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Den Mauerfall im Knast verpasst

Roy Pawecks Leben verlief lange Zeit in geordneten Bahnen. Ein Ereignis machte ihn zum Staatsfeind der DDR. Unbequem ist der Gohliser noch heute.

Roy Paweck aus Gohlis hatte die Maueröffnung verpasst. Als Staatsfeind saß er im November 1989 im Gefängnis.
Roy Paweck aus Gohlis hatte die Maueröffnung verpasst. Als Staatsfeind saß er im November 1989 im Gefängnis. © Foto: Lutz Weidler

Er führte in der DDR ein ganz normales Leben. War bei den Jungpionieren, den Thälmannpionieren, später dann in der Freien Deutschen Jugend. Seine Mutter, die nach der Scheidung ihre vier Kinder allein großzog, war in der SED. Er trieb Sport, war seit seinem siebenten Lebensjahr Judoka, stand bei Stahl Riesa auf der Matte. Zur Kinder- und Jugendspartakiade in Berlin durfte er die Fahne tragen. „Ich war stolz wie Oskar. In der Ferne konnte ich den Erich sehen“, sagt der heute 53-jährige Roy Paweck. Und doch wurde er zum Staatsfeind, landete in Stasihaft, wurde verurteilt, saß im Gefängnis. Was nur war passiert?

Nach der zehnten Klasse lernte der gebürtige Riesaer im damaligen Stahl- und Walzwerk Riesa Zerspanungsfacharbeiter. „Ich hatte eine hervorragende Ausbildung“, sagt er. Danach arbeitet er in der Mechanischen Werkstatt des Rohrwerkes Zeithain. „Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, ich war derjenige, der fast keinen Ausschuss produzierte, hatte hervorragende Einkommensaussichten“, erinnert er sich. Seine Arbeit wird geschätzt. So sehr, dass er an einem neuen, teuren Bohrwerk arbeiten soll. Er freut sich darauf, doch die Sache hat einen Haken. „Mein Abteilungsleiter kam zu mir und sagte, dass nur Genossen an dieser Maschine arbeiten dürften. Ich sollte in die SED eintreten, der wollte mich erpressen“, sagt er und ist heute noch erzürnt. Er lässt sich nicht erpressen, lehnt ab, kündigt. Die Kündigung wird nicht akzeptiert, man will ihn nicht gehen lassen. Da geht er einfach von selbst.

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Den Wehrdienstausweis gleich mitgeschickt

Roy Paweck findet schnell eine neue Arbeit im Riesaer Aropharmwerk. Drei Jahre arbeitet er dort, dann will er 1988 seinen Meister machen. Kein Problem, sagt sein Chef. Es gibt doch ein Problem, eine Bedingung, ein Déjà-vu. Wieder wird er aufgefordert, in die SED einzutreten. Er kann es nicht fassen, kündigt erneut, und er kündigt auch innerlich mit dem Staat. Jetzt schlägt er sich mit Schrottsammeln irgendwie durch. Stellt einen Ausreiseantrag, schreibt Petitionen an den Staatsrat. „Darin habe ich meine Rechte an die DDR zurückgegeben, auch mein Recht auf Arbeit“, sagt er. Und schickt gleich seinen Wehrdienstausweis mit. Es gibt nie irgendeine Reaktion oder Antwort auf seine Petitionen.

Dann schreibt er wieder eine. Es soll seine letzte sein. „Ich habe Vorschläge gemacht, wie die DDR verbessert werden könnte“, sagt er. Dazu gehören zum Beispiel uneingeschränkte Reisefreiheit, Aberkennung von Auszeichnungen, welche zu Unrecht verliehen wurden, Rehabilitierung von Ausreisewilligen, Konsolidierung der Wirtschaft durch verstärkte Einführung von Privateigentum an Produktionsmitteln nachdem Vorbild der BRD, Abschaffung der Intershops und Herstellen eines realen Wechselkurses der DDR-Mark zu frei konvertierbarer Währung. Doch zwei weitere Forderungen bringen die Genossen so richtig in Wallung. Er fordert die Umbenennung der DDR in „Diktatur von SED-Funktionären“ und Auflösung der SED, da „diese eine Herberge für Verbrecher, Seelenverkäufer, Alkoholiker und korrupte Beamte geworden“ sei.

