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"Mein erster Gedanke war: alles abreißen"

Der Lommatzscher Unternehmer Andreas Richter hat eine 20.000 Quadratmeter große Industriebrache gekauft. Was hat er vor?

Von Jürgen Müller
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Ein Stück Industriegeschichte - die Hallen der Firma Gotthardt und Kühne in Lommatzsch aus der Vogelperspektive.
Ein Stück Industriegeschichte - die Hallen der Firma Gotthardt und Kühne in Lommatzsch aus der Vogelperspektive. © Gerhard Schlechte

Lommatzsch. Die Gebäude und Hallen auf den beiden insgesamt rund 20.000 Quadratmeter großen Grundstücken spiegeln ein Stück Lommatzscher Industriegeschichte wider. Hier siedelte sich 1919 die Firma Gotthardt und Kühne an, ein Betrieb, der Maschinen für die Landwirtschaft herstellte, beispielsweise Kartoffeldämpfer. Neben der Glasindustrie begann damit die Industrialisierung der Stadt.

Die Glasindustrie gibt es mit Schollglas heute immer noch, auch der Dämpferbau hat mit der jetzigen Lomma einen Nachfolgebetrieb gefunden. Doch längst nicht alle ehemaligen Grundstücke wurden dafür genutzt. So auch zwei Flächen an der Bahnhofstraße. 2007 wurden sie dem damaligen geschäftsführenden Gesellschafter der Lomma GmbH Martin Spieß von einer Erbengemeinschaft zum Kauf angeboten. Spieß, der weiter expandieren wollte, schlug zu. Doch schon drei Jahre später war es nicht nur mit den Expansionsplänen, sondern auch mit der damaligen Lomma vorbei.

Diese Industriebrache in Lommatzsch wurde jetzt verkauft. Der neue Eigentümer will die Gebäude so weit wie möglich erhalten.
Diese Industriebrache in Lommatzsch wurde jetzt verkauft. Der neue Eigentümer will die Gebäude so weit wie möglich erhalten. © Gerhard Schlechte
In den Werkhallen des ehemaligen Dämpferbaus in Lommatzsch hat der Zahn der Zeit genagt.
In den Werkhallen des ehemaligen Dämpferbaus in Lommatzsch hat der Zahn der Zeit genagt. © Gerhard Schlechte
Aufräumen und Müll entsorgen sind jetzt erst einmal die Aufgaben des neuen Eigentümers.
Aufräumen und Müll entsorgen sind jetzt erst einmal die Aufgaben des neuen Eigentümers. © Gerhard Schlechte
Sieht schlimm aus, doch die Bausubstanz ist offenbar noch gut erhalten.
Sieht schlimm aus, doch die Bausubstanz ist offenbar noch gut erhalten. © Gerhard Schlechte

Seither gammeln die Grundstücke vor sich hin. "Der Insolvenzverwalter wollte die Grundstücke aus der Insolvenzmasse herausnehmen. Der Verwalter hat uns klargemacht, dass ihn die Belange der Stadt nicht interessieren", sagt Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP). Verkaufen oder nutzen konnte die Stadt die Grundstücke nicht, weil sie Spieß gehörten. "Er war jedoch für uns unauffindbar. So haben wir eine Notliquidation beantragt", sagt die Bürgermeisterin. Damit wurde das Vermögen der GmbH verwertet und die Gläubiger bedient. Mit dem Verkaufserlös konnten die Schulden von Spieß, die er gegenüber der Stadt hatte, getilgt werden, so Abwasserkosten und Grundsteuer.

Überraschend gute Bausubstanz

Erworben hat die beiden Grundstücke der Lommatzscher Unternehmer Andreas Richter, der Edeka-Märkte in Lommatzsch, Stauchitz, Roßwein, Nossen und Nünchritz betreibt. Doch was trieb ihn dazu, diese Ruinen zu kaufen? "Als Lommatzscher liegt mir viel daran, dass diese Flächen nicht wieder in die falschen Hände kommen", sagt der 65-Jährige. Er wolle sich hier ein zweites Standbein aufbauen.

"Mein erster Gedanke war: alles abreißen und Eigenheime hinbauen", sagt er. Diesen Gedanken hat er jedoch schnell verworfen, nachdem er sich die Gebäude mit Fachleuten näher angeschaut hatte. Die Bausubstanz der Häuser, die teils aus den 1950er Jahren stammen, teils schon über 90 Jahre alt sind, sei in einem überraschend guten Zustand. Eines davon ist sogar im wahrsten Sinne des Wortes bombensicher. Darin befanden sich Luftschutzbunker. "Ich möchte jetzt einen Teil der historischen Gebäude erhalten. Das hängt aber auch davon ab, was Statiker und Bauamt dazu sagen", so Richter.

Doch was soll dann daraus werden? Das Gebiet, auf dem sich die Grundstücke befinden, ist ein sogenanntes Mischgebiet. "Es wäre also möglich, es für Wohnung und für Handwerk zu nutzen", sagt die Bürgermeisterin. "Ich fände es jedoch gut, über Jahre etwas vorsichtig zu entwickeln, anstatt etwas aus dem Boden zu stampfen, was dann nicht funktioniert", so Anita Maaß. In der Partnerstadt Weissach habe es eine ähnliche Industriebrache gegeben, das Rombold-Areal. Um diese Brache wieder nutzbar zu machen, habe es 30 Jahre gebraucht. Das war eine der größten Gewerbebrachen im dortigen Landkreis. Auf dem Areal der ehemaligen Tonwarenfabrik entstand eine Mischung aus Wohnbebauung, Kleingewerbe und Dienstleistungen.

Historisches möglichst erhalten

So viel Zeit gibt sich Andreas Richter nicht. Er rechnet mit rund zehn Jahren. "Jetzt müssen wir erstmal Unkraut beseitigen, Müll beräumen, Ordnung schaffen", sagt er. Alles Historische, was er findet - beispielsweise Leuchtreklame - soll repariert und aufgearbeitet werden. Was konkret entstehen soll, das will er derzeit aber noch nicht sagen. "Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ein Einheimischer die Grundstücke erworben hat, der hier mit viel Sensibilität herangeht und Historisches erhalten will", so die Bürgermeisterin.

"Ich war schon immer ein bisschen verrückt", sagt Andreas Richter. So 1991, als er in Lommatzsch als erster in der Stadt einen Supermarkt baute und dafür fünf Millionen Mark Kredit aufnahm. "Für zwölf Prozent Zinsen", wie er anmerkt.

Heute hat er in seinen Märkten rund 100 Mitarbeiter. In absehbarer Zeit will er die Geschäfte an seine Tochter übergeben. Und dann kann er sich in aller Ruhe und mit aller Kraft seinem neuen, zweiten Standbein widmen. Und im Idealfall damit Zeugnisse der Lommatzscher Industriegeschichte erhalten und wieder nutzen.