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Sieht der Vereinssport jetzt rot?

Bis Ende November ruht fast alles in Turnhallen und auf Sportplätzen. Aufgeben will aber niemand im Kreis Görlitz.

Im vergangenen Jahr ließen sich Jonas Simon, Ansgar Eichholz, Arthur Noack und Julius Dittrich (v.l.) beim FV Eintracht Niesky zu Schiedsrichtern ausbilden. Bekommt nun der gesamte Breitensport die rote Karte?
Im vergangenen Jahr ließen sich Jonas Simon, Ansgar Eichholz, Arthur Noack und Julius Dittrich (v.l.) beim FV Eintracht Niesky zu Schiedsrichtern ausbilden. Bekommt nun der gesamte Breitensport die rote Karte? ©  Archiv/André Schulze

Seit dem 2. November geht nichts mehr in den Turnhallen, Schwimmbädern und auf den Sportplätzen der Region. Der von Bund und Land verordnete Teil-Lockdown hat die Aktivitäten der Vereine im Landkreis Görlitz schlagartig auf Sparflamme gesetzt. Doch das stachelt den Ehrgeiz der Hobbysportler offenbar vielerorts noch an.

"Mit diesem November müssen wir uns ganz einfach arrangieren", sagt Marko Weber-Schönherr. Der Geschäftsführer des Oberlausitzer Kreissportbundes vertritt 350 Vereine mit knapp 42.000 Mitgliedern. "Damit sind wir die zahlenmäßig größte Bürgerorganisation im Kreis." Ein Pfund also, mit dem man bei der Politik wuchern kann. Die coronabedingten Einschränkungen im Vereinssport gelten jedoch auch zwischen Mandau und Neiße. Allerdings: "Wir versuchen unsere Vereine bestmöglich zu beraten - zum Beispiel, wenn es um die Durchsicht von Hygienekonzepten geht." Zudem habe man mit Kreissportbundpräsident Stephan Meyer, der für die CDU im Landtag sitzt, einen wichtigen Fürsprecher. "Natürlich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten", stellt Weber-Schönherr klar.

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So sei man froh, dass die Kadersportler in den Talentestützpunkten im Kreis - zum Beispiel beim Eishockey, im Handball oder beim Gewichtheben - weiter trainieren könnten. Theoretisch. "Praktisch ist es so, dass eine kommunale Sportstätte wegen ein paar Leuten keinen so großen Aufwand betreibt." Deshalb sei man momentan in Gesprächen.

Veranstaltungen wie das Handballduell Klein gegen Groß beim KommWohnenCup mit dem Görlitzer Ex-Oberbürgermeister Siegfried Deinege finden derzeit nicht statt. Auch gemeinsames Trainieren ist momentan unmöglich.
Veranstaltungen wie das Handballduell Klein gegen Groß beim KommWohnenCup mit dem Görlitzer Ex-Oberbürgermeister Siegfried Deinege finden derzeit nicht statt. Auch gemeinsames Trainieren ist momentan unmöglich. © Archiv/privat

Generell, meint Weber-Schönherr, hätten die Vereine Verständnis für das Herunterfahren des öffentlichen Lebens und damit auch für die vierwöchige Pause des Trainings- und Wettkampfbetriebes. Begeistert sei natürlich niemand. Denn vor allem den Kinder- und Jugendbereich treffe es hart. "Wir leisten hier ja vor allem präventive Arbeit. Und einen ganzen Monat nichts machen - das ist schon hart." Das Abdriften zu Playstation & Co müsse - so gut es gehe - verhindert werden. Mit einer Austrittswelle rechnet der Funktionär aber nicht.

Auch finanziell ist offenbar alles noch im "grünen Bereich". Er habe von keinem Verein gehört, der vor der Insolvenz stehe, meint der Geschäftsführer des Kreissportbundes. Wobei vor allem Publikumssportarten wie Fußball, Handball und Eishockey von den fehlenden Eintrittsgeldern betroffen seien.

Kritisch bei Verlängerung des Teil-Lockdowns

Deshalb sind die Treue der Sponsoren und das Ausharren der Mitglieder die entscheidenden Faktoren für das finanzielle Überleben der Vereine. Maik Seifert, Vorsitzender des 1. Rothenburger Sportvereins lobt: "Die Firmen, die uns bisher unterstützt haben, sind auch weiterhin voll bei der Sache. Das hilft uns enorm. Zumal auch unsere Sportler weiterhin ihren Beitrag zahlen." So könnten die laufenden Kosten abgedeckt werden. "Sollte der Teil-Lockdown verlängert werden, sieht es natürlich kritisch aus."