Schon in jungen Jahren kämpfte Roy Paweck als Judoka bei Stahl Riesa. 
Schon in jungen Jahren kämpfte Roy Paweck als Judoka bei Stahl Riesa.  © privat
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1996. Roy Paweck mit Judo-Olympiasieger Udo Quellmalz. 
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1996. Roy Paweck mit Judo-Olympiasieger Udo Quellmalz.  © privat
Urteil des Kreisgerichtes Dresden. Paweck wird zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt. ..
Urteil des Kreisgerichtes Dresden. Paweck wird zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt. .. © Foto: Lutz Weidler

Unter einem Vorwand wird er zur "Klärung eines Sachverhaltes" in die Riesaer Stasi-Dienststelle an der Lommatzscher Straße einbestellt. An dem Gebäude gab es Schmierereien. Paweck wird verdächtigt, weil er in der Nähe wohnt. Beweise gibt es nicht, kann es nicht geben. "Ich war das nicht", sagt er noch heute. Er kommt nicht weit. Vor dem Haus steht ein Wartburg, vier Leute steigen aus. Sie hätten ein paar Fragen.  Er wird nach Dresden ins Stasi-Gefängnis gebracht, gleich dabehalten. "Ich wurde gut behandelt, blieb körperlich unversehrt. Es gab ausgezeichnetes  Essen, eine Tageszeitung - das Neue Deutschland - einmal in der Woche kam der Bücherwagen", sagt er. "Wenn Sie hier rauswollen, müssen Sie den Wolfgang Vogel als Anwalt haben", hat ihm sein Vernehmer gesagt. Damit ist für Paweck klar: Er soll als politischer Gefangener für viel Westgeld freigekauft werden.     

"Die DDR verächtlich gemacht"

Nach sechs Wochen Untersuchungshaft kommt es am 6. Mai 1989 am Kreisgericht Dresden zum Prozess. Roy Paweck wird wegen "öffentlicher Herabwürdigung" angeklagt. Er bekommt tatsächlich einen Verteidiger aus der Kanzlei von Vogel. Er zeigt ein Schreiben von damals. Mehrere Konten von Vogel sind dort aufgeführt. Eines auch in Westberlin.  

Der Staatsanwalt fordert eine Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten, der Verteidiger hält zehn Monate für ausreichend. Das Gericht folgt dem Antrag des Staatsanwaltes. Der Angeklagte habe mit seinem Schreiben seinem Antrag auf Ausreise aus der DDR Nachdruck verleihen wollen. Er erhoffe sich in der BRD größere persönliche Freiheiten und bessere Entwicklungsmöglichkeiten.

In seinem Schreiben an den Staatsrat habe er zum Ausdruck gebracht, dass in der sogenannten DDR gesellschaftspolitische Missstände herrschten, er durch Mitglieder der SED und Angestellte im Verwaltungsapparat diskriminiert wurde und die DDR eine Diktatur von SED-Funktionären sei. Er habe sich schuldig gemacht, indem er ein Schreiben mit wahrheitswidrigen, tendenziösen Behauptungen herstellte, mit denen die staatliche Ordnung der DDR verächtlich gemacht wurden, ist weiter zu lesen. Die hohe Tatschwere ergebe sich aus den äußerst massiven herabwürdigenden Äußerungen.

Nach der Verurteilung geht es gleich zurück ins Gefängnis. Später kommt er nach Rackwitz, muss im Aluminiumwerk schwer im Drei-Schicht-Betrieb schuften. "80 Prozent der Häftlinge waren Politische, aber es gab auch Verbrecher, die Raubüberfälle und schwere Gewalttaten begangen hatten", sagt er. Das bekommt er bald zu spüren. "Nachdem  ich  von der Schicht zurückgekehrt war, mich gerade umziehen wollte, bekam ich  einen üblen, schmerzhaften Schlag in die Nieren", sagt er. Der Täter war ein Mithäftling, der sich offenbar als Boss sah. Er sagte, Paweck habe bei ihm Schulden, sollte die von seinem kargen Lohn an ihn abbezahlen. "Der wusste nicht, was ich für eine Ausbildung hatte", sagt er und lacht. Der Judoka legt den Kontrahenten aufs Kreuz, und nicht nur das. Hinterher fehlt dem auch ein Schneidezahn. "Von da an hatte ich Ruhe", sagt er. 

"Aufseher wussten, das es zu Ende geht"

Dann wird Herbst, was im Lande passiert, davon bekommen die Häftlinge kaum etwas mit. "Es gab Gerüchte, dass die Mauer auf ist. Ich habe nicht geglaubt, dass das wahr ist", sagt er.  Und so kommt es, dass Roy Paweck einen weltgeschichtlichen Moment durch den Knast verpasst hat. Denn es ist  wahr  und auch, dass es eine Amnestie geben soll. "Plötzlich waren die Aufseher ganz klein und freundlich zu uns. Die wussten, dass es zu Ende geht", sagt er. Andererseits hätten sie aber die Häftlinge für die Produktion gebraucht. Die machen jetzt nicht mehr mit, verweigern die Arbeit. "Wir wurden auf Lkw verladen, sollten auf andere Gefängnisse in Leipzig  aufgeteilt werden. Die waren aber alle voll", sagt er. 

Vier Tage nach der Maueröffnung kommt er durch die Amnestie frei. Er besitzt nur die Sachen, die er anhat. "Meine Mutter wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Wir hatten damals ein schwieriges, angespanntes  Verhältnis. Sie hat mich nicht ein einziges Mal im Knast besucht", sagt er  und tut, was er schon immer wollte. Er geht in den Westen, nach Krefeld, findet schnell Arbeit als Bohrwerker. Doch 1994 wird er entlassen. Jetzt will er endlich seinen Meister machen. Ihm wird die Möglichkeit gegeben - in Dresden.  So kommt er mehr oder weniger unfreiwillig zurück in die alte Heimat. Nimmt sich mit seiner Lebensgefährtin und den Kindern eine Wohnung in Gröditz. Später kaufen sie ein Haus in Gohlis, eine "alte  Bude", wie er sagt. Er arbeitet auch wieder in Riesa als Judotrainer. 

