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Der Architekt des Wiederaufbaus

Günter Gruner hat nach der Zerstörung Dresdens ganze Straßenzüge mitgeplant. Heute stehen viele seiner DDR-Gebäude nicht mehr. Er wünscht sich, dass sie nicht vergessen werden.

Seit zwei Jahren lebt der Architekt, der die Medaille "Erbauer des Dresdner Stadtzentrums" erhalten hat, in Meißen. Einige Unterlagen von damals hat er mitgenommen.
Seit zwei Jahren lebt der Architekt, der die Medaille "Erbauer des Dresdner Stadtzentrums" erhalten hat, in Meißen. Einige Unterlagen von damals hat er mitgenommen. © Claudia Hübschmann

Von Beate Erler

Meißen. Nach 64 Jahren hat Günter Gruner die Stadt Dresden verlassen und ist mit seiner Frau nach Meißen gezogen. Das hat er nicht freiwillig gemacht, aber er hatte keine andere Wahl: „Seit 1954 habe ich in Dresden gewohnt und gearbeitet“, sagt er, „es war nicht leicht für mich, die Stadt zu verlassen.“ 

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Zuletzt lebte der heute 90-Jährige mit seiner Frau auf der Hauptstraße. Doch ihr ging es immer schlechter und sie brauchte Betreuung. Also zogen sie in das Advita-Neumarktquartier in Meißen. Hier haben sie eine ganz normale Wohnung, aber die Pflegekräfte sind gleich im Haus gegenüber und kommen bei Bedarf. Leider ging es seiner Frau dann sehr schnell immer schlechter: „Sie wurde hier in einem kleinen Zimmer gepflegt und ist im letzten Jahr gestorben“, sagt Günter Gruner. 

Nun wohnt der ehemalige Architekt allein in der hellen, gemütlichen Wohnung: Die braune Schrankwand und das beige Sofa sehen aus wie neu, dabei sind es Möbel aus DDR-Zeiten: „Die sind aus den 50er-Jahren“, sagt er, „ich wollte nichts Modernes.“ An den Wänden hängen Fotos von seiner Tochter, seinem Sohn und der Enkelin. Und überall lässt sich schon erahnen, dass hier jemand wohnt, der eine künstlerische Ader hat und gut zeichnen kann. 

Im Flur hängen drei kleine Bilder, in helles Holz gerahmt. Es sind Aquarelle mit Stadtansichten von der Burg Meißen, von der Augustusbrücke mit dem Dresdner Schloss und die Silhouette der Dresdner Altstadt im Winter: „Die habe ich vor etwa 20 Jahren gemacht“, sagt der gebürtige Oberlungwitzer. Im Architekturstudium hat er das Zeichnen gelernt. Auch sein Bruder hatte das Talent: „Er hat unseren Großvater genau eingefangen“, sagt er und zeigt auf eine Bleistiftzeichnung an der Wand. 

Die Wende ist 30 Jahre her und noch heute blättert Günter Gruner in seinen alten Arbeitsunterlagen von damals. Darin liegen Fotos seiner Bauprojekte nach der Fertigstellung, Entwürfe und Ausführungszeichnungen bis hin zu den Fotos, die den Abriss der Gebäude dokumentieren, die er selbst geplant hat: „Das Wissen soll nicht verloren gehen“, sagt er. 

Geboren wurde er 1931 in Oberlungwitz und erlebte den Zweiten Weltkrieg mit: „Unser Vater ging 1939 in den Krieg und kam zehn Jahre später zurück“, erinnert er sich. Auch der Vater war Architekt und Günter Gruner habe diese Ambitionen übernommen. Er studierte von 1951 bis 1954 an der Fachschule für Bauwesen in Glauchau Architektur. Danach wollte er unbedingt nach Dresden: „Die Zerstörung der Stadt war gewaltig und ich wusste, dass ich in Dresden ein Leben lang zu tun haben werde.“ 

Noch im Jahr 1954 wird er als Architekt im Volkseigenen Betrieb (VEB) Hochbauprojektierung Dresden angestellt. Damals arbeiteten Architekten, Innenarchitekten, Statiker und Bauwirtschaftler unter einem Dach zusammen. Mitunter gehörten über 20 Leute zu seinem Team in der Neustädter Tannenstraße. 

Unter Günter Gruners Leitung entstand auch der wohl bekannteste DDR-Bau Dresdens. Das Rundkino steht seit 2003 unter Denkmalschutz.
Unter Günter Gruners Leitung entstand auch der wohl bekannteste DDR-Bau Dresdens. Das Rundkino steht seit 2003 unter Denkmalschutz. © Claudia Hübschmann

Ganze Straßenzüge haben sie für die Stadt Dresden entworfen und geplant: Sein Büro erhielt Planungsaufgaben für die Wilsdruffer Straße, die Prager Straße und die Hauptstraße. Das waren große Projekte, an denen sie mehrere Jahre arbeiteten. Vor allem viele Gastronomie-Bauten hat Günter Gruner mit seinen Kollegen entworfen. 

