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Kreis Meißen hat die wenigsten Raucherkranken

Über sieben Prozent der Deutschen leiden an der Lungenkrankheit COPD. In Sachsen sind deutlich weniger erkrankt, vor allem in Meißen. Woher kommen die Unterschiede?

Von Marvin Graewert
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Rauchen ist der größte Risikofaktor, um an der chronischen Lungenkrankheit zu erkranken.
Rauchen ist der größte Risikofaktor, um an der chronischen Lungenkrankheit zu erkranken. © SZ (Symbolfoto)

Meißen. Wenn schon Treppensteigen und Spaziergänge genügen, um außer Atem zu kommen, steckt wahrscheinlich mehr als ein "normaler" Raucherhusten dahinter. Oft liegt eine fortgeschrittene, chronische obstruktive Lungenerkrankung (COPD) vor: eine Krankheit, bei der die Atemwege dauerhaft verengt sind. Jeder 14. Deutsche über 40 Jahren ist von der chronischen Lungenkrankheit betroffen. Das prominenteste Beispiel ist wohl der Schlagersänger Roland Kaiser. Erst eine Lungentransplantation im Februar 2010 habe ihm zu einem neuen Leben verholfen.

Doch die regionalen Unterschiede sind groß. Vor allem in Sachsen tritt die Krankheit verhältnismäßig selten auf. Im Jahr 2019 waren 149.000 Menschen an der Lungenkrankheit erkrankt, also sechs Prozent aller über 40-Jährigen. Den niedrigsten Anteil an COPD-Patienten weist der Landkreis Meißen mit 5,4 Prozent auf. In der Stadt Leipzig liegt der Anteil dagegen bei 7,3 Prozent.

Woher kommen diese regionalen Unterschiede?

Laut Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK ist in Deutschland Tabakrauchen der größte Risikofaktor. Die Erkrankung wird in den meisten Fällen durch das Rauchen verursacht. Dementsprechend sind Regionen mit einem hohen Raucheranteil besonders stark von Lungenkrankheit COPD betroffen.

Wie viele Raucher es in Sachsen gibt, ist im Mikrozensus 2017 genau erfasst worden, der nicht nur die wirtschaftliche und soziale Lage erfragt, sondern auch das Rauchverhalten. Demnach rauchte ein Fünftel der Sachsen regelmäßig oder gelegentlich – 1999 war es etwa ein Viertel. Frauen rauchten deutlich weniger als Männer. Besonders in Sachsen. In keinem anderen Bundesland sind weniger Todesfälle von Frauen durch das Rauchen bedingt. Im bundesweiten Vergleich hat Meißen dementsprechend einen niedrigen Raucheranteil, doch im Freistaat gibt es gleich neun Kreise und kreisfreie Städte, die das unterbieten.

Neben dem Rauchen trägt die Luftqualität entscheidend dazu bei, an COPD zu erkranken. Beim Vergleich aller 401 Kreise und kreisfreien Städte zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang. In Regionen, in denen das Umweltbundesamt die niedrigsten Feinstaubbelastungen misst, beträgt der COPD-Anteil lediglich 6,6 Prozent – ist die Belastung besonders hoch, liegt der Anteil im Schnitt bei 7,8 Prozent (bereinigt nach Alters- und Geschlechtsstandardisierung). "Luftschadstoffe können zur Entstehung einer COPD beitragen oder die Symptomatik bei COPD-Erkrankten verschlimmern", sagt Helmut Schröder.

Die kurzfristigen Auswirkungen von Feinstaub auf Verschlechterungen des Gesundheitszustandes und auf die Sterblichkeit bei COPD-Erkrankten seien gut durch Studien belegt und spiegelt sich auch im Gesundheitsatlas wider: In Großstädten wie Leipzig erkranken viel mehr Menschen COPD, als im Kreis Meißen mit einer geringeren Bevölkerungsdichte. Da sich der Kreis Meißen allerdings auch nicht durch außerordentlich gute Luftqualität abhebt, muss noch ein anderer Faktor eine entscheidende Rolle spielen.

Welche Auswirkungen haben soziale Faktoren?

Finanziell und sozial benachteilige Menschen erkranken häufiger an COPD als Menschen mit einem hohen sozialen Status. Dieser Zusammenhang, der durch zahlreiche Untersuchungen bekannt ist, zeigt sich auch im Vergleich der Regionen in Sachsen. Laut dem sogenannten Deprivationsindex des Robert-Koch-Instituts, der Faktoren wie Einkommen, Beschäftigung oder Bildung berücksichtigt, ergibt sich eine Rangfolge: Der Landkreis Meißen belegt den zweiten Platz, knapp hinter Dresden. Die Landeshauptstadt weist dafür deutlich schlechtere Feinstaubwerte auf. Ein Teil dieser Unterschiede kann über regional unterschiedliche Alters- und Geschlechtsstrukturen erklärt werden.

Wieso wird die Krankheit häufig erst über 60 erkannt?

Eine COPD entsteht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich langsam über viele Jahre: Durch eine Einengung der Atemwege und in vielen Fällen eine Überblähung der Lunge verschlechtert sich die Lungenfunktion zunehmend und der Gasaustausch bei der Atmung funktioniert weniger gut. Erste Symptome sind Atemnot, Husten und Auswurf. Diese Symptome nehmen im Krankheitsverlauf typischerweise zu, da die zugrunde liegende Lungenschädigung irreversibel ist.

Zu Beginn der Erkrankung verspüren die Patienten ihre Atemnot nur bei erhöhter körperlicher Belastung, in späteren Stadien dann dauerhaft. Selbst im körperlichen Ruhezustand, klärt das Wissenschaftliche Institut der AOK auf. Zwar hat die Lunge große Reserven, in Ruhephasen benötigt die Lunge nur einen Bruchteil der Menge, die sie bei starken Anstrengungen braucht. Das heißt, selbst wenn sich die Funktion der Lunge über die Jahre deutlich verschlechtert, ist im Alltag davon wenig zu spüren. Die Häufigkeit der Erkrankung zeige sich deshalb erst mit zunehmendem Alter und erreicht ihren Höhepunkt zwischen dem 85. und 90. Lebensjahr.