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Dohna: Als die Mauer eine Familie trennte

Statt ihre Tochter in die BRD nachzuholen, kamen die Eltern von Martina Schoeneich zurück. Später reiste sie aus. 60 Jahre nach dem Mauerbau erzählt sie ihre Geschichte.

Martina Schoeneich in ihrem Garten in Diessen am Ammersee.
Martina Schoeneich in ihrem Garten in Diessen am Ammersee. © privat

Geschichte lebt von den persönlichen Geschichten. Dass die persönlichen Geschichten Teil der großen Geschichte werden, ist manchmal die Sache von ein paar Stunden oder Tagen. Bei Martina Schoeneich waren es drei Tage im August 1961.

Im Sommer vor 60 Jahren war sie acht Jahre alt. Die Pläne ihrer Eltern nahmen Gestalt an. Am 11. August machten sie sich auf die Reise. Nach Thüringen, so hatten sie es auf Arbeit, Freunden und auch ihrer Tochter erzählt. Nur drei Personen kannten das wirkliche Ziel: ein Bruder der Mutter im Sauerland.

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Ein folgenschweres Telegramm

Die Eltern reisten ohne die Tochter und ohne großes Gepäck. So kamen sie ohne Kontrollen, Behelligungen oder gar Gefängnis oder Zurückschicken im Sauerland an. Der Plan war, dass der Vater dann zurückkommt und Martina holt. Er kam zurück, sogar mit der Mutter, aber nicht, um die Tochter zu holen.

Die Nacht zum 13. August hatte alle Pläne zunichtegemacht. Es gab kein Zurück und auch kein Vorwärts zum Holen der Tochter. Die Familie war getrennt, so wie das Land. Jede Variante stieß an die eine Grenze. Eine Lösung zu finden, schien ein aussichtsloses Unterfangen. Das dachte wohl auch die Oma, bei der Martina in Dohna lebte. Diese Oma schickte Martinas Eltern ein folgenschweres Telegramm ins Sauerland: Martina lebensgefährlich erkrankt.

Umzug, Ausreiseantrag, Kirche putzen

Da gab es für die Eltern nichts mehr zu überlegen. Sie ließen die organisierte Wohnung und Arbeit und die Zukunft zurück und fuhren zurück in die Vergangenheit. Martina hatte von all dem nichts gewusst. Sie lachte und spielte im Hof mit anderen Kindern, als ihre Eltern von der vermeintlichen Urlaubsreise zurückkamen. Das Telegramm haben die Eltern der Oma wohl nie verziehen. Jedenfalls wurde in der Familie nie wieder darüber geschrieben.

An dieser Stelle ist die Geschichte der Familie um den 13. August 1961 zu Ende, vorerst. Bis 1972 lebte Martina Schoeneich in ihrer Geburtsstadt Dohna, dann zog sie nach Graupa. 1979 stellten sie und ihr Mann einen Ausreiseantrag. Zwei Jahre lang liefen sie Spießruten. Die beiden Fachschulabsolventen wurden degradiert. Martina Schoeneich, die zuvor bei Automot in Heidenau gearbeitet hatte, putzte jetzt die Pirnaer Kirche.

Deckname und Buchtitel

1981 reiste die Familie aus. Es war nicht leicht, einen Job zu finden, sagt Martina Schoeneich. Sie arbeitete als Dekorateurin, bei der Lebenshilfe und schließlich als Arbeitsvermittler beim Arbeitsamt. Das sei ihr Traumjob gewesen. Die Familie fasste Fuß.

Drei Jahre später wiederholte sich die Geschichte von 1961, nur andersherum und mit glücklichem Ende. Martina Schoeneichs Eltern kamen zu ihr nach. Heute lebt die geborene Dohnaerin als Rentnerin in Diessen am Ammersee.

Das Zeitzeugenportal

  • Gegründet wurde es 2009 vom Bundesministerium des Innern, allen Bundesländern, dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
  • Wichtige Ziele sind: Biografien vorstellen, Zeitzeugen und Interessierte in Kontakt bringen und insbesondere für junge Menschen „Erinnerungsbrücken“ bauen, Zeitgeschichte in ihrer individuellen Dimension vermitteln, verschiedene Perspektiven auf Zeitgeschichte bieten, themenspezifische Informationen und didaktische Materialien bereitstellen.
  • Derzeit gibt es rund 370 recherchierbare Biografien von Zeitzeugen aus allen 16 Bundesländern. Die Zeitzeugen sind zwischen Jahrgang 1928 und 1973.
  • Es gibt zehn Schwerpunktthemen. Dazu gehören unter anderem: früher Widerstand in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, Volksaufstand am 17. Juni 1953, Mauerbau am 13. August 1961, Kirche in der SED-Diktatur, politische Haft in der DDR, Friedliche Revolution, deutsche Einheit, Transformationsphase in den 1990er-Jahren.
  • Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten gibt es auf der Internetseite des Zeitzeugenportals.

Noch immer ist ihre Geschichte nicht zu Ende. Martina Schoeneich gehört zum Zeitzeugenportal. Hier erzählt sie vor allem in Schulen ihre deutsch-deutsche Geschichte. Darüber hat sie auch ein Buch geschrieben. Es ist die Aufarbeitung ihrer zwei Jahre vom Ausreiseantrag bis zur Ausreise mit der Vorgeschichte vom August 1961. Nach der Wende konnte sie ihre Stasiakte lesen. Den Namen, den ihr der Geheimdienst damals gab, wurde zum Buchtitel und ist heute noch ihre Mailadresse: Tina Borke.

Aufarbeitung der eigenen und der deutsch-deutschen Geschichte: das Buch von Martina Schoeneich.
Aufarbeitung der eigenen und der deutsch-deutschen Geschichte: das Buch von Martina Schoeneich. © privat

Das Buch nimmt sie mit, wenn sie - nun hoffentlich wieder öfter - in Schulen eingeladen wird. Für einen Wettbewerb hat sie jetzt erstmals in einem kleinen Video daraus gelesen. Vor sich hat sie ein weißes Blatt, in der Mitte eine Mauer aus Steinen. Auf der einen Seite eine Puppe, auf der anderen eine Frau und ein Mann. Unschwer ist zu erkennen, wen sie darstellen.

Mit ihrer Geschichte und dem Video hat sie den Wettbewerb der ARD zu 60 Jahre Mauerbau gewonnen. Jetzt wird sie von Journalisten überrannt. Da die Schulen gerade Ferien haben und Martina Schoeneich als Zeitzeugin dort keine Termine hat, nutzt sie die Chance, zu berichten. Die Geschichte geht weiter und ist eigentlich nie zu Ende ...

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