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"Ich habe kein Schickimicki-Leben geführt wie Sie"

Von der Anklagebank aus macht ein 30-jähriger Neustädter der Richterin Vorwürfe. Für seine Gewalttaten wird er trotzdem verurteilt.

Symbolfoto.
Symbolfoto. © Symbolfoto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Von Friederike Hohmann

Als die Strafsache Sascha R. aufgerufen wird, kommt ein blonder junger Mann in den Saal, läuft direkt zur Anklagebank und sagt flapsig „Hi“ in Richtung der Richterbank. Im Verlauf der Verhandlung äußert sich der Angeklagte immer wieder respektlos gegenüber Richterin Simona Wiedmer. Doch irgendwann reicht es ihr. „Ihnen fehlt jeglicher Anstand“, wirft sie ihm vor. „Ja der fehlt mir vielleicht“, antwortet der. „Ich war im Kinderheim. Ich hatte es nicht so schön wie Sie, hab kein Schickimicki-Leben geführt.“

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Doch die Vergangenheit des jungen Mannes spielt bei der Verhandlung am Amtsgericht Pirna nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die Richterin versucht vielmehr herauszufinden, was vergangenes Jahr an einem Sonntagabend im April am Bruno-Dietze-Ring in Neustadt/Sachsen vorgefallen war. Sascha R. soll nach einem handfesten Streit mit seiner Partnerin einen Bewohner des Hauses, der der jungen Frau zu Hilfe geeilt war, geschlagen und verletzt haben. Später habe er Streifenpolizisten beleidigt und verletzt, während er sich massiv seiner Festnahme widersetzte.

Sascha R. behauptet allerdings, sich nicht daran erinnern zu können. Er sei betrunken gewesen, vertrage keinen Alkohol und konsumiere sonst nur illegale Drogen. Dass er an diesem Tag seine Partnerin, die mit ihrem Baby in der Wohnung einer Freundin am Bruno-Dietze-Ring untergekommen war, aufgesucht hatte, weiß er allerdings noch. Auch daran, dass er die Wohnung der Freundin verwüstete, Möbel und Inventar kurz und klein schlug, kann er sich erinnern. Aber darum geht es in der Verhandlung nur am Rande.

Der Nachbar erzählt dem Gericht, wie er von Sascha R. angegangen worden war, als er der Frau seine Hilfe angeboten hatte. R. schlug ihm ihn ins Gesicht, die Unterlippe platzte auf. Er wurde geschubst und stürzte, Sascha R. trat nach. Noch drei Wochen danach hatte das Opfer Schmerzen im Gesicht.

Rangelei mit den Polizisten vor dem Haus

Eine Polizeibeamtin berichtet, dass sie und ihr Kollege nach Neustadt gerufen worden waren, weil eine Frau geschlagen worden sei. Auf der Zufahrtsstraße zum Haus gab es einen Tumult, eine nur mit Slip und T-Shirt bekleidete Frau stand vor dem Haus. Der Schläger näherte sich ihnen äußerst aggressiv, beschimpfte sie mit „Scheiß Bullen“ und sexistischen Ausdrücken. Er wehrte sich massiv, als man ihm die Handfesseln anlegte. Die Beamten fielen im Gerangel mit ihm in den Rhododendron, kämpften mehrere Minuten am Boden. Er trat ihr in den Rücken, gegen das Schienbein und die Finger.

Sie erlitt ein Hämatom, das mehrere Tage schmerzte, ihr Kollege Abschürfungen an der Hand. Sascha R. gibt an, dass er mit acht Jahren ins Heim kam. Mit 16 hatte er gerade einmal die 6. Klasse geschafft, den Hauptschulabschluss dann aber in Haft nachgeholt. Er bekam mit 16 seine erste Strafanzeige, saß später im Maßregelvollzug, ist immer noch drogenabhängig, ohne festen Wohnsitz und lebt von Alg II. Er könne sich wegen ungeklärter Familienangelegenheiten nicht um Arbeit kümmern.

Wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte wird der 30-Jährige zu einer Gesamtstrafe von sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. Er soll außerdem einhundert Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und fünf Termine bei der Suchtberatung wahrnehmen. Die jüngsten Eintragungen zu Sascha R. im Vorstrafenregister sind da gerade erst drei Tage alt.

Die Richterin redet ihm lange ins Gewissen. Er könne nicht nur Forderungen an den Staat stellen und sich auf seine schlimme Kindheit berufen. Er solle, anders als seine eigenen Eltern, dafür sorgen, dass er seinem Kind ein guter Vater sein kann. Doch dafür müsse er zunächst selbst an sich arbeiten, sich seinem Drogenproblem stellen und sich Arbeit suchen. Sie denkt, dass er Chancen hat, das zu schaffen.

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