Nachdem er seinen Meisterabschluss geschafft hat, wird ihm klar, dass er in diesem Beruf wenig Zukunft hat. "Ich habe Bewerbung um Bewerbung geschrieben, bekam überall Absagen", sagt er. Er findet eine Anstellung als Trainer im Riesaer Landesleistungsstützpunkt Judo. Nach vier Jahren wird das Prädikat Leistungsstützpunkt aberkannt. Paweck wird entlassen, fällt in ein tiefes Loch.  Schlägt sich durch mit ABM und anderen Maßnahmen. Dann widmet er sich mit seiner Partnerin der Erziehung der vier Kinder, die heute 25, 23, 20 und 13 Jahre alt sind. Jahrelang lebt er von Sozialleistungen und einer kleinen Rente, die ihm nach dem Entschädigungsgesetz für SED-Opfer zugesprochen wurde. Er ist auch rehabilitiert. 

Dann geht die Beziehung in die Brüche. Doch er findet eine neue Partnerin und auch eine neue Arbeit als pädagogischer Mitarbeiter eine Fortbildungsgesellschaft. Dann der nächste  Rückschlag. Der jahrelange Leistungssport fordert seinen Tribut. "Ich habe bis 2005 als Judoka gekämpft, das rechtzeitige Aufhören verpasst", sagt er. Das rechte Hüftgelenk ist hinüber, er bekommt eine Prothese. Mit 53 Jahren. Noch immer ist er deswegen krankgeschrieben.

Schweißgebadet aufgewacht

Krank gemacht hat ihn auch seine Vergangenheit. "Ich konnte mit niemandem darüber reden, wachte oft schweißgebadet auf", sagt er. Und ist wohl auch traumatisiert, sieht überall Feinde. Als ihn eine Mitarbeiterin des Jobcenters aus seiner Sicht ungerecht behandelt, ihm Leistungen verwehrt, die ihm zustünden, ist er entsetzt. "So wie mich die Frau arrogant und von oben herab behandelt hat, sah ich mich in DDR-Zeiten zurückversetzt", sagt er. Und findet durch einen Zufall heraus, dass der Vater dieser Frau ein hoher Stasioffizier war.  

Er beschwert sich beim Meißner Landratsamt über die Frau. Das zeigt ihn wegen Verleumdung an. "Ich habe niemanden verleumdet, alles, was ich geschrieben habe, waren Tatsachen", rechtfertigt er sich. Am Amtsgericht Riesa wird er verurteilt, aber nicht wegen Verleumdung, sondern wegen Beleidigung. Auch da habe er sich wieder an DDR-Zeiten erinnert gefühlt.  Das Urteil habe schon vorher festgestanden, sagt er. 

Er geht in Berufung, doch das Landgericht Dresden bestätigt das Riesaer Urteil. Jetzt legt sein Verteidiger Revision ein. Das Oberlandesgericht Dresden gibt dieser statt, eine andere Kammer des Landgerichtes muss sich erneut mit dem Fall beschäftigen. Ein Freispruch wie von Roy Paweck erhofft, wird es zwar nicht, aber diesmal stellt das Gericht das Verfahren wegen geringer Schuld ein.  Es sei schon ungewöhnlich, dass jemand, dem zu DDR-Zeiten Unrecht angetan wurde, jetzt wieder zu Unrecht verurteilt wurde, stellt der Richter fest. "Durch dieses Verfahren  habe ich mein Vertrauen in die deutsche Justiz wiedergefunden. Erst dieser Richter hat sich ausführlich mit dem Fall  und meiner Vergangenheit beschäftigt", sagt er. 

Roy Paweck hat seinen Frieden gefunden. „Ich durfte vor etwa 20 Jahren den christlichen Glauben kennenlernen. Er hat mich seither sehr beeinflusst. Ich kann dadurch vergeben, auch den Tätern von einst“, sagt er. Sein ganzer Stolz ist sein eineinhalbjähriger Sohn Kolja, den er mit seiner neuen Lebensgefährtin hat. Nach seiner Genesung habe er Aussicht auf einen Job. 

Unbequem ist er immer noch. Und dennoch. Manches würde er heute nicht mehr so machen. Mit seiner Mutter, die inzwischen gestorben ist, hat er sich ausgesöhnt. "Mit der Erfahrung von heute,  mit dem Wissen um die Konsequenzen damals und mit Verantwortung für eine Familie würde ich heute eine solche Petition nicht mehr schreiben", sagt er.  Roy Paweck möchte vor allem eines. Ein ganz normales Leben führen. So wie einst. 

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