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DDR-Fundstücke vom Dachboden

Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit hat die Werkstatt 26 in Königstein Relikte gesucht - und einen Zeitzeugen gefunden, der spektakulär in den Westen floh.

Michael Meinicke floh 1978 in den Westen. Der Autor spricht am Freitag in Königstein über sein Leben im Osten und Westen.
Michael Meinicke floh 1978 in den Westen. Der Autor spricht am Freitag in Königstein über sein Leben im Osten und Westen. © Steffen Unger

Winkelemente, Trabi-Schrott und Sibylle-Hefte: In der Werkstatt 26 in Königstein sind ab 9. Oktober DDR-Fundstücke zu sehen, die in Königsteiner Haushalten schlummern. Die Idee dazu hatte Künstler Wolfgang Göschel. Er hat die Aktion zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit gemeinsam mit Schülern der Königsteiner Oberschule gestartet. die sich im Geschichtsunterricht mit der DDR beschäftigen. Sie sollten nicht nur auf dem heimischen Dachboden und Keller nach Erinnerungsstücken aus der DDZ-Zeit suchen, sondern auch in Archiven kramen. 

Herausgekommen ist eine lebendige Wandzeitung, die in den vergangenen Tagen immer weiter wuchs. Zu sehen sind nicht nur alte Fotos aus dem DDR-Alltag in Königstein, sondern auch Abzeichen, Spielzeug, Zeitungen, Schallplatten, Bücher und sogar ein Kotflügel eines Trabants. Selbst Winkelemente - kleine Papierfähnchen, die zum Beispiel zur Demonstration am 1. Mai verteilt wurden, damit die Menge jubeln konnte, haben die Zeit überlebt. 

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Die Ausstellung wird am Freitag, dem 9. Oktober, um 16 Uhr, eröffnet. Zuvor, um 12 Uhr, startet an der Festung Königstein eine Dialog-Wanderung zum Thema "Das schwierige Erbe der Wismut". Zeitzeugen, die Jahrzehnte bei der Wismut gearbeitet haben, führen die dreistündige Tour und geben Einblicke in die Wismut - damals und heute. 

Kritiker spricht über seine Flucht

Ein weiterer Höhepunkt ist um 18 Uhr geplant. Dann kommt der aus Berlin stammende Autor und Journalist Michael Meinicke in die Werkstatt 26 zu einer Zeitzeugen-Lesung. Meinicke ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Schon als Kind veröffentlichte er Geschichten in der bekannten Ost-Kinderzeitschrift "Die Trommel". Später setzte er sich journalistisch kritisch mit dem Vietnamkrieg und dem Mauerbau auseinander. Wegen "Staatsfeindlicher Hetz" wurde Michael Meinicke 1972 deshalb für zwei Jahre inhaftiert. Sein endgültiger Bruch mit dem DDR-Regime folgte 1978. Damals gelang Meinicke die Flucht nach West-Berlin - im Kofferraum eines Ford. 

"Fort im Ford", sagt Michael Meinicke heute dazu. Inzwischen reist er als Zeitzeuge durch Deutschland, um von seinen Erlebnissen zu erzählen. Meist sind es Schulklassen, die ihn einladen - aus Ost und West. "Denn ich kenne beide Seiten der Mauer", sagt der 72-Jährige, der durch den Roman "Ostkreuz" bekannt wurde. Die Jugendlichen seien hoch-interessiert, wenn er seine Geschichten auspacke. Denn im Geschichtsunterricht fehle oft die Zeit für dieses wichtige Kapitel. "Über Bismarck wissen Schulkinder alles, über die DDR leider oft zu wenig", sagt er. Das will Michael Meinicke ändern. Auch durch Workshops. In Königstein bietet er am Wochenende drei verschiedene Workshops an: Eine dreht sich um die innerdeutsche Grenze. Darin soll ein Ausschnitt in einem Schuhkarton nachgebastelt werden - mit Wachhunden, Soldaten und Maschendrahtzaun. Der zweite Workshop beschäftigt sich mit der DDR-Mode, der dritte mit Alltagsszenen aus der DDR, die als Stegreiftheater nachgespielt werden sollen. Typische Beispiele: Schlangestehen vor einer Gaststätte oder die knallharten Kontrollen der Zöllner an der Grenze. Die Workshops finden am Sonnabend, dem 10. Oktober, um 18 Uhr, und am Sonntag, dem 11. Oktober, um 14 Uhr, statt.

Wegen der Corona-Situation müssen sich Besucher der Ausstellung und Teilnehmer im Vorfeld anmelden. Anmeldungen für die Dialog-Wanderung zur Wismut per E-Mail an [email protected]. Anmeldungen für die Ausstellung und die Workshops an [email protected]. Die Teilnahme ist kostenlos. 

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