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Nieder Seifersdorfer Märchentante ist 100

Johanna Wiltzek erzählte nicht nur Geschichten auf dem Weihnachtsmarkt. Sie geht ihren Lebensweg und eckt dabei auch mal an.

Johanna Wiltzek ist mit 100 Jahren die älteste Nieder Seifersdorferin. Im Foto mit Tochter Gudrun Pusch (61). Zusammen mit der Familie pflegt sie ihre Mutter .
Johanna Wiltzek ist mit 100 Jahren die älteste Nieder Seifersdorferin. Im Foto mit Tochter Gudrun Pusch (61). Zusammen mit der Familie pflegt sie ihre Mutter . © André Schulze

Nieder Seifersdorf hat wieder eine 100-Jährige. Es ist Johanna Wiltzek, die das dreistellige Jubiläum jetzt feiern konnte. Mit dem Ort ist sie seit Kindheitstagen verbunden. Geboren in der elterlichen Wirtschaft, kehrte sie nach dem Krieg in ihren Heimatort zurück und lebt bis heute dort. Dass sie dem Alter angemessen körperlich und geistig noch fit ist, verdankt sie ihrem Lebensmotto, dass sie eisern durchhält.  

"Ich habe immer sparsam und gesund gelebt", erzählt die Jubilarin. Kaffee und Alkohol, das sind Getränke, die bei Johanna Wiltzek selten auf dem Tisch stehen. Geraucht hat sie nie. Sie ist mit der Landwirtschaft groß geworden, hat später selbst eine eigene Wirtschaft geführt. Damit war die Versorgungsfrage geklärt. "Wir haben uns von unseren Produkten ernährt, sind also Selbstversorger gewesen."

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Eine begeisterte Leserin

Eine große Leidenschaft ist für Johanna Wiltzek das Lesen. Märchen gehören dazu. Als die Nieder Seifersdorfer im Städt'l nach der Wende ihren Weihnachtsmarkt wieder belebten, durfte auch eine Märchentante nicht fehlen. Diesen Part übernahm Johanna Wiltzek für einige Jahre. "Mein Buch hatte ich immer mit dabei, aber die Märchen selbst habe ich auswendig vorgetragen", berichtet die Jubilarin. Dadurch konnte sie die Reaktionen ihres meist jungen Publikums mitverfolgen, ohne an das Buch gefesselt zu sein. 

Daran denkt sie gern zurück, auch, wie sich ihre Arbeitsbedingungen als Märchentante im Städt'l verbessert haben. Erst saß sie nur in einem Zelt, dann wurde ihr ein Waschhaus zur Verfügung gestellt und in ihrer letzten Zeit auf dem Weihnachtsmarkt ist  es eine Wohnstube gewesen, in der die Kinder ihren Geschichten lauschten. Aber jetzt wollen die Augen nicht mehr so, bedauert Johanna Wiltzek. Die Märchentante muss sich nun selbst vorlesen lassen. 

Mit Zwillingsschwester aufgewachsen

Drei Geschwister hatte Johanna Wiltzek, davon eine Zwillingsschwester mit dem Namen Dora. "Sie war die ältere, denn sie kam fünf Minuten vor mir zur Welt", erzählt die Jüngere und schmunzelt dabei. Inzwischen lebt nur noch sie. Mit Dora begann sie zusammen ihre Lehre in einer Bauernschule im Landkreis Neumarkt bei Breslau. Dort war sie als Haustochter bei einer wohlhabenden Familie auf einem Schloss angestellt. Ihren Bildungsweg setzte sie 1937 auf dem Lehrgut Schlesien im Landkreis Landeshut fort und wurde dort Hauswirtschaftslehrerin. Als solche unterrichtete Johanna Wiltzek junge Mädchen in der Landwirtschaftsschule Trebnitz, nördlich von Breslau. Bis der Krieg sie einholte.    

Johanna Wiltzek hat auch eine Ausbildung als Krankenschwester. Also musste sie in einem Lazarett verwundete Soldaten heilen und pflegen. Trotz allem Elend, dass sie dort erleben musste, hatte die Zeit im Lazarett auch etwas Gutes für sie: Dort lernte sie mit Mitte Zwanzig ihren künftigen Mann kennen: Bernhard, ein Westfale mit amputiertem Oberschenkel und ein knappes Jahr jünger als sie. Trotz seiner Behinderung mussten beide flüchten. Die Odyssee führte das junge Paar bis nach Mittweida. Auf der Flucht wurde Ostern gefeiert. "Aber der Kuchen, den ich gebacken hatte, wollte uns nicht schmecken. Wir hatten erfahren, dass die Wirtschaft meiner Eltern niedergebrannt war", berichtet Johanna Wiltzek. Untergekommen sind beide zunächst bei ihrer älteren Schwester in Nieder Seifersdorf, bis sich die Familie auf dem eigenen Land eine neue Wirtschaft aufgebaut hatte.  

Weiter als Lehrerin gearbeitet

Nach dem Krieg arbeitete Johanna Wiltzek als Neulehrerin an der Volksschule in Nieder Seifersdorf. Da sie kein Mitglied der NSDAP war, wurde sie in den sozialistischen Schuldienst übernommen. Dort blieb sie aber nicht lange, denn "ich wollte auch kein SED-Mitglied werden", sagt sie. Trotzdem fand sie weiterhin Arbeit im Kindergarten und in der Schule, wenn Personal fehlte. Ihr Mann begann im Waggonbau Niesky zu arbeiten. Am 9. Dezember 1945 heirateten beide. Es war die erste Hochzeit nach dem Krieg in Nieder Seifersdorf. "Das Fleisch für die Feier hatten wir in Tonkrügen auf der Weide vergraben, damit es uns die Russen nicht vorher wegnehmen", erinnert sie sich. 70 Jahre hielt die Ehe mit Bernhard, mit 94 Jahren ist er verstorben. Beide zogen drei Töchter groß. Johanna Wiltzek freut sich heute über sechs Enkel und vier Urenkel. Und darüber, dass sie immer ihren Weg gegangen ist. "Ich habe mich nie beirren lassen und eine eigene Meinung gehabt." Johanna Wiltzek erlebte seit 1920 vier Gesellschaftsformen. 

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