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Geschlechtergerechtigkeit in Meißen: Sabine Murcek ist für alle da

Die Beauftragte für Gleichstellung und Senioren will Ansprechpartnerin für alle Meißnerinnen und Meißner sein. Ihren ersten Erfolg können Sie bald lesen.

Von Martin Skurt
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Sabine Murcek ist seit 1. Mai 2021 Gleichstellungs- und Seniorenbeauftragte für Meißen.
Sabine Murcek ist seit 1. Mai 2021 Gleichstellungs- und Seniorenbeauftragte für Meißen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ob Kummerkasten, Hilfe bei der Antragsstellung eines Behindertenausweises, geschlechtergerechte Sprache oder die Mobilität der älteren Meißnerinnen und Meißner: Sabine Murcek will künftig für alle in der Stadt Meißen da sein. Denn Gleichstellung bedeutet für sie die Gleichstellung aller Menschen, egal ob Mann, Frau, Ältere oder Menschen mit Behinderung. Da mache sie keinen Unterschied. Sie möchte etwas für die Bürgerinnen und Bürger bewegen. Oder sie vermittelt weiter. Dafür vernetzt sie sich mit anderen Initiativen und Vereinen in und um Meißen. Bei konkreten Anfragen versucht sie immer zu helfen. Selbst würde sie sich als resilient und konsequent beschreiben. "Ich suche stets kreative Lösungen, um die Herausforderungen der Menschen zu bewältigen."

Die Gleichstellungs- und Seniorenbeauftragte sagte schon oft, ob in der Stadtratsvorstellung oder im Sächsische.de-Gespräch, dass sie aus der Produktion komme. Sie war vor ihrer Anstellung in der Meißner Stadtverwaltung eine Führungskraft in einem größeren Betrieb aus Coswig. "In meiner mehrjährigen Erfahrung habe ich als Frau alles erlebt, was man als Frau erleben kann", sagt sie. Von Diskriminierung über Sexismus bis zum Hinterfragen ihrer fachlichen Eignung, wenn es schwierig wurde.

"Als Frau muss man mehr leisten"

Für das Coswiger Unternehmen war sie beispielsweise häufig auf Dienstreise, um Produkte an andere Firmen zu verkaufen. Wenn sie erfolgreich mit einem Auftrag zurückkam, wurde ihr meist gesagt: "Ist ja logisch, denn Sex sells." Wenn sie allerdings scheiterte, wurde manchmal hinterfragt: ob sie wirklich die Richtige in der Verantwortungsposition sei. "Ich denke, bei Männern ist das anders", so Sabine Murcek. "Als Frau muss man immer mehr leisten als männliche Kollegen in vergleichbaren Positionen." Das habe sie getan, sonst wäre sie nicht so erfolgreich gewesen. Mit dieser Erfahrung und ihrem pragmatischen Verständnis des Feminismus wollte sie sich trotzdem mit dieser Ungleichbehandlung nicht abfinden.

Die Stelle in Meißen bezeichnet sie deshalb als Glücksgriff. Murceks Position in der Gießerei wurde gestrichen, und sie persönlich wollte sich neu orientieren. "Ich habe in den vergangenen Jahren eher technisch gearbeitet. Mir fehlte aber das Menschliche. Gerade das erfüllt mich bei meiner jetzigen Arbeit", sagt die Gleichstellungsbeauftragte und ist gleichzeitig dankbar. Dass es in Meißen überhaupt diese Stelle in Vollzeit gibt, das sei eine politische Ansage. Nicht jede Stadt leistet sich so etwas. In Coswig und Radebeul füllt dieses Amt nur eine Gleichstellungsbeauftragte aus. Murcek ist sich dessen bewusst, wie privilegiert sie ist. "Ich will deshalb meine Zeit nutzen, um auf die Gleichstellung aufmerksam zu machen."

Hauptsatzung in Meißen künftig geschlechtergerecht

Ihre erste größere Amtshandlung in diesem Sinne ist die Anpassung der Hauptsatzung der Stadt Meißen, die als eine Art Verfassung für die Kreisstadt fungiert. Künftig soll die Hauptsatzung geschlechtergerecht verfasst sein. Das heißt konkret, Mann und Frau werden ausnahmslos benannt. Wenn alles reibungslos läuft und der Meißner Stadtrat im Dezember darüber beschließt, könnte ab Weihnachten das geänderte Verfassungsstatut gelten. Das wäre der erste größere Erfolg für Sabine Murcek.

Auch wenn sie sonst nicht so firm mit politisch korrekter Sprache sei, die geschlechtergerechte Sprache ist für sie ein wichtiges Anliegen. "Männer und Frauen gleichermaßen zu benennen, sollte selbstverständlich sein." Gerade dadurch hoffe sie, dass sich das im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger festsetzt. Denn wenn immer nur das männliche Geschlecht bezeichnet und das weibliche mitgemeint wird, verstetigt sich das in den Ansichten der Menschen. Männer stehen vorn und Frauen hintendran, könnte die Übersetzung lauten.

In ihrer Vorstellungsrede im Sozial- und Kulturausschuss im Sommer wurde sie für diese Einstellung von einigen Stadträten gelobt. Denn in den vergangenen Jahren setzte die Gleichstellungs- und Seniorenbeauftragte eher den Schwerpunkt auf Letzteres in ihrem Namen. Das hat Gabriele Richter, die Vorgängerin, in ihrem letzten Bericht im Stadtrat selbstkritisch festgestellt. Als Nächstes möchte Sabine Murcek nun die Bezeichnungen Seniorinnen und Senioren abschaffen. Ihrer Meinung nach sind das Begriffe, die ältere Menschen diskriminieren, so ihre Aussage im Ausschuss. Dafür lade sie alle Meißnerinnen und Meißner künftig ein, ihr Vorschläge zu schicken.

Eine Gleichstellungsbeauftragte ist weisungsfrei

Die Gleichstellungsbeauftragte bemüht sich aber nicht nur um die Sprache oder Gleichstellung. Sie nimmt auch die Aufgabe als Seniorenbeauftragte ernst. So hat sie die Ausstellung ihrer Vorgängerin "20 Jahre Seniorenvertretung" zu Ende gebracht oder hat den jährlichen Seniorentag in den Seniorenherbst Corona-konform gewandelt. Sonst ist sie mit der Meißner Seniorenvertretung im engen Austausch.

Was sie in den nächsten Wochen vorhat, konnte sie noch nicht sagen. Doch als Gleichstellungsbeauftragte ist sie weisungsfrei. Das heißt, sie erhält von keiner Dienstabteilung Vorgaben, wie sie ihre Arbeit zu erledigen hat. Wenn sie sich an das allgemeine Recht hält wie Gesetze, Verordnungen, Satzungen, Richtlinien oder Erlasse, darf sie sich demnach überall einmischen. Manche Kolleginnen und Kollegen wie auch sie selbst sagen, Sabine Murcek fehle die Geduld für den Posten in der Verwaltung. Doch die Meißnerinnen und Meißner werden sicherlich künftig mehr von ihr hören.

Sabine Murcek stellt sich im Sozial- und Kulturausschuss am 21. Juni 2021 vor (ab 35:26 Minuten):