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Pfarrer mit liebevollen Kanten

Andreas Taesler war über 30 Jahre Berthelsdorfer Pfarrer. Seiner Gemeinde und dem Schloss bleibt er treu.

© Rafael Sampedro

Von Anja Beutler

Berthelsdorf. Am wunderbaren Ausblick für Andreas Taesler hat sich nichts geändert – seine Perspektive allerdings sehr wohl. Seit rund einem Monat ist der rührige Pfarrer mit dem weißen Vollbart nun offiziell im Ruhestand. Für viele im Ort ist das durchaus noch gewöhnungsbedürftig, denn Taeslers bleiben auch weiterhin am angestammten Platz im Pfarrhaus. „Die Landeskirche hat uns angeboten, dass wir weiter zur Miete hier wohnen können, weil die Pfarrstelle Berthelsdorf/Strahwalde nicht neu besetzt wird“, erklärt der 65-Jährige. Ihm persönlich ist das durchaus recht, denn er fühlt sich wohl mitten in Berthelsdorf.

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Mehr als 30 Jahre war Andreas Taesler für die Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche da. Mehrfach hat er dabei auch Vertretungen in den Nachbargemeinden übernommen, in Großhennersdorf oder Ruppersdorf zum Beispiel „Deshalb kenne ich das jetzige Herrnhuter Stadtgebiet eigentlich ganz gut – wie meine Westentasche“, sagt er und schmunzelt. Dass es ihn, seine Frau Dorothea und die gemeinsamen fünf Kinder nach Berthelsdorf verschlagen hat, hatte einst ganz pragmatische Gründe. Von 1979 bis 1987 war Taesler Pfarrer in Hochkirch und wollte die Stelle wechseln. „Genug Platz für eine Familie mit fünf Kindern gab es nur in Ber-thelsdorf“, erinnert er sich. Wichtig war Taeslers damals zudem, dass man mit dem Nahverkehr gut nach Bautzen gelangen konnte, um die Eltern zu besuchen.

Was ihn inhaltlich erwartete, wusste Andreas Taesler damals nicht wirklich – auch wenn er seinen Amtsvorgänger durchaus kannte. Rasch merkte er, dass die Gemengelage in Berthelsdorf durchaus etwas Besonderes war – und das lag auch an der Geschichte und der Nähe zur Herrnhuter Brüder-Unität. „Berthelsdorf war nie ein Dorf mit vielen großen Bauerngehöften – und durch die Textilindustrie waren viele Arbeiterfamilien ins Dorf gezogen“, skizziert Taesler. Das war schon ein Unterschied zu den Nachbargemeinden ringsum – auch, was die politische Stimmung vor Ort zu DDR-Zeiten anbelangte.

Nach der Wende engagierte er sich vor allem als Vorsitzender der Schulkonferenz für den Aufbau neuer Strukturen. „Ich musste überprüfen, welcher Schuldirektor bleiben durfte und wer nicht“, umschreibt er es rückblickend. Freunde hat er sich dabei nicht immer gemacht. Aber als Mann mit einem Standpunkt – den er beispielsweise mit Blick auf die Friedensbewegung schon vor der Wende vertrat – hat er Spannungen immer ausgehalten. Auch Herrnhuts Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste) zollt Pfarrer Taesler großen Respekt, weil er mit ihm immer jemanden vor sich hatte, der klare Ansagen macht. „Wir haben immer gut mit ihm zusammengearbeitet“, bestätigt Riecke und fügt hinzu: „Er ist durchaus auch kantig – aber liebevoll kantig.“

Dass er mit der Herrnhuter Brüder-Unität eine Art evangelische Konkurrenz vor der Haustür hatte, war sicherlich auch eine Besonderheit seines Amtes, denn für Landeskirchenmitglieder war er ja in Herrnhut der Ansprechpartner vor Ort. Gab es da nicht manchmal auch Neid, weil alle Welt von Herrnhut spricht – der Ursprung, also das Schloss der Familie Zinzendorf – dabei aber meist keine Rolle spielt? Andreas Taesler muss ein bisschen lächeln. Diese Frage hat er immer wieder gehört. „Mir war die Verbundenheit zwischen Herrnhut und Berthelsdorf immer sehr wichtig“, sagt er. Und natürlich gibt es durchaus Unterschiede zwischen Landeskirche und Herrnhutern: „Aber am Ende verbindet uns viel mehr, als uns trennt“, konstatiert er.

Für Zinzendorfs Schloss hat er sich zudem gemeinsam mit seiner Frau Dorothea besonders eingesetzt. Seit 20 Jahren gibt es den Freundeskreis jetzt, Taeslers waren von Anfang an mit dabei. Skepsis und Kritik im Ort gab es zu Beginn durchaus, gesteht Andreas Taesler unumwunden ein. „Aber was wäre denn die Alternative zu einer Sanierung gewesen?“, fragt er. Dass sein Arbeitgeber – die Kirche – hinter seinem Engagement stand, war ihm wichtig. Und inzwischen ist das Schloss ein wichtiger Anziehungspunkt über den Ort hinaus geworden, freut er sich. Nun, im Ruhestand, wird er sich natürlich auch hier weiter engagieren. „Ich sammle aber auch Briefmarken und interessiere mich für Ahnenforschung – da ist vieles liegen geblieben“, fügt er hinzu. Langeweile werde er also sicher nicht haben. Schon gar nicht – wenn seine sechs Enkelkinder zu Besuch kommen. „Das war auch ein Grund, hierzubleiben, in der Nähe der Enkel“, sagt der Pfarrer. Hinzu kam, dass es ohnehin keinen direkten Nachfolger auf seiner Pfarrstelle geben wird, er also auch keinem Kollegen Platz machen muss.

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