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"Wir sind entsetzt, wie niedrig die Schwelle zur Gewalt ist"

Eine Rentnerin aus Dohna engagiert sich seit 2019 bei der Gruppe Omas gegen rechts Dresden. Sie erlebt Anfeindungen, aber auch Zuspruch, der ihr Mut macht.

Von Mareike Huisinga
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Christiane Bauer (Name von der Redaktion geändert) aus Dohna engagiert sich in der Bürgerinitiative Omas gegen rechts.
Christiane Bauer (Name von der Redaktion geändert) aus Dohna engagiert sich in der Bürgerinitiative Omas gegen rechts. © privat

Christiane Bauer (Name von der Redaktion geändert) aus Dohna ist nicht ängstlich. Aber sie möchte trotzdem nicht ihren richtigen Namen in der Zeitung lesen, weil sie aufgrund ihres Engagements immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert wird. Seit 2019 ist sie Mitglied in der Gruppe Omas gegen rechts Dresden. Die Bewegung ist eine parteiunabhängige Bürgerinitiative, die in Deutschland und Österreich durch lose organisierte Ortsgruppen oder als Verein in Erscheinung tritt. In der Initiative aktiv sind vor allem Frauen, die sich vor dem oder im Rentenalter befinden. Mit ihren 67 Jahren ist Christiane Bauer eine von ihnen; sie hat sich mit Sächsische.de über ihr Engagement unterhalten.

Frau Bauer, warum machen Sie bei der Bürgerinitiative Omas gegen rechts mit?

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich der Meinung war, ich müsse mich stärker politisch engagieren. 2019 habe ich in der Zeitung ,Die Zeit' einen Artikel über Omas gegen rechts gelesen. Spontan fühlte ich mich angesprochen und recherchierte, ob es auch in Dresden eine Ortsgruppe gibt und wurde fündig. Seitdem bin ich dabei. Ich möchte mich für eine menschenfreundliche Gesellschaft einsetzen, weil ich Kinder und Enkelkinder habe, die in solch einer Gesellschaft gut leben und gut groß werden sollen.

Welche Ziele verfolgen die Omas gegen rechts?

Unser Ziel ist es, einen Beitrag in der politischen Diskussion zu leisten. Wir setzen uns für eine demokratische, rechtsstaatlich organisierte, freie Gesellschaft ein. Wir erkennen und benennen bedrohliche Entwicklungen wie Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Neofaschismus. Außerdem fordern wir Respekt und Achtung gegenüber allen Mitbürgern. Unsere Zukunft hat die Gesichter unserer Kinder und Enkelkinder. Aber wir haben auch die Gesichter der Vergangenheit, nämlich die unserer Eltern und Großeltern. Sie haben uns geprägt, haben den Krieg erlebt, die Ungerechtigkeit während der NS-Zeit. Meine Mutter war beispielsweise während des großen Bombenangriffs 1943 in Hamburg und hat die vielen Toten gesehen. Es geht uns auch darum, die Erinnerungskultur wachzuhalten, damit Krieg, Terror, Ausgrenzung Diffamierung nicht wieder geschehen.

Welche Aktionen stehen auf der Agenda der Omas?

Wir nehmen zum Beispiel an den Anti-Pegida-Demonstrationen in Dresden teil und tragen dabei unsere Schilder. Dabei müssen wir den Krach und die Hetze auf der anderen Seite aushalten. Das ist anstrengend, aber wir werden wahrgenommen. Außerdem halten wir immer wieder Mahnwachen an den Stolpersteinen in Dresden und weisen die Passanten auf das Schicksal der während der NS-Zeit deportierten und ermordeten Menschen hin. Dafür halten wir Flyer mit der Lebensgeschichte der Betroffenen bereit, die wir den Passanten auch mitgeben. Vor der Bundestagswahl haben wir einen Stand auf dem Postplatz in Dresden organisiert, um mit Menschen ins Gespräch zukommen. Wir arbeiten gewaltfrei, auch in der Kommunikation. Wir wollen zuhören und verstehen, was die Menschen so frustriert. Wir fragen sie, was sie
sich von der AfD erhoffen und zeigen ihnen auf, was sie wirklich von der
AfD zu erwarten haben. Das ist ein hoher Anspruch und die meisten wollen
das gar nicht wissen. Demokratie ist vielen zu anstrengend.

Sie selber möchten in diesem Interview anonym bleiben, weil Sie Angst vor möglichen Anfeindungen haben. Was erleben Sie, wenn Sie in der Öffentlichkeit als Oma gegen rechts auftreten?

Ja, es gibt durchaus Anfeindungen gegen uns. Passanten kommen auf uns zu und meinen, wir sollten uns schämen. Andere sagen, dass die ältere Generation ja damals Hitler gewählt habe. Wir sollten uns lieber gegen den Pharma-Faschismus einsetzen oder für die Rentner, besonders vor dem Hintergrund der steigenden Inflationsrate.

Wurden Sie auch schon mal tätlich angegriffen?

Nein, das nicht, aber Morddrohungen haben wir bereits erhalten. Wir machen aber trotzdem weiter, sind aber entsetzt, wie niedrig die Schwelle zur Gewalt ist.

Gibt es auch Unterstützung für die Bürgerinitiative?

Durchaus. Wir erhalten viel Fürsprache. Viele Jugendliche kommen auf uns zu, machen uns Mut, bedanken sich für unser Engagement und fragen, ob sie Fotos von uns machen dürfen. Auch Politiker haben wir schon an unseren Ständen gesehen, unter anderem von der SPD. Am 13. Februar 2021 standen wir bei einem Stolperstein in Dresden und hielten Mahnwache. Nachbarn hatten frischen Kaffee gekocht und ihn uns gebracht. Es war an diesem Tag sehr kalt. Das alles macht viel Mut und zeigt uns, wir sind auf dem richtigen Weg. Außerdem sind wir mit anderen Vereinen vernetzt, wie zum Beispiel mit der Aktion Zivilcourage in Pirna.

Momentan zählt die Dresdner Ortsgruppe Omas gegen rechts 15 aktive Mitglieder. Brauchen Sie mehr Großmütter?

Ja, das ist der Fall. Wir suchen Menschen, die bereit sind, aus ihrer Komfortzone herauszugehen, und sich in der Öffentlichkeit mit uns verbünden, um eine tolle Arbeit zu leisten sowie eine gute Gemeinschaft zu erleben.

Gibt es ein Mindestalter oder eine Altersbeschränkung der Mitglieder?

Solange die Kraft reicht, sind alle bei uns willkommen, die sich für den Erhalt der Demokratie, eine menschenfreundliche Gesellschaft und Toleranz einsetzen wollen.

Hier geht es zur Facebook-Gruppe Omas gegen rechts Dresden.