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Wird der Atommüll in die Lausitz gekarrt?

Die Endlagersuche macht vor dem Landkreis Görlitz nicht halt. Die Reaktionen auf die ersten Untersuchungen sind verhalten - aber in einem Punkt empört.

Symbolbild
Symbolbild © Philipp Schulze/dpa

Gerade einmal zwei Tage alt ist der Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung, an dessen Ende der Ort für ein strahlungssicheres Atommülllager stehen soll. Spätestens 2031 soll er feststehen, ab 2050 die Castorbehälter dort eingelagert werden. Im Landkreis Görlitz herrscht Ernüchterung über die erste Ansage der Experten. Denn fast das gesamte Gebiet wird - Stand jetzt - in die weiteren Untersuchungen einbezogen.

Lediglich ein schmaler Streifen entlang der Neiße von Zittau bis hinter Görlitz sowie eine größere Fläche, die das Zittauer Gebirge und Teile des Oberlands bis Ebersbach-Neugersdorf umfasst, wurden von den Fachleuten gleich zu Beginn des Verfahrens aussortiert. Sonst aber bleibt das Kreisgebiet mit kristallinem Wirtsgestein - hauptsächlich Granit - im Süden und Tongestein rund um Weißwasser weiter im Rennen bei der Suche nach dem künftigen Endlager.

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Bernd Lange will beim Blick auf die geologische Ausgangslage keine Panik verbreiten. "Angesichts der Tatsache, dass 54 Prozent der Fläche in Deutschland diese Zertifizierung erhalten haben, müssen wir dies zur Kenntnis nehmen", hält der Landrat den Ball flach. Allerdings stehe außer Frage, dass der Landkreis Görlitz im Dreiländereck liege und im europäischen Kontext beide Nachbarländer einzubeziehen seien.

© SZ-Grafik

Die geologischen Prämissen müssten natürlich im Vordergrund stehen, so Lange weiter. "Genauso entscheidend ist jedoch, die bisherige strukturelle Belastung der Region zu betrachten. Deswegen ist der vor uns stehende Strukturwandel für mich bei einer Entscheidung sehr stark zu gewichten." Völlig daneben findet der Landrat, dass in weiteren Untersuchungsschritten die Bevölkerungszahl des jeweiligen Gebietes eine Rolle spielen soll. "Die Besiedlungsdichte in die Bewertung einzubeziehen, ist äußerst makaber." Jeder Mensch müsse gleichwertig betrachtet werden und sei damit auch zu schützen.

Kreis hat die Endlagersuche auf dem Schirm

Bernd Lange sieht die Endlagersuche als einen Prozess, in dem signalisiert wurde, die Regionen einzubinden. "Wenn das ehrlich gemeint ist, werden wir dies auch aktiv tun." Lobbyismus habe bei der Entscheidungsfindung nichts zu suchen. Deshalb vertraut der Landrat auch auf Objektivität beim letzten Wort durch Bundestag und Bundesrat. Auf jeden Fall wolle man sich innerhalb der Region und ganz speziell mit dem Landkreis Bautzen abstimmen. Die Endlagersuche werde auch Thema für die Kreisentwicklung und damit für den Kreistag in den nächsten Jahren sein.

Bautzens Landrat Michael Harig geht die Sache ein bisschen offensiver an. Er meint zwar, dass gegen geologische Untersuchungen nichts einzuwenden sei. Er halte die Oberlausitz aber nicht für geeignet, das Endlager aufzunehmen. Die Region habe durch die Kohleverstromung in der Vergangenheit schon genug Lasten zu tragen gehabt und mit dem Strukturwandel nun auch eine schwierige Zeit vor sich. Deshalb könne man das Thema nicht nur geologisch betrachten, politische Aspekte müssten ebenfalls eine Rolle spielen.

Dies allerdings soll unbedingt verhindert werden. Im Umweltministerium des Freistaates schließt man eine politische Einflussnahme aus. Die sogenannte "weiße Landkarte", also die Endlagersuche ohne Vorbedingungen, sei Voraussetzung dafür, ein objektives Ergebnis zu erzielen, sagt Staatssekretär Gerd Lippold. Entscheidend sei, ausschließlich geowissenschaftliche Erkenntnisse in den Findungsprozess einzubeziehen.

Nach Zwischenergebnis wird weiter debattiert

In die gleiche Kerbe schlägt der Görlitzer Mirko Schultze, der für die Linke im Sächsischen Landtag sitzt. Die Suche nach einem Endlager müsse auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgen. Allerdings sollten neben geologischen auch regionale und gesellschaftliche Sichtweisen einfließen. Das aktuell vorliegende Zwischenergebnis berücksichtige nur den ersten Punkt und sei deshalb nun Grundlage weiterer Debatten. Allerdings, merkt Schultze an, sei die Gesellschaft in der Pflicht, eine Lösung zu finden. "Denn wir haben den Atommüll ja schließlich auch produziert."

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