenmengen gejagt werden."

Viele Soldaten würden mit diesen Bildern überfordert zurückgelassen: "Manche wenden sich vielleicht an den Zugführer oder sprechen mit ihrer Frau. Andere sagen sich einfach, ich bin doch nicht krank: Wenn ich jetzt mit jemandem rede, was soll der von mir halten?", erzählt Olaf Siftar. Viele wüssten gar nicht erst, an wen sie sich wenden sollen. "Andere suchen gar nicht erst und überschütten ihre Probleme mit Alkohol."

Und dann gibt es Fälle, da gehen die seelischen Verletzungen bei den schweren Verletzungen fast unter: "Wir hatten erst einen Fall, der seit einem Sprengstoffanschlag im Rollstuhl sitzt. Er konnte sich nur noch radebrechend unterhalten, musste lernen zu schlucken, zu atmen. Nichts ging mehr", so Kaiser. An den Vorfall selber kann er sich gar nicht mehr erinnern. "Das ist vielleicht auch besser", seufzt Siftar, der nicht viel mehr machen kann, außer ihn manchmal zu einem Eishockey-Spiel mitzunehmen - der alten Leidenschaft des verwundeten Soldaten.

Zu irrelevant für einen Wikipedia-Eintrag

Die beiden Meißner wollen nämlich mehr als nur weiter zu vermitteln und begleiten die traumatisierten Soldaten auch danach weiter - schließlich wurde erst mühsam eine Vertrauensbasis aufgebaut. Das machen die Green Devils übrigens auch bei Soldaten, die sich ganz unabhängig vom Militär in einer schwierigen Lebensphase befinden: Sei es nach einer Scheidung oder einer Kündigung. Für die beiden Veteranen ist das mehr als eine Selbstverständlichkeit, sie fühlen sich schon aufgrund des Soldatengesetzbuches dazu verpflichtet, die Kameradschaft auch nach der Dienstzeit weiterleben zu lassen. 

Das mache ihre Gruppe trotz der geringen Mitgliederzahl so effektiv: In Mittelsachsen sind sechs Mitglieder über Sachsen und Thüringen verteilt. Bundesweit habe ihre Organisation gerade mal 40 Mitglieder: Das reicht nicht einmal für den Wikipedia-Eintrag, der erst letzte Woche gelöscht wurde. Für Siftar ist das hingegen auch sechs Jahre nach der Gründung keine schlechte Zahl: "Wir schauen eben ganz genau, ob die Mitglieder auch zu uns passen." Neben einer Ausschlussklausel für Extremisten, gehe es vor allem um Loyalität: "Ich kann mich auf jedes Mitglied zu 100 Prozent verlassen: Wenn ich morgen Hilfe brauche, behaupte ich, dass mindestens die Hälfte der Mitglieder einen Tag später vor meiner Haustür steht und das gilt ganz genauso für alle anderen, die uns um Hilfe bitten."

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