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Weinböhla: Rauschgift in Omas Garten

Ein Radebeuler hatte Marihuana-Pflanzen angebaut. Doch nicht nur deshalb sitzt er vor Gericht. Er hat noch andere Probleme.

Von Jürgen Müller
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Marihuana-Pflanzen wie diese hatte der Angeklagte im Garten seiner Oma angebaut. Die Sache flog auf und brachte ihn vor Gericht.
Marihuana-Pflanzen wie diese hatte der Angeklagte im Garten seiner Oma angebaut. Die Sache flog auf und brachte ihn vor Gericht. © Digital Vision

Meißen. Manch einer mag es für eine Bagatelle halten, weswegen der 20-jährige Radebeuler vor dem Meißner Amtsgericht sitzt. Er hat in Omas Garten in Weinböhla Marihuana-Pflanzen angebaut. Ganze zwei Stück mit einem Gesamtgewicht von 271 Gramm und drei Gramm Marihuana.

Man kann nur mutmaßen, warum er dies tat. Geld verdienen lässt sich mit diesen zwei Pflanzen jedenfalls nicht. Und für den eigenen Bedarf kommt er damit auch nicht weit. Möglicherweise war es ein erster Versuch, der rechtzeitig entdeckt wurde. Er gibt zu, was nicht zu leugnen ist. Die Oma hatte davon wohl nichts gewusst. "Die war ja nicht oft da", sagt er.

Vorsätzlichen unerlaubten Anbau von Betäubungsmitteln wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Im Laufe der Verhandlung wird deutlich, dass der junge Mann noch ganz andere Probleme hat. Vom Rauschgift ist er nach eigenen Angaben seit einem Jahr weg, doch er kompensiert die illegalen Drogen durch legale, trinke exzessiv Alkohol. Zehn Flaschen Bier, wahlweise auch Rotwein, und eine halbe Flasche Wodka, gibt er zu. Jeden Tag. Und das mit 19, 20 Jahren.

Diesmal soll alles anders werden

Seit vier Wochen sei er vom Alkohol weg, behauptet er. Den Entzug habe er selbst gemacht, ohne professionelle Hilfe. Zweimal war er zuvor schon zur Entgiftung in einer Klinik. Nach dem ersten Mal hielt er sechs Wochen durch. Nach dem zweiten Aufenthalt trank er sofort nach der Entlassung wieder.

Diesmal aber soll alles anders werden. Doch Hilfen wie eine Suchtberatung lehnt er ab. Hilfen unterschiedlichster Art hat er praktisch seit seiner Kindheit erhalten, auch jetzt hat er einen Betreuer. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe spricht davon, dass der junge Mann "betreuungsmüde" sei.

Der Alkohol ist auch der Grund für weitere Taten. In einem Coswiger Einkaufsmarkt stiehlt er Käse für läppische 1,95 Euro. Steckt ihn in den Rucksack und "vergisst", den Käse auf das Band zu legen. Als er von der Kassiererin ertappt wird, eskaliert die Situation. Er weigert sich, den hinzugerufenen Polizisten seine Personalien zu geben, beleidigt eine Beamtin unter anderem als "blöde Bullensau". Einen Polizisten soll er angesprungen sein, wobei dieser zu Boden fiel, aber nicht verletzt wurde. Diebstahl, Beleidigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchte Körperverletzung sind nun die Vorwürfe.

Die Taten gibt er weitestgehend zu. Auch damals sei er betrunken gewesen, habe zuvor eine Flasche Rotwein mit seiner inzwischen Ex-Freundin geleert. "Ich war wirklich nicht nett zu den Polizisten", sagt er etwas euphemistisch. Allerdings sei er nur aufgesprungen, weil ein Polizist die Tür verschlossen habe. "Ich wollte ihn nicht verletzen", so der Angeklagte.

Alkohol und Drogen haben ihm sein Leben vermasselt. Zwar ist er einmal in der zweiten Klasse sitzengeblieben, schafft jedoch den Realschulabschluss. Doch dann geht nichts mehr, scheitert alles, was er anpackt. Die Lehre schmeißt er, ebenso eine Maßnahme der Arbeitsagentur. Der 20-Jährige lebt von Arbeitslosengeld II. Immerhin hat er eine eigene Wohnung. Zahlt ja der Steuerzahler. Dreimal hatte der junge Mann bereits mit der Justiz zu tun. Doch die Verfahren wegen Körperverletzung, Urkundenfälschung, Erschleichens von Leistungen und versuchten Betrugs wurden alle eingestellt.

Der Richter droht ihm mit Arrest

Der 20-Jährige wird nach Jugendstrafrecht verurteilt und in allen Anklagepunkten außer der versuchten Körperverletzung schuldig gesprochen. "Es war kein tätlicher Angriff auf den Polizisten, der Angeklagte hatte nicht die Absicht, diesen zu verletzten", begründet der Meißner Jugendrichter Andreas Ball das Urteil. Der Angeklagte muss nun innerhalb von drei Monaten 50 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten. Macht er das nicht, droht ihm der Richter vorsorglich schon mal bis zu vier Wochen Ungehorsamsarrest an.

Nicht mehr leisten sollte sich der Mann neue Straftaten. Denn bald wird er 21. Dann ist es endgültig mit dem Jugendstrafrecht vorbei.