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Kabelwerk-Belegschaft fordert mehr Lohn

Seit 2009 gab es keine Erhöhung für die Arbeiter in Meißen. Gewerkschaftsvertreter und Geschäftsführer äußern sich.

Trübe Stimmung im Kabelwerk: Mitarbeiter und Mitglieder der IG Metall Riesa verlangen mehr Gehalt.
Trübe Stimmung im Kabelwerk: Mitarbeiter und Mitglieder der IG Metall Riesa verlangen mehr Gehalt. © Claudia Hübschmann

Meißen/Riesa. Steven Kempe hat wenig Gestaltungsmacht. Als Gewerkschaftssekretär der IG Metall Riesa fehlen ihm zwar nicht die Mitglieder im Meißner Kabelwerk, aber er kann für sie nicht verhandeln. Denn die Tarifbindung der Verträge für IG-Metall-Mitglieder gibt es nicht mehr. Seit 2017. Drei Jahre seien deshalb genug, so Steven Kempe. "Die Kollegen wollen wieder in die Tarifbindung." Die IG Metall erinnere deshalb den Geschäftsführer daran, dass es seit elf Jahren keine Gehaltserhöhung gab. "Mittlerweile bedeutet das einen 20 bis 30 Prozent niedrigeren Lohn, als in der Branche derzeit üblich ist."

Corona habe die Krise des Unternehmens verschärft

Die Mitglieder der Gewerkschaft verlangen, dass der Arbeitgeber seine Verantwortung für seine Mitarbeiter wahrnimmt. So gab es wohl im Frühsommer dieses Jahres erste Sondierungsgespräche zwischen IG Metall und Geschäftsführung. Seitdem habe sich jedoch laut Steven Kempe wenig getan. Denn die Aufhebung der Tarifbindung bedeutet, dass seit 2017 jeder Mitarbeiter seine Verträge individuell verhandelt. Das hat Konsequenzen: So hat sich die Arbeitszeit von 38 auf 40 Stunden pro Woche erhöht, laut Steven Kempe. Diese "Zwei-Klassen-Gesellschaft" wolle er auflösen.

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Auch die Arbeitsbedingungen gibt der Arbeitgeber vor. Mit der Tarifbindung konnte die IG Metall Riesa immer mitverhandeln, beim Gehalt oder anderen arbeitsrechtlichen Bestimmungen. Zumindest für die Mitarbeiter, die in der Gewerkschaft sind. Jetzt geht das nicht mehr. "Deshalb fordern die Arbeiter jetzt nachdrücklich, dass sich etwas ändert." Unter anderem mit dem Plakat gegenüber dem Kabelwerk.

Dieses Plakat hängt seit vergangener Woche gegenüber dem Kabelwerk. Die Belegschaft möchte sich nicht mehr damit abfinden, 20 bis 30 Prozent weniger als üblich in der Branche zu verdienen.
Dieses Plakat hängt seit vergangener Woche gegenüber dem Kabelwerk. Die Belegschaft möchte sich nicht mehr damit abfinden, 20 bis 30 Prozent weniger als üblich in der Branche zu verdienen. © Claudia Hübschmann

Der Geschäftsführer antwortet auf SZ-Anfrage schriftlich zu den Vorwürfen: Das Unternehmen stehe "in einem sehr herausfordernden Marktumfeld". Vor allem die Wettbewerber aus dem Ausland seien problematisch. Sie können "qualitativ gleichwertige Produkte deutlich günstiger anbieten", so Lars Balzer. "Hinzu kommen die aktuellen Entwicklungen in der Branche – schon vor Corona steckte unsere Industrie in der Rezession, die Pandemie hat das nochmals verschärft." Die Mitarbeiter kennen die "schwierige wirtschaftliche Situation und wissen, dass wir in den vergangenen Jahren beträchtliche Umsatzverluste verkraften mussten", erklärt Lars Balzer.

Steven Kempe bejaht das. Das sei ein Grund, warum die IG Metall seit 2009 keine Gehaltserhöhung erstritten haben. "Bis 2017 haben die Arbeiter Einbußen hingenommen. Denn wir als Gewerkschaft wollen auch den Arbeitgeber unterstützen." Doch 2017 habe man erste Verhandlungen wieder aufgenommen. Die endeten mit der Kündigung der tarifrechtlichen Bindung durch den Arbeitgeber. Seitdem rumore es in der Belegschaft des Kabelwerks, so Steven Kempe. Sie wollen wieder mehr mitbestimmen. "Die Forderung kommt nicht von uns, sondern von den Beschäftigten aus dem Betrieb." Das wolle er ganz deutlich sagen.

IG Metall hofft auf Einlenken des Geschäftsführers

Doch der Geschäftsführer erklärt, warum er das Gehalt nicht erhöhen kann. "Jede Entgelterhöhung für die Mitarbeiter muss vom Kunden bezahlt werden." Zudem habe das Kabelwerk weniger Aufträge. Dadurch "erzielen wir nicht den entsprechenden Umsatz, der den notwendigen finanziellen Spielraum für Entgeltsteigerungen gibt." Gleichwohl sei das Unternehmen bestrebt, das Engagement seiner Mitarbeiter anzuerkennen, zum Beispiel durch Qualifizierungen oder Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens.

Steven Kempe und die Mitglieder der IG Metall Riesa hoffen, dass Lars Balzer seine Meinung noch ändert. "Wenn nicht, sehen wir uns gezwungen, weitere Arbeitskampfmaßnahmen umzusetzen." Ob er damit am Ende einen Streik ausrufen will? Das verneint Steven Kempe zumindest nicht vollständig: "Wir werden als IG Metall jede Möglichkeit in Betracht ziehen." Lars Balzer wiederum sagt, was er von den Forderungen hält: "Der Bogen darf jetzt nicht überspannt werden, die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes muss auch für die Zukunft gesichert sein."

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Stand 2014 beschäftigt die Kabelwerk Meißen Wilhelm Balzer GmbH 180 Mitarbeiter, die im Drei-Schichten-System arbeiten. Lars Balzers Vater kaufte den ehemaligen DDR-Betrieb 1995. Seitdem produziert das Kabelwerk unter anderem Lade-Leitungen für Strom-Tankstellen, Kabel für die Medizintechnik oder die Großindustrie. 2012 ist der Großhändler Helukabel in das Unternehmen eingestiegen. Denn seit 2008 strauchelt die Meißner Firma aufgrund der Finanzkrise. Helukabel ist eigenen Angaben zufolge ein international führender Hersteller und Anbieter von Kabeln, Leitungen und Kabelzubehör. Die Firma verfügt über 55 eigene Produktions- und Vertriebsstandorte in 36 Ländern. Der Umsatz stieg seit 2004 von damals 147 Millionen Euro auf 592 Millionen Euro im Jahr 2018.

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