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Kinder und Jugendliche im Stress

Monatelang waren Schulen im Landkreis geschlossen. Nun dürfen sie wieder öffnen, aber der Stress für Schüler könnte jetzt erst richtig losgehen.

Rita Harzbecker ist als Schulleiterin am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) in Riesa für rund 950 Schüler verantwortlich.
Rita Harzbecker ist als Schulleiterin am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) in Riesa für rund 950 Schüler verantwortlich. © Claudia Hübschmann

Von Maria Knorr

Landkreis Meißen. Permanenter Leistungs- und Konkurrenzdruck in der Schule, Mobbing sowie gesellschaftlicher Druck durch Medien, Idole und Influencer: Das waren vor der Pandemie die Stressfaktoren, die Schülern am meisten auf die Seele schlugen, wie eine Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) von 2018 zeigt. Zukunftsängste und Einsamkeit haben diese Faktoren in der Krise zwar zurückgedrängt, doch wenn der normale Schul- und Freizeitalltag wieder einkehrt, wird auch der Konkurrenzdruck beim Sport oder in der Schule wieder an Bedeutung gewinnen. Dazu kommt die Herausforderung Lerndefizite auszugleichen.

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Der Heimunterricht hat Bildungslücken hinterlassen. Aber nicht bei allen in gleichem Ausmaß. Rita Harzbecker, Schulleiterin am Beruflichen Schulzentrum (BSZ) in Riesa, ist verantwortlich für rund 950 Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen beruflichen Bildungswegen und verschiedenen Schulabschlüssen. Sie bedauert: „Schwierig war, dass nicht alle Berufsschüler durchgängig von den Betrieben zum Lernen freigestellt wurden. Die hatten dann ein Problem, sich den Stoff adäquat zu erarbeiten.“ Veranstaltungskaufleute etwa hätten viel Zeit um im Online-Unterricht zu lernen, da betriebliche Arbeit in ihrer Branche kaum möglich war. Dagegen seien Berufsschüler von Handwerksberufen in die Betriebe geholt wurden. „Die haben also viel weniger gelernt in der Zeit. Da kann man nicht einfach pauschal sagen, gebt den allen ein halbes Jahr mehr. Da muss man sehr differenziert drauf schauen.“

Nachteile müssen aufgearbeitet werden

Besonders bei Schülern mit geringem Ausgangsniveau gebe es Handlungsbedarf. „Für die Schüler im Berufsvorbereitungsjahr, die ihren Hauptschulabschluss nachholen, ist es natürlich äußerst schwierig in einer Phase ohne Präsenzunterricht Fortschritte zu erzielen“, sagt Harzbecker. „Dort ist das Problem, dass wir nicht nur Wissenserwerb, sondern auch soziale Kompetenzen ein Stück weit wieder erarbeiten müssen.“ Ein konzentriertes Arbeiten über 45 Minuten müsse bei ihnen erst wieder trainiert werden, so Harzbecker.

Einige hielten die Schulschließungen für notwendig andere sind der Meinung sie hätten vermieden werden können. Einig sind sich aber alle Verantwortlichen, dass Kinder und Jugendliche Nachteile durch den Schullockdown erfahren haben, die nun aufgearbeitet werden müssen. Die Grünen haben dazu ein Positionspapier mit dem Titel „Junge Menschen in den Mittelpunkt“ vorgelegt, in dem Maßnahmen benannt sind, die die Bildungs- und Chancengerechtigkeit in Zukunft sichern sollen. Darin ist unter anderem vorgesehen Ganztagsangebote auszubauen und zusätzlichen Einzelunterricht oder Gruppencoachings zu ermöglichen. Das Geld dafür soll in erster Linie aus dem Bundesprogramm „Aufholen nach Corona“ kommen. Woher das Mehr-an-Zeit kommen soll, das die Schüler dafür brauchen, bleibt unklar.

Psychologe warnt vor zu viel Nachhol-Stress

Professor Dr. Marcel Romanos, Leiter des Deutschen Zentrums für Präventionsforschung (DZPP), der als Experte die KKH berät glaubt, dass die eigentlichen Herausforderungen noch bevorstehen: „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen haben, wird der Ruf laut werden, dass die Kinder das Versäumte so schnell wie möglich wieder aufholen sollen.“ Er fürchtet:“ Wenn wir dies undifferenziert und mit der ‚Brechstange‘ verfolgen, werden wir sehr schnell einen erheblichen Anstieg psychischer Störungen bei Kindern sehen“. Familien, in denen es bereits vor der Pandemie psychische Erkrankungen gab, litten besonders unter der Situation, so Romanos.

Die Erfahrung hat auch Frank Schuhmann, Heilpraktiker für Psychotherapie, gemacht. Der Geschäftsführer des Vereins „climbing for all“ in Radebeul bietet Kindern, die Bedarf an psychosozialer Unterstützung haben, regelmäßig in kleinen Gruppen Angebote für Klettertherapie an. Er beobachtet, das sich durch Corona bestehende Probleme bei Kindern verstärkt haben. „Sobald der Stress zu groß wird, klappen diese Kinder ab, bekommen Migräne und müssen sich zurückziehen. Darunter leidet die ganze Familie, weil sie sich darauf ausrichtet“, sagt er.

Die Unterbrechung von Therapie-Angeboten, die wegen der Kontaktbeschränkungen während der Pandemie nicht stattfinden konnten, haben Spuren hinterlassen. „Die Kinder haben zugenommen und sind dadurch unbeweglich, sie haben Koordinationsschwierigkeiten und sind hippeliger, können sich kaum konzentrieren“, stellt Schuhmann fest. Glänzende Augen bekommt er, wenn er von den Erfolgen der Therapie erzählt. „Die vielseitigen Impulse tun den Kindern gut. Es geht um Vertrauen, Selbstwirksamkeit, Bestätigung des Selbstwertes und darum mit Grenzen umzugehen.“

Ist der Ehrgeiz, die Lücken im Lehrplan jetzt vollständig zu schließen angebracht? „Die „detaillierten, überfrachteten, sächsischen Lehrpläne brauchen eine Verschlankung auf das Wesentliche“, heißt es im Positionspapier der Grünen. Harzbecker vom BSZ Riesa ist gespannt, was da kommt. „Bei beruflichen Gymnasien wird das bereits terminiert, das man weiß welche Prüfungskomplexe im Jahr 2022 relevant oder nicht relevant sein werden und das erhoffe ich auch für andere Ausbildungen und Berufsausbildungen.“ Bei denen sei das nicht ganz einfach, weil verschiedene Partner mit reinspielen wie die IHK, Handwerkskammer und das Regierungspräsidium, die sich für ihre Schüler stark machen müssten.

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