merken
PLUS Meißen

Wirtschaft schwächelt, Handwerk profitiert

Auf dem Ausbildungsmarkt gibt es eine Entwicklung, die so kaum zu erwarten war.

Schülerin Charlotte Deckert aus der 10b der Pestalozzi-Oberschule in Meißen blättert mit der Auszubildenden Michelle Böttcher den neuen Ausbildungs-Kompass durch.
Schülerin Charlotte Deckert aus der 10b der Pestalozzi-Oberschule in Meißen blättert mit der Auszubildenden Michelle Böttcher den neuen Ausbildungs-Kompass durch. © Claudia Hübschmann

Meißen. Das ist Musik in den Ohren des Geschäftsführers der Kreishandwerkerschaft Region Meißen Jens-Torsten Jacob. Tischler möchte der junge Mann aus der Klasse 10b der Meißner Pestalozzi-Oberschule werden. Bei einem Praktikum in einem Fachbetrieb sei er auf den Geschmack gekommen. 

Zusammen mit Kreishandwerksmeister Peter Liebe, seines Zeichens selbstständiger Bäckermeister aus Nossen, ist er an diesem frühen Nachmittag in die Aula der Meißner Schule gekommen, um den aktuellen Lehrstellenkompass für die Region vorzustellen. Das Angebot umfasst Standards wie den Ausbaufacharbeiter oder Zerspaner. Daneben finden sich in dem dicken Heft fast schon exotische Richtungen wie Seiler, Fachangestellter für Bäderbetriebe oder Flachglastechnologe. 

Anzeige
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät

Und nun? Mit Covid-19 kam die Thematik der Triage, dem Sichten und Klassifizieren von Patienten, erneut auf. Ein Interview mit Medizinrechtsexperte Prof. Dr. Erik Hahn.

Trotz der Corona-Krise sind Vielfalt und Menge der Lehrstellen zumindest im Handwerk nicht geringer geworden, betonen Liebe und Jacob unisono. Die Industrie hingegen könnte leicht schwächeln. Gerade global stark vernetzten Betrieben dürfte es schwer fallen, langfristige Prognosen abzugeben. Einige von ihnen mussten für Mitarbeiter während des Shutdowns Kurzarbeit anmelden. Schwer zu sagen, wie Zulieferer und Abnehmer in der ganzen Welt aus der Krise herauskommen werden. Der Landkreis zählt in Sachsen zu den Regionen mit der höchsten Dichte an Industriearbeitsplätzen.

Systemrelevante Berufe

Kann das Handwerk von der durch die Pandemie bedingten Schwäche der Industrie profitieren? Zahlen der Handwerkskammer Dresden deuten es an. Der Verband vertritt die Interessen von rund 22.000 Betrieben in den vier rund um die Landeshauptstadt Dresden liegenden Kreisen. Der HWK zufolge haben bislang in diesem Jahr 389 Frauen und 1.405 Männer ihre berufliche Karriere im ostsächsischen Handwerk begonnen und  einen Lehrvertrag  unterschrieben. Das entspricht einem Zuwachs von rund 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 

„Das Handwerk hat sich stark um den Nachwuchs bemüht und jungen Menschen eine Chance gegeben, die in anderen Wirtschaftsbereichen aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise derzeit nicht eingestellt werden. Das Handwerk hat in der Krise bewiesen, wie systemrelevant es ist“, sagt Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Dennoch betrachten er und seine Kollegen die aktuellen Zahlen als Momentaufnahme. Erst zum Ende des Jahres könne über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Ausbildungsmarkt Bilanz gezogen werden. Fakt sei allerdings: „Das Handwerk packt auch in dieser Phase der Krise an“, so Brzezinski weiter.

Die Rangliste der fünf beliebtesten Ausbildungsberufe im ostsächsischen Handwerk führt der Kraftfahrzeugmechatroniker mit 227 neu abgeschlossenen Lehrverträgen an. Dahinter folgen die Berufe Elektroniker (146 neue Lehrverträge), Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (109), Tischler (112) sowie Maler und Lackierer (85).

Zahl der offenen Stellen übersteigt Nachfrage

Ähnlich positiv bewertet die für den Kreis zuständige Arbeitsagentur in Riesa die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Im August seien noch rund 450 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet gewesen. „Jede Stelle ist eine Chance für den beruflichen Einstieg im Landkreis Meißen“, so Thomas Stamm, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur.

Dieser Zahl gegenüber standen zur gleichen Zeit 232 Mädchen und Jungen, welche sich noch  auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle oder einer Alternative befinden, mittlerweile aber vielleicht bereits erfolgreich waren. Dem Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Riesa wurden eigenen Angaben zufolge innerhalb des Lehrjahres 2019/2020 exakt 1.381 freie betriebliche Ausbildungsstellen gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind das 88 Stellen weniger.

Betrieb direkt ansprechen

In der Aula der Pestalozzi-Schule haben unterdessen die Partner des Lehrstellenkompasses das Wort ergriffen, um den Schülern der 10b Tipps für ihre künftige Bewerbung mit auf den Weg zu geben. Barbara Jonas von der IHK Dresden wirbt mit den vielfältigen Wegen, die sich von der Basis einer Ausbildung aus ergeben. Der Meisterabschluss und weitere Qualifikationen, auch ein Studium stünden erfolgreichen Lehrlingen offen. In Sachsen gebe es zudem mittlerweile in zahlreichen Branchen die Möglichkeit einer Ausbildung mit Abitur.

Der Chef der Volks- und Raiffeisenbank für Meißen und die Region, Claus-Michael Zwiebel, gibt einen ganz praktischen Ratschlag. Er empfiehlt, selbst sowie mit Hilfe von Freunden und Verwandten die eigenen Stärken zu analysieren und dann diesen Filter über die rund 355 Angebote im Lehrstellenkompass zu legen. Dann lasse sich bestimmt ein geeigneter Platz finden. Schlechte Noten ließen sich zurechtbiegen, indem der Betrieb direkt angesprochen und mit praktischen Fähigkeiten überzeugt werde.

  • Der kostenlose Lehrstellenkompass ist erhältlich unter anderem über das Jobcenter des Landratsamtes, die Arbeitsagentur Riesa mit ihren Filialen, die IHK und HWK.

Mehr zum Thema Meißen