SZ + Pirna
Merken

Wenn das Leben den Körper verlässt

Frau Heinrich bereitet sich mit 51 Jahren auf das Sterben vor. Trotzdem macht die Pirnaerin anderen Mut.

Von Heike Sabel
 4 Min.
Teilen
Folgen
Sich mit 51 auf den Tod vorbereiten zu müssen, ist außergewöhnlich. Die Art und Weise, wie eine Pirnaerin damit umgeht, ist es auch.
Sich mit 51 auf den Tod vorbereiten zu müssen, ist außergewöhnlich. Die Art und Weise, wie eine Pirnaerin damit umgeht, ist es auch. © Norbert Millauer

Fast ein ganzes Jahr lief sie von Arzt zu Arzt, ließ sich zig Mal untersuchen. Immer wieder wurde eine Krankheit ausgeschlossen. Sie und ihr Mann ahnten, dass etwas auf sie zukommt, was nicht leicht zu bewältigen sein wird, denn schon im Laufe dieses Jahres ging es ihr immer schlechter. Schließlich Ende 2018 die Diagnose: eine neurologische Krankheit, unheilbar, fortschreitend, deren Ursachen bis heute nicht bekannt sind. Die Nervenbahnen sterben ab und dadurch gehen die Muskeln zurück. Die Ärzte geben Frau Heinrich noch drei bis fünf Jahre.

Sie merkt jeden Tag, wie die Kräfte schwinden, wie die Muskeln schwächer werden, die Lunge weniger arbeitet, der Körper in sich zusammensackt. Als sie noch mit Gehhilfen lief, stürzte sie zweimal. Seither sitzt sie im Rollstuhl. Frau Heinrich kann mittlerweile kein einziges Körperteil mehr eigenständig bewegen. Nur ein paar Minibewegungen wie Kopfdrehen und Rumpf etwas bewegen sind noch möglich. Essen und schlucken fallen schwer, immer wieder muss sie beim Reden pausieren. Sie ist 51 Jahre alt.

Eine Lehrmeisterin im Ertragen

Sie hat die verbleibende Zeit für sich angenommen. Ihr Mann muss zuschauen und kann nichts tun. Nichts, was die Zeit aufhält. Aber alles, um sie mit seiner Frau zu verbringen. Und immer wird es weniger, was sie tun können. Das Mal- und Bastelzeug, die Musikinstrumente musste sie ablegen, das Spielen, Musizieren, Singen gehen nicht mehr. Die Eheleute, die sich seit 32 Jahren kennen und seit 31 verheiratet sind, können von vielen Erinnerungen zehren. Und von der positiven Natur meiner Frau, sagt er. "Mit ihrer Art macht sie bis heute jeden Menschen froh." Kerstin Franke vom Lebenswerte-Verein betreut die Heinrichs schon eine Weile. Für sie ist Frau Heinrich "eine Lehrmeisterin im Aushalten und Ertragen. Dort sollten die ewigen Meckerer mal ein Praktikum machen."

Freunde, Bekannte, Verwandte sind in solchen Situationen oft hilflos. Diese Hilflosigkeit nimmt Frau Heinrich ihnen. Es bleibt die Betroffenheit, doch sie gehen nach Besuchen gestärkt. "Oft sagen Freunde dann, wir wollten Dir Mut machen, aber Du machst uns Mut", sagt ihr Mann. Frau Heinrich ist bis heute nicht verbittert, jammert nicht, auch wenn die Tage, an denen es ihr nicht so schlecht geht, weniger werden. Die Heinrichs werden von ihrem Glauben getragen.

Jede Phase eine neue Belastung

Wenn die Schmerzen weniger sind, Besuch kommt, die Kinder und die Enkelin da sind, dann sind das Momente der Ablenkung und bessere Tage. Freunde und Glaubensgeschwister geben den Halt, den der Körper nicht mehr geben kann. Es gibt auch Menschen in ihrem Umfeld, die sich zurückziehen, weil sie nicht mit der Krankheit und der Endlichkeit umgehen können. Manche wollen Frau Heinrich so in Erinnerung behalten, wie sie sie kannten, oder wissen einfach nicht, was sie sagen sollen. Die Heinrichs nehmen es ihnen nicht übel.

  • Die Stiftung Lichtblick veranstaltet dieses Jahr die 26. Spendensaison für in Not geratene Menschen. Die Spenden können online überwiesen über www.lichtblick-sachsen.de/jetztspenden. Konto-Nummer: Ostsächsische Sparkasse Dresden, BIC: OSDDDE81IBAN: DE88 8505 0300 3120 0017 74
  • Hilfesuchende wenden sich bitte an Sozialeinrichtungen ihrer Region wie Diakonie, Caritas, DRK, Volkssolidarität, Jugend- und Sozialämter.
  • Erreichbar ist Lichtblick telefonisch Dienstag und Donnerstag von 10 bis 15 Uhr unter 0351/4864 2846, Fax: - 9661.
  • [email protected]
  • Sächsische Zeitung, Stiftung Lichtblick, 01055 Dresden
  • www.lichtblick-sachsen.de

Dankbar sind die Heinrichs für Menschen, die helfen, ihnen direkt oder über die Lichtblick-Stiftung, die damit den Kauf eines Rollstuhlautos mit Rampe bezuschusste. Weitere Zuschüsse gab es von der Krankenkasse für den Hublift und behindertengerechtes Badausbau, Freunden und Bekannten spendeten für das ebenerdige Umbauen des Erdgeschosses und den Balkon, weil nur so der Zugang per Rollstuhl möglich ist. Alles Ausgaben und jede Phase der Krankheit fordert neue Veränderungen, Belastungen und Kraft. "Dass Menschen für so etwas spenden, ist echt total klasse", sagt Frau Heinrich. Auch an Herrn Heinrich geht die psychische Belastung nicht spurlos vorüber, auch wenn ihre Liebe und ihr Glauben starke Mächte sind. Wenn er in Erinnerungen schwelgt, kommt auch immer der Moment, da er sich fragt, wie es weitergeht.

Die Trauerfeier schon geplant

Frau Heinrich ist bereit zu gehen, wenn es so weit ist. Herr Heinrich nennt es den Tag X. Für die Beerdigung hat sie bereits alles organisiert, auch das Programm für die Trauerfeier erstellt. Ihre Kinder haben schon ein Lied eingespielt - "Wir werden uns wiedersehen". Jetzt, weil sie dann nicht in der Lage sein könnten. Frau Heinrich nimmt mit diesen Vorbereitungen sich und ihrer Familie eine Last.​