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Trauer um Dresdner Opernsänger Theo Adam 

Er war einer der großen Wagner-Sänger seiner Zeit. Nun ist der renommierte Bassbariton Theo Adam im Alter von 92 Jahren in einem Pflegeheim gestorben. Ein Nachruf von SZ-Redakteur Bernd Klempnow.

Der Dresdner Kammersänger Theo Adam am Tag der Wiedereröffnung der Semperoper 1985. © Matthias Hiekel / dpa

Stets bescheiden, vorbereitet und pünktlich und doch stets ein großer Auftritt: „Guten Abend, wo ist denn mein Kreuz“, fragte Kammersänger Theo Adam, als er am 30. November 2006 abends auf die Seitenbühne der Semperoper trat. Er begrüßte leise die Requisiteure. Die hielten schon das meterlange Holzkreuz im Dämmerlicht hinter den Kulissen bereit. Wenige Minuten später trug es Adam über die Bühne und sang mit noch recht kraftvoller Stimme die gottesfürchtigen Worte des Eremiten: „Der über Sternen ist voll Gnade.“

Diese Arie erklingt zum Schluss der Carl-Maria-von-Weber-Oper „Der Freischütz“. Der Eremit schlichtet Verstrickungen der Bühnenfiguren im Sinne der Menschen und des Herrn. So auch an jenem Donnerstag im Dresdner Opernhaus, und doch war es an diesem Abend anders. Theo Adam, einer der bedeutendsten deutschen Sänger, verabschiedete sich mit dieser von ihm oft gestalteten Rolle von der Bühne.

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Danach war der Dresdner nur noch selten öffentlich zu erleben. Der Mann mit dem markanten weißen Haupt besuchte mit Gattin Eleonore Premieren und Konzerte – so lange es ging. Adam dämmerte zusehends in eine andere Welt, lebte die letzten Jahre nicht mehr in seinem eher bescheidenen Haus am Loschwitzer Hang, sondern in einem Pflegeheim. Am Donnerstag ist er 92-jährig gestorben. Er schlief friedlich ein. Die Trauerfeier findet am 18. Januar in der Loschwitzer Kirche statt. Am Freitagabend widmete die Semperoper dem Verstorbenen die Vorstellung der Wagner-Oper "Der fliegende Holländer" unter Leitung von Christian Thielemann.

Der letzte Auftritt des damals 80-Jährigen als Eremit dauerte nur gut zehn Minuten und begann kurz nach halb zehn. Doch bereits gegen halb sieben war der Bassbariton im Haus. Er sang sich ein, kleidete sich um, ließ sich schminken. „Nervös?“, fragte der SZ-Reporter, der ihn an diesem Abend begleitete. „Ein bisschen Spannung muss sein, aber nach 57 Jahren in dem Beruf ist das Lampenfieber nicht mehr wirklich schlimm“, so Adam. „Auch die kleinste Rolle kann schon über eine wahrhafte Künstlerschaft Auskunft geben.“ Wohl war es diese Einstellung zur Arbeit, die ihn zu einem internationalen Ausnahmesänger werden ließ.

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In der Semperoper ehrten und feierten Kollegen und das Publikum den verstorbenen Kammersänger. Nur dessen Freund Peter Schreier fehlte.

Den Eremiten kannte Adam bestens. Seit seinem Bühnendebüt 1949 gestaltete der ehemalige Kruzianer viele Partien im „Freischütz“. Der Eremit war eine seiner ersten großen Rollen. Über 100 sollten in einer beispiellosen Weltkarriere folgen, die ihn nach Bayreuth wie New York führen sollte: So spielte er den Schwerenöter Don Giovanni und den Schuster Hans Sachs in den „Meistersingern“, er sang den Spanienkönig Philipp und tanzte singend den Landjunker Ochs im „Rosenkavalier“. Mit jener Rolle feierte er auch zur Wiedereröffnung der Semperoper 1985 Triumphe. Über 100 Aufnahmen zeugen davon.

Was seine Figurendarstellungen von der vieler Kollegen unterschied: Adam hatte eine fulminante Stimme, eine perfekte Gesangstechnik und eine überragende Bühnenpräsenz. Er galt über Jahrzehnte als idealer Operninterpret vor allem für die schweren deutschen Komponisten wie Richard Wagner. „Ich war der Göttervater vom Dienst“, meinte er selbst. Doch er engagierte sich auch für die Moderne. Ob in Alban Bergs „Lulu“ oder in Paul Hindemiths „Cardillac“ – seine Figuren konnten etwas Dämonenhaftes haben, an das man sich auch Jahrzehnte später erinnerte.

Über 5 000 Vorstellungen absolvierte der gebürtige Dresdner, der trotz internationaler Angebote stets seiner Heimatstadt verbunden blieb. „Er kannte kaum künstlerische Beschränkungen, warum sollte er weggehen“, sagt seine Frau Eleonore. Sie freilich, seine Managerin, durfte ihn viele Jahre auf seinen Westreisen nicht begleiten.

Adam, der nach Kriegsdienst und Gefangenschaft zunächst Neulehrer wurde, sagte über sein Gesangsstudium: „Morgens lehrte ich, nachmittags lernte ich.“ Rasant war seine Entwicklung als Sänger. Er war der jüngste deutsche Kammersänger und einer der wenigen, die diesen Titel mehrfach erhielten: den der DDR, von Bayern und von Österreich. Er sang bei den ersten Festivals und auf den wichtigsten Bühnen. Ihm applaudierten Generalsekretäre, Bundeskanzler, US-Präsidenten und Päpste. Seine liebsten Zuhörer freilich blieben ihm die hiesigen kunstverständigen Musikfreunde. „Keine meiner vielen Ehrungen und Preise sind mir so viel wert wie die Ehre, wenn Dresdner zu mir sagen: ,unser Theo Adam’“, sagte er ohne zu kokettieren. Erstaunlich für einen Künstler seiner Popularität. Der Sänger war stets politisch interessiert und mischte sich durchaus ein, positionierte sich auch zu DDR-Zeiten: nie anbiedernd, nie kritisch. Er habe damals versucht, so seine Frau einmal, intern über die Kulturabteilungen von Partei und Staat etwas zu verändern. Kurz nach der Wende gab er einen ihm 1989 verliehenen Orden zurück, als er von den Privilegien der DDR-Führung erfuhr. Andere Ehrungen wie den Nationalpreis behielt er: Er hatte sie für seine Bühnenarbeit bekommen. Dagegen sei ja nichts einzuwenden.

Doch Theo Adam war nicht nur Sänger. Er war Schriftsteller, hat mehrere, meist anekdotische Büchlein über den geliebten Beruf geschrieben. Und er war auch Regisseur: Siebenmal inszenierte er in Berlin, München und Dresden. Sein sängerfreundlicher, stückdienlich inszenierter „Parsifal“ von 1988 lief bis 2010 an der Semperoper. Vom aktuellen Regietheater hielt er nichts: „Intendanten mögen Buh-Konzerte. Mir tun jüngere Kollegen oft leid, welche Absonderlichkeiten sie auf Geheiß profilsüchtiger Regisseure vollbringen müssen.“ Auch diese Bodenhaftung schätzen Kollegen, Studenten und Publikum an ihm.

Und so fand der Semperopern-Intendant Gerd Uecker zum Bühnenabschied von 2006 treffliche Worte: „Trotz Weltberühmtheit hat Theo Adam vorbildhaft ein menschliches Maß gelebt: fern jeder Hybris, Arroganz, Selbstdarstellung oder anderen Verbiegungen, die der Ruhm dem Menschen oft als Preis abfordert.“