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Hilfeschrei der Pirnaer Tafel

Lebensmittel werden immer weniger gespendet. Dabei kommen immer mehr Kunden in die Einrichtung. Tafelleiterin Sandra Furkert hat einen Wunsch.

Sandra Furkert leitet die Pirnaer Tafel und klagt über zu wenig Lebensmittel-Spenden für die Bedürftigen.
Sandra Furkert leitet die Pirnaer Tafel und klagt über zu wenig Lebensmittel-Spenden für die Bedürftigen. © Archivfoto: Daniel Schäfer

Frau Furkert, momentan klagen Sie darüber, dass immer weniger Lebensmittel der Pirnaer Tafel gespendet werden. Ein Hilfeschrei?

Ja, das ist richtig. Leider. Wobei ich differenzieren möchte. In der Ausgabestelle in Heidenau läuft es gut. Aber in Pirna sieht es dramatisch aus. Das macht mir große Sorgen.

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Woran mangelt es zurzeit in Pirna? Welche Produkte werden nicht ausreichend gespendet?

Der Engpass bezieht sich auf fast alles. Obst und Gemüse kommen derzeit ganz wenig rein. Das liegt natürlich auch an der Jahreszeit. Die Tafelgärten, die uns im Sommer beliefern, sind jetzt geschlossen. Da wächst nichts mehr; das reißt ein Loch rein. Aber auch Molkereiprodukte wie Milch, Joghurt, Käse und Quark beziehen wir immer weniger. Die Discounter in der Region geben ganz schlecht ab. Wurstwaren sind auch derzeit bei uns Mangelware, obwohl diese Produkte oft von den Kunden abgefragt werden. Immerhin ein Lichtblick: Die Landbäckerei Schmidt aus Leupoldishain spendet nach wie vor Brötchen, Brote und Kuchen. Wenn wir diese Quelle nicht hätten, hätten wir fast gar nichts mehr für unsere Kunden. Da möchte ich auch mal ein ganz großes Dankeschön aussprechen.

Woran liegt es, dass weniger gespendet wird?

Gute Frage. Die kann ich leider auch nicht genau beantworten. Wir sind sogar mit dem Pirnaer Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke zusammen zu den Discountern gefahren, um das Problem anzusprechen und für die Tafel zu werben. Konkrete Antworten haben wir jedoch nicht erhalten. Aus meiner Sicht werden viel zu viele Produkte weggeworfen. Selbst Produkte, die noch nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten haben, entsorgen die Discounter. Das macht mich persönlich traurig. Aber selbst ein Lebensmittel, das schon über dem Mindesthaltbarkeitsdatum liegt, muss nicht unbedingt schlecht sein. Wir würden es gerne nehmen, kontrollieren und es dann gegebenenfalls an den Kunden weiterreichen. Über das MHD hinaus heißt ja nicht per se, dass das Produkt nicht verzehrbar ist. Ich schaue aber auch über den Tellerrand. Andere Länder sind da weiter als wir in Deutschland. In Tschechien wurde beispielsweise vor Kurzem ein aus meiner Sicht gutes sowie gerechtes Gesetz erlassen. Es besagt, dass Supermarkt-Ketten unverkäufliche Lebensmittel kostenlos an Hilfsorganisationen abgeben müssen. In die Pflicht genommen wurden tschechische Lebensmittelgeschäfte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern. Das sollte auch für Deutschland gelten.

Müssen einige Tafelkunden in Pirna jetzt hungrig nach Hause gehen?

Nein, niemand geht mit leeren Taschen nach Hause. Wir verteilen gerecht. Wenn jedoch weniger zu verteilen ist, werden die Portionen zwangsläufig kleiner. Um ein passendes Bild zu verwenden: Wird der Kuchen kleiner, müssen auch die Stücke kleiner geschnitten werden, damit jeder etwas erhält.

Weniger Lebensmittel für eine steigende Anzahl von Kunden?

Das ist tatsächlich so. Im Moment versorgen wir zirka 200 Haushalte an den beiden Ausgabestellen in Pirna in der Altstadt und auf dem Sonnenstein. Tendenz steigend. Hinzu kommen immer mehr Personen, die wegen Corona in Kurzarbeit sind oder deren Einnahmen aufgrund der Pandemie komplett wegfallen. Außerdem versorgen wir einige Haushalte direkt per Anlieferung. Ich muss leider sagen, dass wir diese Haushalte wegen des aktuellen Engpasses der Lebensmittel in der Buß-und-Bettagswoche nicht anfahren können. Wir hoffen, das bleibt eine Ausnahme.

Welche Menschen sind besonders auf die Tafel angewiesen?

Das geht querbeet durch fast alle Gesellschaftsschichten. Vom Studenten über den Selbstständigen bis zum Rentner mit schmalen Bezügen. Viele Ehepaare mit Kindern melden sich jetzt auch vermehrt bei der Tafel an. Aber wir unterstützen auch zahlreiche Migranten.

In der Vergangenheit ist es zu Konflikten zwischen Ausländern und Einheimischen bei der Pirnaer Tafel gekommen. Wie läuft es jetzt?

Ja, damals im Jahr 2015 gab es Rangeleien und unschöne Neiddebatten. Aber das haben wir im Griff. Jetzt stellen sich Pirnaer und Migranten gemeinsam in einer Reihe an, unterhalten sich und feinden sich nicht an. Das läuft wirklich gut.

Trotz Corona musste die Pirnaer Tafel in diesem Jahr nicht schließen. Welche Regeln gelten?

Die Abstände sind zu wahren, die Kunden müssen einen Mundschutz tragen. Hereingelassen in die Ausgabestellen werden lediglich jeweils zwei Personen. Die anderen warten draußen, bis sie aufgerufen werden. Das dauert natürlich etwas länger, wird aber von den Tafelkunden toleriert. Das Ordnungsamt hat uns auch schon überprüft und keine Beanstandungen gemacht.

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