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Sensation im Stadtarchiv Meißen

Diese Stadtchronik zu Meißen stammt aus dem 18. Jahrhundert. Warum sie niemals gedruckt wurde, aber trotzdem immens viel wert ist.

Dieses alte Buch überdauerte mehr als drei Jahrhunderte. Es stammt von einem Meißner Historiker, der wohl sehr leidenschaftlich und gewissenhaft daran arbeitete.
Dieses alte Buch überdauerte mehr als drei Jahrhunderte. Es stammt von einem Meißner Historiker, der wohl sehr leidenschaftlich und gewissenhaft daran arbeitete. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ein Anruf Tom Lauerwalds hat Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) ungläubig zurückgelassen. Der Stadtarchivar erzählte von einer einmaligen Gelegenheit. Er bekam mit, dass ein Hamburger Antiquar eine Meißner Stadtchronik verkaufen wollte. Und zwar an die Sächsische Landesbibliothek in Dresden. Diese lehnte jedoch ab, da sie vermutlich zu teuer war. Tom Lauerwald sah darin aber eine einmalige Gelegenheit für die Stadt Meißen. Die etwa 300 Jahre alte Chronik liegt nun im Stadtarchiv, für jeden einsehbar. Darin stehe der Wissenstand aus Meißen im Jahre 1730 und reicht bis in das fünfte Jahrhundert, sagt der Stadtarchivar. „So eine umfassende Chronik gab es vorher noch nicht für Meißen.“

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Tatsächlich: Wer durch die mehr als 1.000 Seiten blättert, könnte das Buch auch mit einem Lexikon verwechseln. Verfasser Johann Conrad Knauth spiegelt in acht Kapiteln den damaligen Wissensstand wider. Es werden berühmte Einwohner vorgestellt, aus unterschiedlichen Ständen und Gewerken. In der Chronik stehen auch die damaligen Sitten und Bräuche, das politische System sowie die gesprochenen Sprachen. Genauso beschreibt er die Albrechtsburg, den Dom, den Hochstift, aber auch das Meißner Umland mit seinen Ländereien, Schlössern, Rittergütern und Kirchdörfern. Alle Themen, die Anfang des 18. Jahrhunderts in Meißen relevant waren, finden sich in der Stadtchronik.

Meißner Historiker am Dresdner Hof

Johann Conrad Knauth war dabei ein bekannter Historiker. Er wurde 1662 in Meißen-Cölln geboren. Nach einem Studium in Wittenberg war er Rektor der Dresdner Kreuzschule, aus dem der noch heute sehr renommierte Dresdner Kreuzchor hervorgeht. Am Dresdner Hof war der Meißner ebenfalls ein bekannter Historiker. In der sächsischen Bibliografie finden sich zu ihm 23 Einträge, in der Sächsischen Landesbibliothek sind es mehr als 70. Der Historiker veröffentlichte demnach viele Schriften, nur die Stadtchronik ist nirgendwo verzeichnet. Kein Wunder, sie wurde nie gedruckt.

Das Buch hat der geborene Meißner nur handschriftlich verfasst. In etwa 20 Jahren. „Das kann man ganz gut anhand der vielen Korrekturen erkennen“, sagt Tom Lauerwald. An einer durchgestrichenen Jahreszahl, die von 1710 in 1730 geändert wurde, leitet man sich die Dauer der Entstehung ab. Außerdem gibt es am Rand viele ergänzende Erklärungen oder zusätzlich eingeklemmte Blätter. Aber selbst nach fast einem Vierteljahrhundert hat es Johann Conrad Knauth nicht geschafft, das Buch fertigzustellen.

Tom Lauerwald (rechts) studiert zufrieden die Stadtchronik Meißens. Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos): „Es ist ein kleines Wunder, dass es die Chronik noch gibt.“
Tom Lauerwald (rechts) studiert zufrieden die Stadtchronik Meißens. Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos): „Es ist ein kleines Wunder, dass es die Chronik noch gibt.“ © Claudia Hübschmann

Denn wer hätte damals das Buch überhaupt verlegt? Aus den mehr als 1.000 handschriftlich beschriebenen Seiten würden locker 1.500 gedruckte Seiten und mehr, schätzt Tom Lauerwald. Vermutlich wollte sich damals keiner auf das wirtschaftliche Risiko einlassen, dieses gewaltige Werk zu veröffentlichen. Außerdem würden noch einige inhaltliche Punkte darin fehlen, die der Historiker nicht aufgeschrieben hatte. Vermutlich wurde es deshalb nach seinem Tod 1732 nicht weiter beachtet. Unklar bleibt außerdem, warum Johann Conrad Knauth dieses komplexe Werk verfasst hat. Ob nun aus wirtschaftlichen Interessen oder aufgrund seiner Leidenschaft als Chronist seiner Zeit. Allerdings deutet die lange Entstehungsgeschichte darauf hin, dass es wohl ein Herzensprojekt war, das er immer wieder aktualisierte.

Chronik soll künftig digitalisiert werden

„Es ist ein kleines Wunder, dass es die Chronik noch gibt“, sagt der Oberbürgermeister. „Für uns hat sie einen immensen ideellen Wert.“ Deshalb danke er Tom Lauerwald, dass er die Stadt Meißen darauf aufmerksam gemacht und letztlich auch bezahlt hat. Denn der Archivar ist gleichzeitig Stiftungsverwalter der Otto-Emma-Horn-Stiftung. Die 1951 gegründete Stiftung setzt sich unter anderem für Denkmalschutz und -pflege ein wie das Fachwerkgebäude am Lommatzscher Tor 1, aber auch für die Erforschung der Stadtgeschichte Meißens. Deshalb förderte Tom Lauerwald als Stiftungsvertreter die Stadtchronik, die nach neuer Verhandlung mit dem Hamburger Antiquariat 15.000 Euro gekostet hat.

Was mit dem Werk jetzt passieren werde, sei noch nicht abschließend geklärt, so Tom Lauerwald. Er könne es sich aber gut vorstellen, dass die Chronik in der anstehenden 1.100 Jahrfeier in Meißen eine Rolle spielen werde. Auch Oberbürgermeister Olaf Raschke zeigt sich am Freitag im Stadtarchiv aufgeschlossen und sagt dazu, dass es eine Jubiläumsarbeitsgemeinschaft in der Stadtverwaltung gebe, die sich der Chronik annehmen werde. Es gibt aber auch Überlegungen, diese zu digitalisieren, zumindest in kleinen Schritten, sagt Tom Lauerwald. Bis das soweit sei, könne aber jeder einzelne ins Stadtarchiv kommen und die Stadtchronik studieren.

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