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Pirnaer Tafel kritisiert Wegwerf-Praxis

Warum landen gute Lebensmittel in der Tonne? Das stößt allgemein auf Unverständnis, einmal mehr bei der Pirnaer Tafel, die um jede Spende ringt.

Eine Reihe von Quark-Packungen liegt auf dem Hausvorsprung. Ein Anwohner hat sie aus der Mülltonne eines Dresdner Lebensmittelmarktes gezogen. Alles sollte weggeschmissen werden. Dabei ist die Ware noch essbar.
Eine Reihe von Quark-Packungen liegt auf dem Hausvorsprung. Ein Anwohner hat sie aus der Mülltonne eines Dresdner Lebensmittelmarktes gezogen. Alles sollte weggeschmissen werden. Dabei ist die Ware noch essbar. © privat

Was ist hier los? Mehrere Packungen Speisequark, Kräuter, Hausmacher und Meerrettich, fallen Passanten ins Auge. Sie liegen aufgereiht auf einer Bank eines Mehrfamilienhauses in einem dicht bewohnten Stadtteil in Dresden. Alle Packungen sind ohne einen Makel, nichts läuft aus. Keine schmierigen Finger nach dem Anfassen. "Das alles sollte entsorgt werden. Ich verstehe nicht, warum Menschen hungern, wenn Lebensmittel weggeworfen werden", sagt ein Anwohner. Er hat den Quark aus einer Mülltonne eines Discounters herausgezogen und an der Straße öffentlich ausgelegt. Innerhalb weniger Stunden ist alles weg. Menschen, die wenig Geld, aber ganz offensichtlich Hunger haben, nehmen sich die Quark-Packungen mit. Für den Anwohner gehe es um Lebensmittelrettung und um Gerechtigkeit. Seinen Namen möchte er gegenüber Sächsische.de nicht nennen. Schnell eilt er weiter.

Sandra Furkert (l.) und Christina Rentner von der Pirnaer Tafel ärgern sich, wenn Lebensmittel weggeworfen werden.
Sandra Furkert (l.) und Christina Rentner von der Pirnaer Tafel ärgern sich, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. © Archivfoto: Norbert Millauer

Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum zwar abgelaufen ist, aber die dennoch verzehrbar sind, werden von den Supermärkten oft entsorgt. Das ist nicht nur in Dresden ein Zeichen der Wohlstandsgesellschaft. Auch Sandra Furkert, Leiterin der Pirnaer Tafel, kennt dieses Problem. "Es ist für mich die schlimmste Sache, die es überhaupt gibt", sagt sie spontan. Jeden Tag ist sie mit dem Tafel-Team unterwegs, um bei Händlern und Discountern Lebensmittel für die Tafel-Ausgabenstellen abzuholen.

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"Oftmals erleben wir, dass eine große Tonne gefüllt ist mit verpackten Lebensmitteln, die noch verwendbar sind, die aber dennoch entsorgt werden. Aber die Kiste daneben, die für die Tafel bestimmt ist, ist fast leer. Ich verstehe das einfach nicht", sagt die Tafel-Chefin. Besonders extrem sei es bei den größeren Lebensmittelmärkten in Pirna. Mehrfach habe sie die Marktleiter bereits auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Leider ohne Erfolg. Sie fühle sich in solchen Fällen hilflos, vermutet aber, dass die Leiter ihre eindeutige Order von oben hätten. "Ihnen sind die Hände gebunden, das merkt man", so Furkert.

Rhabarber aus dem eigenen Garten für die Tafelkunden

Dabei werden derzeit ganz besonders Lebensmittel bei der Tafel benötigt. "Das Geld ist in der Pandemie einmal mehr knapp bei den Menschen, unter anderem wegen Kurzarbeit. Das merken wir ganz deutlich in den Gesprächen mit unseren Tafelkunden", berichtet Furkert. Glücklicherweise wird die Pirnaer Tafel von dem Landesverband der Sächsischen Tafeln unterstützt. Manchmal kommen aber auch Privatpersonen vorbei, und geben Spenden ab.

"Neulich brachte uns jemand frischen Rhabarber aus seinem Garten. Da haben wir uns sehr gefreut. Besonders für die Kinder sind frisches Obst und Gemüse so wichtig", sagt Furkert. Und die Pirnaer Tafel bleibt bei ihrem Grundsatz: Egal, wie viel vorhanden ist. Keiner geht mit leeren Taschen nach Hause. "Wird der Kuchen kleiner, müssen auch die Stücke kleiner geschnitten werden, damit jeder etwas erhält", betont die Tafel-Chefin.

Wird das Containern bald legalisiert?

  • Containern, auch Mülltauchen, Dumpster Diving oder Dumpstern genannt, bezeichnet die Mitnahme weggeworfener Waren (meistens Lebensmittel) aus Abfallcontainern.
  • Das Containern erfolgt in der Regel bei Abfallbehältern von Supermärkten, aber auch bei Fabriken. Die darin befindlichen Lebensmittel wurden meist wegen abgelaufener Mindesthaltbarkeitsdaten, Druck- und Fäulnisstellen oder als Überschuss weggeworfen. Viele dieser Lebensmittel sind jedoch ohne wesentliche Geschmacks- und Qualitätseinbußen und ohne erhöhtes gesundheitliches Risiko eine gewisse Zeit genießbar.
  • Müll ist jedoch nicht herrenlos. Vielmehr gehören auch die entsorgten Lebensmittel dem Supermarkt. Oder deren Eigentum geht auf den Entsorgungsbetrieb über. Wer also Lebensmittel aus Müllcontainern fischt, macht sich des Diebstahls strafbar. Müssen dabei noch Zäune überwunden oder gar der Container aufgebrochen werden, steht sogar ein schwerer Diebstahl im Raum. Die Folge kann eine empfindliche Geldstrafe sein.
  • Dies mussten jüngst zwei Studentinnen erfahren. Sie wurden wegen der Mitnahme von Lebensmitteln aus dem Müllcontainer strafrechtlich verurteilt. Um unter anderem ein gesellschaftspolitisches Zeichen zu setzen, haben sie nun Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht, sind aber in Karlsruhe gescheitert. Der Gesetzgeber dürfe grundsätzlich auch das Eigentum an wirtschaftlich wertlosen Sachen strafrechtlich schützen, teilten die obersten Richter im August 2020 mit.

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