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"Fassungslos vor so viel Menschenverachtung"

Stadtführer Thomas Börner erinnert an das antisemitische Pogrom am 9. November 1938 in Pirna. Er hat eine Botschaft.

Das Geschäft von Wolf Jurmann am Markt 14 in Pirna wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört. Eine Gedenktafel erinnert heute an die Gewalt gegen Juden.
Das Geschäft von Wolf Jurmann am Markt 14 in Pirna wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört. Eine Gedenktafel erinnert heute an die Gewalt gegen Juden. © Norbert Millauer

Der 9. November 1938 ist ein schwarzer Tag  in der deutschen Geschichte. Damals brannten Synagogen, Juden wurden verhaftet und ermordet, Geschäfte und Wohnungen geplündert und zerstört . Auch den Pirnaer Juden wurde Gewalt angetan. 

Um an die Pogromnacht der Nationalsozialisten zu erinnern, plante die Aktion Zivilcourage ursprünglich eine Führung mit dem Pirnaer Gästeführer Thomas Börner zum Thema "Spuren jüdischen Lebens in Pirna" mit dem Schwerpunkt jüdische Schicksale in der Nazi-Herrschaft. 

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Doch coronabedingt muss diese Führung ausfallen. Dennoch spricht Thomas Börner mit Sächsische.de über das Thema und darüber, was am 9. November 1938 in Pirna geschah. Der Dresdner ist 75 Jahre alt, sehr an Geschichte interessiert und führt seit einigen Jahren Gäste durch die Stadt Pirna.  

Herr Börner, wie sah das jüdische Leben in Pirna zu Nazi-Zeiten aus?

1933 lebten zehn Familien jüdischen Glaubens in Pirna, nach 1939 keine mehr. Sie  prägten vor allem als Geschäftsleute das Stadtleben mit. Doch die systematischen Maßnahmen der Ausgrenzung und Vernichtung im Nationalsozialismus vertrieben diese Bürgerinnen und Bürger nachhaltig aus der Stadt.

Was genau geschah am 9. November 1938 in Pirna?

Sehr erschütternd berichtet Esra Jurmann über die Ereignisse, der sie als neunjähriges Kind erlebte. Sein Vater Wolf Jurmann war Besitzer eines Herrenkonfektionsgeschäftes am Markt 14.  Vermutlich SA-Trupps schlugen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Schaufensterscheiben ein. Esra wurde am Vormittag von der Schule verwiesen  und lief zum väterlichen Geschäft. Dort muss es schlimm ausgesehen haben. Esra Jurmann berichtet von furchtbaren Verwüstungen. Überall lagen Glasscherben. Gegenüber dem  jurmannschen Geschäft besaß Herr Weiner ebenfalls einen Laden. Auch er war Jude. Man hatte ihm ebenso in der Nacht die Schaufensterscheiben eingeschlagen und überall ,Jude' auf die Scheiben geschmiert. 

Ist bekannt, wie sich damals die Bevölkerung verhalten hatte?

Esra Jurmann schreibt, dass das Geschäft seines Vaters am 10. November 1938 abgeriegelt war. Viele Schaulustige und Gaffer hatten sich eingefunden. Mehr wissen wir nicht. Heute erinnert eine Gedenktafel am Markt an die Ereignisse von damals.

Thomas Börner führt Gäste durch Pirna. Sein Thema: Jüdisches Leben in Pirna.
Thomas Börner führt Gäste durch Pirna. Sein Thema: Jüdisches Leben in Pirna. © privat

Was widerfuhr den Pirnaer Juden nach der Pogromnacht?

