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Landwirte klagen gegen den Freistaat

Die Betriebe leiden unter der Düngemittelverordnung. Wolfgang Grübler kritisiert falsche Messungen und unerreichbare Werte.

Wolfgang Grübler ist Landwirt aus Leidenschaft und Kämpfer gegen Restriktionen für Landwirte.
Wolfgang Grübler ist Landwirt aus Leidenschaft und Kämpfer gegen Restriktionen für Landwirte. © Archivfoto: Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Die Agrargenossenschaft Lommatzscher Pflege will sich der Klage von 160 Landwirten gegen die sächsische Düngemittelverordnung anschließen. Dies sagte deren Chef Wolfgang Grübler.

Die Düngemittelverordnung trat am 1. Januar dieses Jahres in Kraft. Demnach sollen Landwirte in Gebieten mit erhöhtem Nitratgehalt im Grundwasser, weniger Dünger ausbringen dürfen, um den Stickstoffgehalt zu senken. Dies gilt, wenn der Stickstoffgehalt im Grundwasser höher als 50 Milliliter pro Liter beträgt. Gebiete mit hoher Nitratbelastung sind dabei rot ausgewiesen. Die Flächen der Lommatzscher Agrargenossenschaft lagen bisher komplett im roten Gebiet.

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Allerdings hatten nicht nur die Lommatzscher Bauern erhebliche Zweifel, ob die Messstellen in Sachsen richtig funktionieren. Gutachter der Hydra Consult GmbH stellten tatsächlich fest, dass von 173 Messstellen in Sachsen insgesamt 127 ungeeignet sind. Weitere 18 wurden als eingeschränkt geeignet und weitere 21 als nicht geeignet eingestuft.

Eine dieser Messstellen war die an der Lommatzscher Freilichtbühne. Auch die wurde jetzt herausgenommen. Die Folge: Nur noch 462 von 2.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche der Agrargenossenschaft Lommatzscher Pflege liegen jetzt im roten Bereich.

Kuriose Messergebnisse

Wolfgang Grübler zweifelt auch die Art der Messungen an. So werde in Österreich in drei verschiedenen Tiefen gemessen und dann ein Mittelwert gebildet. In Deutschland werde hingegen nur an der Oberfläche gemessen. "Das ist der Stickstoffgehalt natürlich höher'", sagt er.

Bei den Messungen sei es auch zu kuriosen Ergebnissen gekommen. Auf einem Feld, auf dem die gleiche Frucht angebaut wurde und das durch einen Weg geteilt war, wurde links des Weges eine zu hohe Belastung gemessen, rechts davon war sie im grünen Bereich. "Das muss mir mal einer erklären", so der Genossenschaftschef.

Auch wenn jetzt weniger Fläche betroffen ist, bleibt die Düngeverordnung für den Betrieb trotzdem schwierig. "Das Problem ist, dass mit weniger Dünger keine Brotweizen-Qualität mehr erreicht wird. Das führt zu hohen Umsatzeinbußen", so Wolfgang Grübler. Denn auch Futter, Mais und Raps brauchten Stickstoff. Fehle dieser, führe das zwar nicht wie beim Weizen zu Qualitätseinbußen, aber zu weniger Ertrag.

"Schon zu DDR-Zeiten haben wir nach wissenschaftlichen Methoden gedüngt, den Pflanzen nur so viele Nährstoffe zugeführt, wie sie unbedingt für ihr Wachstum brauchten. Durch die Digitalisierung ist das jetzt noch exakter möglich", so der Landwirt. Durch die moderne Technik käme der Stickstoff genau an die richtige Stelle und nicht ins Grundwasser.

Es würde akribisch Buch über die Düngungen geführt, doch die Politik ignoriere dies. "Die Datengrundlage, auf die für die Düngemittelverordnung zurückgegriffen wurde, ist eine Katastrophe. Jedes Jahr liefern wir exakte Daten, aber die werden einfach ignoriert. Stattdessen basiert die Berechnung auf Durchschnittswerten. Sind Tiere in der Nähe, wird pauschal ein Wert draufgehauen", so Wolfgang Grübler.

Klarheit erst in drei, vier Jahren

Die von der Politik vorgegebenen Werte seien auch bei weniger Stickstoffeinsatz gar nicht zu erreichen. Ein Grund sei, dass es in den vergangenen drei Jahren weit weniger geregnet habe als sonst. So habe sich viel weniger Grundwasser bilden können. Dadurch sei der Nitratgehalt höher.

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Auch wenn die Lommatzscher sich der Klage anschließen wollen, gibt sich der 67-Jährige keinen übertriebenen Hoffnungen hin. "Wir wissen ja, wie lange Gerichtsverfahren dauern. Es wird sich wohl drei, vier Jahre hinziehen, bis wir endlich Klarheit haben." Dann wird er wohl nicht mehr der Chef der Agrargenossenschaft sein. Im Sommer möchte er die Geschäfte abgeben. Wenn sich ein Nachfolger findet. "Unter den gegenwärtigen Bedingungen will sich das kaum noch jemand antun", sagt er.

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