Darunter so bekannte wie die Selbstbedienungsgaststätte Picknick auf der Grunaer Straße, die von den Dresdnern „Dreckscher Löffel“ genannt wurde. Oder das Haus am Zwinger, von dem er heute noch schwärmt: „Im sogenannten Fresswürfel gab es sieben Gaststätten und über 1.4000 Gäste konnten dort bewirtet werden.“ Tanzbar, Weinrestaurant, Espressocafé und im Keller eine Biergaststätte, in der es Radeberger Bier gab: „Die war immer voll“, erinnert er sich. 

Er selbst sei kein großer Gaststättengänger gewesen, aber nach der Eröffnung des Fresswürfels im Jahr 1967 hat er ihn natürlich besucht. Dabei sind ihm dann immer all die kleinen Veränderungen aufgefallen, und wenn etwas nicht ganz genauso aussah wie geplant. 

Zu seinen Projekten gehörte auch das 1972 eröffnete Restaurant International auf der Prager Straße. Auch hier waren wieder verschiedene gastronomische Einrichtungen untergebracht, wie das Restaurant Wroclaw oder die Gockelbar. In seiner kleinen Wohnung in Meißen zeigt Günter Gruner große Schwarzweißfotos der Restaurants. Die Bilder hat der hauseigene Fotograf damals gemacht: „Die Inneneinrichtung, das Mobiliar und die Wandbilder, alles wurde so aufwendig gestaltet“, erzählt er. 

Aber nach der Wende habe das niemanden mehr interessiert. Die Großgaststätten der DDR-Zeit wurden zum großen Teil enteignet und abgerissen: „Die neuen Nutzer haben erbarmungslos alles rausgerissen“, sagt er. So wie auch auf der Hauptstraße, für die sein Büro sämtliche Geschäfte und Restaurants entworfen hat. „Unsere Aufgabe war es, die Läden im Erdgeschoss so zu planen, dass der damalige Wohnungstypenbau auf das Erdgeschoss gesetzt werden konnte“, sagt er. 

Die Wohnungen auf der Hauptstraße gibt es noch immer und die Geschäfte im Erdgeschoss auch, aber es sind neue. Auf einem Blatt Papier hat Günter Gruner ordentlich vermerkt, welche Läden es einst dort gab: Rundfunk/Fernsehen, Eiscafé, Kosmetik, Schreibwaren, Blumen, Reisebüro, Tagesbar und Jugendbibliothek. Und auch: „Nach der Wende wurden alle Einrichtungen durch westliche Investoren verändert.“ 

Wehmütig ist er deswegen nicht, denn das sei Geschichte. „Aber wenn mich meine Enkeltochter fragt, was ich eigentlich gebaut habe, dann kann ich erst mal nur sagen, dass fast alles schon weg ist.“ Nicht so Dresdens wohl bekanntestes DDR-Gebäude: Das Rundkino entstand unter seiner Leitung. Als Festspieltheater geplant, eröffnete es im Jahr 1972: „Der riesige Saal war schon etwas Besonderes und es hatte die erste hängende Stahlbetondecke der DDR“, sagt der Architekt. 

Die Idee mit den weißen Keramiklamellen, die den gesamten Rundkörper des Kinos zieren, war damals nicht leicht umzusetzen: „Heute gibt es ja alles, was man sich vorstellen kann, aber damals mussten wir um jedes Stück Material kämpfen.“ Um die Keramik zu beschaffen, fuhren sie extra nach Thale im Harz zu einer Firma, die Keramikkochtöpfe herstellte. Sein letzter Besuch im Rundkino ist schon viele Jahre her: „Mittlerweile ist dort ja alles zugebaut und das Gebäude wirkt nicht mehr so wie früher“, sagt Günter Gruner. 

Bis 1996 arbeitete er als Architekt in Dresden und übernahm 1990 die Leitung des Planungsbüros Gruner/Trepte in der Bauplanung Sachsen GmbH. Auch nach der Wende konnte er wichtige Projekte umsetzen: Zum Beispiel für das Dresdner Rathaus und das Finanzministerium. Das Stadtbild von Dresden hat sich gerade in den letzten Jahren sehr stark verändert: „Die Stadt hat den Ansturm der Investoren nicht verkraftet“, findet er. 

Nun lebt er seit zwei Jahren in Meißen und fühlt sich hier sehr wohl. Er mag die alte Kultur der Stadt, für die er als Baumensch natürlich ein Faible hat. Oft geht er durch die Altstadt spazieren und macht immer wieder interessante Entdeckungen: „Es gibt hier herrliche Sitzportale“, sagt er. Die entstanden in der Zeit der Renaissance und waren beliebte Treffpunkte. „Jeder Baustil hat seine Bedeutung“, findet er und deshalb darf auch die Architektur der DDR nicht gänzlich verloren gehen.

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