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Keltereien haben ein Apfel-Problem

Die Ernte der Hobbygärtner ist in diesem Jahr schlecht. Das hat für Neuberts in Rothenburg Folgen. Andere trifft es noch härter.

Sieht viel aus, ist aber vergleichsweise wenig: In der Kelterei Neubert fehlen viele Tonnen Äpfel. Vor allem die Lohnmosterei durchlebt eine schwere Zeit.
Sieht viel aus, ist aber vergleichsweise wenig: In der Kelterei Neubert fehlen viele Tonnen Äpfel. Vor allem die Lohnmosterei durchlebt eine schwere Zeit. © André Schulze

Wenn Konstanze Neubert in diesen Tagen einen Blick auf die Zahlen riskiert, dann möchte sie am liebsten gar nicht so genau hinschauen. Denn obwohl die Erntesaison noch in vollem Gange ist, zeichnet sich bereits eine traurige Bilanz ab: Statt der in normalen Jahren üblichen 800 Tonnen Äpfel kann die Rothenburger Kelterei diesmal im günstigsten Fall nur 250 Tonnen verarbeiten. Da ist der Zukauf dringend benötigter Früchte schon mit eingerechnet.

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Eine so schlechte Ernte hat die Geschäftsführerin des kleinen Betriebes mit seinen neun Beschäftigten schon lange nicht mehr erlebt. Doch im eigenen Garten hatte sie das Elend schon kommen sehen. "Schon 2020 sind ja viele Äpfel verfault. Aber in diesem Jahr war es noch deutlich schlimmer. Geblüht haben die Bäume ordentlich. Und es waren auch viele Früchte dran. Aber dann ging irgendwann das große Faulen los." Noch am Ast seien die Früchte regelrecht zermatscht. "Da war am Ende nicht mehr viel, was man verwenden konnte."

Pilze machen die Apfelernte zunichte

Wie Konstanze Neubert geht es den meisten Hobbygärtnern zwischen Rothenburg, Görlitz und Bautzen, von denen die Kelterei ihre Äpfel bezieht. Das bedeutet: "Die Lohnmosterei ist regelrecht eingebrochen." Was schlecht für das Betriebsergebnis ist, denn der Bereich macht rund 50 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Ganz abgesehen davon, dass die Früchte fehlen. Deshalb wird in Größenordnungen Plantagenobst zugekauft - von einem Obstbauern aus der nördlichen Oberlausitz. Die Profis - wenn sie keinen Bioanbau betreiben und damit nur Nützlinge einsetzen dürfen - behandeln ihre Bäume mit Mitteln gegen Schädlinge und Pilzbefall.

Warum dieses Apfeljahr bei den Hobbygärtnern so miserabel ausfällt, liegt laut der Kelterei-Chefin an der feuchten und wechselhaften Witterung. Die hat - sobald das Obst von Insekten oder Vögeln "angepickt" war - das Eindringen der Pilzsporen begünstigt. Probleme gibt es zudem mit Birnen, die seit ein paar Jahren in den heimischen Gärten und damit auch als Rohstoff für den Rothenburger Betrieb fast völlig ausgefallen sind. Hier ist ebenso eine Pilzkrankheit - der Birnengitterrost - entscheidend, was wiederum mit dem zunehmenden Bestand an Koniferen zusammenhängt. "Zwischen beiden Gehölzen hat sich eine Art Wechselspiel ergeben. Den Winter verbringt der Pilz in den Koniferen, 'schleicht' sich dann im Laufe des Jahres in die Birnenbestände hinein", erklärt Konstanze Neubert. Die Bäume blühen zwar schön, ihre Blätter färben sich aber bald schon rötlich und bekommen "Pickel". Die Früchte sind kaum noch zu retten und fallen ab.

Amerikaner kaufen viele Früchte auf

Nicht nur deshalb ist der Rohstoffmarkt in der Obstbranche in Bewegung gekommen. Haben Neuberts früher nur in Spitzenzeiten oder speziell exotische Früchte zugekauft, ist das inzwischen ganz normal. Doch die Preise - zum Beispiel für schwarze Johannisbeeren und Orangen - gehen durch die Decke. Manches, wie Holunder, ist kaum noch zu bekommen. Denn auch hier gilt wie im Bausektor: Die Amerikaner kaufen alles auf. Deshalb muss die Rothenburger Kelterei Abstriche in ihrem Sortiment machen. "Bestimmte Saftsorten laufen mangels Nachschub irgendwann aus", beschreibt die Firmenchefin die Situation.

Bevor die Äpfel gepresst werden können, müssen sie gewaschen, sortiert und zerkleinert werden.
Bevor die Äpfel gepresst werden können, müssen sie gewaschen, sortiert und zerkleinert werden. © André Schulze

Allerdings gibt es Berufskollegen, die es bedeutend schlimmer getroffen hat. Zum Beispiel die Kelterei Dressler aus Großpostwitz bei Bautzen. Nach 86 Jahren hat sie am 1. Juni dichtgemacht. Wie in Rothenburg gab es auch dort Probleme mit der Verfügbarkeit von Obst. "Leider mussten wir in den vergangenen Jahren beobachten, dass sich immer weniger Menschen für die Bewirtschaftung von Obstbäumen entscheiden und damit das traditionelle Lohnmost-Geschäft an Bedeutung verliert", heißt es zur Begründung der Geschäftsaufgabe auf der Internetseite. Außerdem hätten sich klimabedingte Ernteausfälle in den vergangenen Jahren immer gravierender ausgewirkt. Schließlich habe der coronabedingte Ausfall der Gastronomie-Kunden ebenfalls eine Rolle gespielt.

Apfelwickler begünstigt das Eindringen von Pilzen

Das Fäulnis-Problem ist beim Landesverband Sächsisches Obst längst bekannt, allerdings haben professionell bewirtschaftete Apfelplantagen eher weniger damit zu tun. Denn dort wird gegen den Befall von Pilzen gespritzt. "Das geht nicht anders. Sonst wäre die gesamte Ernte in Gefahr", begründet Geschäftsführer Udo Jensch. Insekten wie der Apfelwickler und verschiedene Arten von Wanzen hätten sich im Frühjahr gut entwickelt und in unbehandelten Bäumen die heranwachsenden Äpfel befallen. "Sind die Früchte einmal geschädigt, haben Pilzsporen leichtes Spiel." Pflanzenhygiene, wie das Beseitigen heruntergefallener und verdorbener Äpfel, könne in Hobbygärten zumindest ein bisschen helfen.

Für Keltereien wie die Firma Neubert hat Jensch einen Tipp parat: Fallobst gebe es genügend, sagt der Experte. Der Marketing- und Vertriebsverbund veos, der Obsterzeuger aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen betreut, habe ganz bestimmt noch verfügbare Reserven.

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