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Er ist der Italiener in Dohnas Ratskeller

Die Geschichte von Alessandro Horrion hört sich unglaublich an. Darüber vergisst man fast das Essen. Aber nur fast.

Hereinspaziert: Alessandro Horrion ist der neue Wirt vom Ratskeller Dohna und macht aus ihm "La mia mamma".
Hereinspaziert: Alessandro Horrion ist der neue Wirt vom Ratskeller Dohna und macht aus ihm "La mia mamma". © Marko Förster

Wenn ein 32-Jähriger sagt, seine Lebensgeschichte sei spannend, sollte man vorsichtig sein. Mit 32 war bei den meisten die Hälfte des Lebens erst einmal Schule. Bei Alessandro Horrion gab es aber schon in dieser ersten Hälfte allerhand Spannendes. Was danach kam, war nicht immer fröhlich und ist weit mehr als nur Familiengeschichte, deren vorläufig letzte Station der Dohnaer Ratskeller ist. Warum er den seiner Mutter widmet und wie ein bekanntes Model in seine Familie kam, hat er der SZ erzählt.

Der neue Wirt ist im geschichtsträchtigen Jahr 1989 in Italien geboren. Für die Zeit kann er nichts, ebenso wenig wie für manches, was später kam. Alessandro wuchs bei der Oma auf. Die Mutter wanderte 1995 nach Deutschland aus, wo sie ein Jahr später heiratete. 1998 zog Alessandro nach Dresden, absolvierte die Schule. Er war der Schlimme, den trotzdem alle mochten. Ein Cleverle, das sich so durchmogelte, wie er zugibt.

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Etwas mit Immobilien, Autos oder Gastronomie

Die Mutter drängte, Junge, Du musst was Ordentliches lernen. Was Ordentliches war in ihren Augen was mit Immobilien, was mit Auto oder Gastronomie. Der brave Sohn schrieb drei Bewerbungen. Die Gaststätte am Ullersdorfer Golfplatz antwortete als erste. Also lernte Alessandro Restaurantfachmann. "Mit Mühe und Not", sagt er. Mit dem Abstand der Jahre fügt er hinzu: Man kann jeden Beruf kennen und lieben lernen. Es hätte also auch sein können, er verkauft heute Immobilien oder Autos.

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2011 wurde zum einschneidenden Jahr für den jungen Mann. Ein Jahr zuvor hatte er seine griechische Frau kennengelernt, Sohn Raffael wurde geboren. Vier Wochen später starb Alessandros Mutter. "Das zog mir den Boden unter den Füßen weg", sagt er. In dieser ganz schweren Zeit stand ihm sein Adoptivvater, der Mann seiner Mutter, zur Seite. Heute erinnert der Name seiner Gaststätte "La mia mamma" an sie.

Patchwork und berühmte Stiefschwester

Irgendwann trat eine neue Frau in das Leben seines Vaters. Eine Kenianerin. "Ich war skeptisch", sagt Alessandro. Die Familie redete miteinander. "Das hat sich gelohnt, es ist die beste Patchworkfamilie, die man sich vorstellen kann." Die Frau brachte eine neunjährige Tochter mit in die Familie. Auch sie adoptierte Alessandros Vater, sodass er und die Tochter Stiefgeschwister wurden. "Und nun kommt der Clou." Alessandro gibt etwas auf seinem Handy ein und zeigt Fotos einer dunkelhäutigen sehr schönen jungen Frau: Nicole Horrion ist Model.

"So ist das, mein Schwesterherz chattet durch die Welt, mein Vater sitzt am Schreibtisch, ich im Ratskeller in Dohna und meine Frau passt auf unsere inzwischen drei Jungs auf." Wenn es nach Alessandro ginge, würde er im Ratskeller schlafen, aber dagegen haben die vier zu Hause was, die er doch noch mehr mag als seine neue Herausforderung. Er ist im Herzen eben italienischer Familienmensch - und Gastgeber.

Von Dresden ausgerechnet nach Dohna

Genau das will er in Dohna sein. Schon jetzt steht die Tür offen, werden Neugierige mit "Buon giorno" begrüßt. Er jobbte im Eiscafé und vermisste das Elegante, er arbeitete in Radeberg bei einem Italiener und wollte was anderes, er lernte in der "Dresdner Aussicht" den Unterschied zwischen Würzfleisch und Ragout fin und lernte schließlich bei seinem "großen Bruder", dass italienische Küche mehr als Pizza und Pasta ist.

Den "großen Bruder" hat er als kleiner Junge im legendären Café Prag in Dresden kennengelernt. Dort hat er zu ihm aufgeschaut und später "sehr, sehr viel von ihm gelernt, wofür ich ihm sehr, sehr dankbar bin". Alessandro Horrion hat zuletzt das "Enotria da Miri" im Lucknerpark geleitet. Nun war es Zeit für den Schritt, etwas Eigenes zu wagen. Aber ausgerechnet in Dohna?

"Wenn die Gaststätte gut ist, ist der Standort egal"

Der Ratskeller hat aufgrund seiner Köche und Betreiber einen guten Ruf weit über Dohna hinaus. Gleichzeitig haben die vielen Wechsel dem Ruf etwas geschadet. "Wenn die Gaststätte gut ist, ist der Standort egal", sagt Alessandro Horrion. Und dass seine gut und sogar sehr gut wird, davon ist er überzeugt. Er fühlt sich als Gastgeber, legt Wert auf frische Produkte und erstklassige Verarbeitung und weiß: Nur essen reicht heute nicht mehr.

Den Skeptikern, die einen Italiener im Ratskeller für gewagt halten, zeigt er die venezianische Säule im Gastraum. Die Sandsteinmauern, das Gewölbe: Für den Italiener der perfekte "Italiener". Die Wände sind schon weinrot gestrichen. Jetzt wartet er auf Lampen, Gardinen, Kücheneinrichtung. In der ersten August-Woche soll Eröffnung von "La mia mamma" sein. Und zu der kommt auch die ganze Familie. So weit im Land.

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Es wird wohl nicht leicht, weiß Alessandro Horrion. Wegen der Zeit, wegen Dohna und überhaupt. Aber wenn es leicht wäre, würde es wohl nicht zu Alessandro Horrion passen. Mit 32 hat man eben doch schon Manches erlebt, aber das Meiste noch vor sich...

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