Als "finanziell nicht dramatisch" bewertet Andreas Hentschel die Situation  beim Niederschlesischen Athletenclub (NSAC) in Görlitz. Sicherlich würden die Zuschauereinnahmen bei den Wettkämpfen der Bundesliga-Gewichtheber fehlen. Sponsoren hielten aber weiter zur Stange. Und auch die Beiträge der etwa 300 Mitglieder würden fließen. "Wir hoffen, dass wir Anfang Januar in die neue Saison starten können. Aber wenn jedes Bundesland seine eigenen Coronaregeln macht, wird das schwierig", gibt der Pressesprecher des Vereins zu bedenken.

Viel mehr Sorge bereiten ihm Motivation und Trainingsmöglichkeiten der Sportler. "Wer nur individuell seine Hantel im Keller oder in der Garage bewegen kann, dem wird auf Dauer die Gemeinschaft in der Gruppe fehlen." Schimpfen bringe aber nichts, denn betroffen seien ja tatsächlich alle Vereine.

Wie auch der Radsportverein "Pfeil" in Nieder Seifersdorf. Der Kontakt unter den 60 Mitgliedern fehle natürlich, erzählt Andreas Lätsch, der Vereinschef und Trainer in Personalunion ist. Zumindest halte man sich über WhatsApp-Gruppen auf dem Laufenden. Räumlich sind die Radballer durch den Teil-Lockdown eher weniger betroffen. Ihre Halle wird umgebaut und ist deshalb sowieso nicht nutzbar. Sich fit halten liege an jedem selbst, meint Lätsch. "Vorgaben machen wir da nicht. Wenn es wieder losgeht, sollten unsere Sportler dazu aber auch fähig sein", schmunzelt er.

Schaden hauptsächlich im mentalen Bereich

Steffen Mitschke sieht die Probleme sehr differenziert. Wirtschaftlich hielten sich die Sorgen in Grenzen, berichtet der Vorstand des Hockeyclubs Niesky. "Natürlich haben wir feste Verbindlichkeiten. Beiträge für den Hockeybund, den Landes- und Kreissportbund, daran kann man nicht rütteln. Aber die flexiblen Ausgaben sind ja deutlich geringer." Dazu zählt Mitschke sämtliche Kosten, die rund um den Wettkampf- und Trainingsbetrieb anfallen. "Den gibt es ja im Moment nicht mehr. Deshalb brauchen wir auch nirgendwo hinfahren", nennt er ein Beispiel.

Der Mann vom Hockeyclub sieht den durch den Teil-Lockdown entstehenden Schaden eher im mentalen Bereich. "Das haben wir schon von Mitte März bis Mitte Mai gemerkt. Die Leute waren absolut traurig. Und richtig froh über die dann folgende Lockerung. Das erneute Aus ist für viele unserer Mitglieder katastrophal." Deshalb beobachte der Verein genau, wann es erste Anzeichen von Lockerungen gebe. "Wir werden - egal, welche Umstände dann aktuell gelten - flexibel reagieren und unseren Sport wieder möglich machen."

Das gemeinsame Training fehlt vor allem dem Nachwuchs. Mindestes den November müssen die KInder und Jugendlichen so durchhalten.
Das gemeinsame Training fehlt vor allem dem Nachwuchs. Mindestes den November müssen die KInder und Jugendlichen so durchhalten. ©  Archiv/André Schulze

Der NFV Gelb-Weiß Görlitz ist laut Sprecher Ronny Blümke ein Mehrspartenverein, der sich hauptsächlich auf den Breitensport konzentriert. Von den elf Abteilungen mit insgesamt knapp 350 Mitgliedern befinden sich nur fünf im Wettkampfbetrieb. Entsprechend wenig Kosten fallen an, sodass es auch keinen großen Sponsorenpool gibt. "Wir haben den ersten Lockdown überstanden, dann mit Hygienekonzepten weitergemacht. Nun werden wir auch die zweite Pause überstehen", beschreibt Blümke die Situation. Natürlich falle die Meinung unter den Mitgliedern über das Herunterfahren der Sportaktivitäten unterschiedlich aus. "Aber wir akzeptieren es natürlich. Daran führt kein Weg vorbei."

"Der FV Eintracht Niesky wird trotz der momentanen Einschränkungen weiterbestehen", eine substantielle Gefahr gebe es nicht, erklärt Sportvorstand Paul Neumann. die Mitgliederzahl liege konstant bei etwa 270, wobei rund zwei Drittel Kinder und Jugendliche seien. Natürlich gebe es ein paar Unwägbarkeiten. "Wir wissen nicht, ob der Nachwuchs weiter zur Stange hält, weil der direkte Trainingsimpuls fehlt und es vielleicht weniger stressig ist, sich vor dem Computer breit zu machen." Von den Sponsoren hätten einige - vor allem aus der Gastro-Branche - ihr Engagement schon beim ersten Lockdown auf Eis gelegt. "Es ist absolut fair, so miteinander umzugehen. Wir verstehen doch, dass es im Moment wichtigere Dinge als Fußball gibt."

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