Bleiben wir bei dem tragischen Schicksal der Familie Jurmann. Nach den Ausschreitungen am 9. November wurden die männlichen Juden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Tausende wurden dort inhaftiert. So auch Wolf Jurmann. Seine Frau und die beiden Söhne mussten Pirna verlassen und in ein sogenanntes Judenhaus nach Dresden ziehen. Wolf Jurmann wurde erst wieder freigelassen, nachdem seine Frau die Verkaufsverhandlungen für sein Geschäft zu Ende gebracht und sie die Versicherung abgegeben hatte, Deutschland zu verlassen. Jurmann konnte daraufhin zunächst zu seiner Familie nach Dresden zurückkehren. Nun war es damals gar nicht so einfach, als Jude in einem anderen europäischen Land unterzukommen. Schließlich gelang es ihm aber 1939, nach England überzusiedeln, wo er den Nachzug seiner Familie vorbereiten wollte. Dazu kam es indes nicht. Mutter und die beiden Söhne wurden 1942 in das Ghetto nach Riga und später in das Konzentrationslager Kaiserwald bei Danzig deportiert. Die Mutter wurde bei einer Selektion erschossen. Die beiden Brüder haben die Räumung des Lagers überlebt, aber Esras älterer Bruder starb bei dem sich daran anschließenden Todesmarsch. Esra selbst überlebte und konnte sich zu seinem Vater nach England durchschlagen.

Etwas anders war die Situation für Alfred Cohn, der in Pirna in der Schuhgasse ebenfalls ein Konfektionsgeschäft betrieb...

Er war mit einer ,arischen' Frau verheiratet und lebte somit in einer privilegierten Ehe. Um sich vor den Nazis zu retten, konvertierte er zum katholischen Glauben. Aber für die Nazis galt die Rasse und nicht die Religion. Am 13. November 1938 wird auch Alfred Cohn in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Weil seine Ehefrau am 1. Dezember 1938 die Ausreise nach Brasilien beantragt hat, wird er am 8. Dezember 1938 aus dem KZ entlassen. Diese Ausreise kam aber nicht wie vorgesehen zustande. Alfred Cohn flieht im Februar 1939 nach Rotterdam und kann den Nazi-Terror in einem niederländischen Kloster überleben. Nach der Befreiung des Landes durch die Engländer wird er zunächst von den Alliierten als Deutscher interniert, im Sommer 1945 entlassen, sodass er nach Pirna zu seiner Familie zurückkehren konnte. Er fand eine Anstellung bei der Stadt Pirna. Seine Mutter, Amelie Cohn, erlebte die Befreiung nicht: Sie wurde nach Theresienstadt deportiert und verstirbt dort 1943.

Also, als Nachgeborener stehe ich fassungslos vor so viel Menschenverachtung. Ich frage mich: Wie können Menschen anderen Menschen solches Leid antun? Je mehr ich mich mit den Einzelschicksalen aus Pirna beschäftige und recherchiere, umso bestürzter bin ich. Ich denke, ganz wichtig ist, dass wir die Geschichte und diese Gräueltaten nicht vergessen. Deshalb biete ich auch zusammen mit anderen diese spezielle Führung in Pirna an. Es ist Erinnerung und Mahnung zugleich.

Auch heute kommt es aus unterschiedlichen Beweggründen zu Gewalt, die in manchen Fällen in Ausschreitungen gipfelt. Wünschen Sie sich mehr Zivilcourage  von den Menschen?

Vorab: Ich habe nicht das Recht, den Stab über die damalige Bevölkerung zu brechen. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, gegen das Nazi-Unrecht einzuschreiten. Viele hatten bestimmt auch Angst. Aber auch heute gibt es leider wieder Entwicklungen, die zu Sorge Anlass geben. Für Zivilcourage braucht es Mut. Den kann man nicht einfordern. Aber bei Unrecht sollte niemand wegschauen.

Basierend auf dem Buch von Hugo Jensch  "Juden in Pirna" (1997) hat der Pirnaer Verein AKuBiZ einen Stadtplan herausgebracht. Dieser Stadtplan ist in der Touristinformation der Stadt kostenlos erhältlich und lässt sich auch herunterladen und ausdrucken.

Weiterhin hat der Verein online die Möglichkeit geschaffen, die jüdische Geschichte Pirnas und der Region zu erkunden.

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