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15 Minuten, die Pirna erschütterten

Am 19. April 1945 war die Stadt Ziel eines verheerenden Luftangriffs. Aus diesem Anlass hat das Stadtmuseum eine bewegende Ausstellung vorbereitet.

Projektleiterin Katrin Purtak mit geschmolzenem Besteck aus dem Copitzer Erbgericht: Auf einmal war der Krieg ganz nah.
Projektleiterin Katrin Purtak mit geschmolzenem Besteck aus dem Copitzer Erbgericht: Auf einmal war der Krieg ganz nah. © Daniel Schäfer

Wenn am Sonntag von 12.05 bis 12.20 Uhr die Glocken von Pirnas evangelischer Stadtkirche St. Marien läuten, dann ist der Anlass ein trauriger und mahnender zugleich. Das Geläut erinnert an eine der schwärzesten Viertelstunden in Pirnas Geschichte, ein Ereignis, das die Stadt ins Mark traf und ganze Familien auslöschte.

Am 19. April 1945, vor 75 Jahren, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde Pirna Ziel eines verheerenden Luftangriffs. Zwar waren schon im Februar und März Bomben auf die Stadt niedergegangen, beispielsweise in der Südvorstadt, in Jessen und Graupa. Dabei handelte es sich aber zumeist um Notabwürfe, die Bomber entledigten sich der tödlichen Fracht, um nicht mit vollem Gewicht zurückfliegen zu müssen.

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Der Angriff am 19. April, sagt René Misterek, Leiter des Pirnaer Stadtmuseums, habe sich gezielt gegen die Stadt gerichtet, er war strategischer Natur. Es galt, Nachschubwege abzuschneiden.

115 Flugzeuge, 337 Tonnen Bomben

115 viermotorige Bomber des 4. Kampfgeschwaders der amerikanischen Luftwaffe waren gestartet, sie flogen in Staffeln zu neun oder zehn Flugzeugen. Ab 12.05 Uhr gab es innerhalb einer Viertelstunde drei Angriffswellen, in denen 337 Tonnen Bomben auf die Stadt niederregneten. 

Sie trafen die Stadtbrücke, den Bahnhof, zerstörten Häuser im Park an der Brückenstraße, schlugen auf der Klosterstraße sowie auf der Hauptstraße, der Rennerstraße, der Fährstraße, der Schulstraße und am Hauptplatz in Copitz ein. 

215 Menschen, so Mistereks aktuelle Recherche, kamen dabei ums Leben, vor allem Ältere und Kinder, also jene, die zu Kriegszeiten in der Heimat geblieben waren. Ganz genau lässt sich die Zahl der Toten allerdings nicht erfassen, viele Sterbebücher wurden in den Kriegswirren nicht akribisch geführt. "Aber die 215 sind tatsächlich dokumentiert", sagt Misterek.

Letzte Chance, Zeitzeugen zu befragen

Weil sich nun der Luftangriff und das Kriegsende zum 75. Mal jähren, hat das Stadtmuseum eine bewegende Ausstellung vorbereitet. Sie dokumentiert einerseits die Geschehnisse von damals, anderseits auch Erinnerungen von Menschen aus Pirna und der Sächsischen Schweiz an die Kriegsjahre. 

Den Initiatoren ging es dabei nicht vordergründig darum, altes Material aus den Archiven zu holen und die bloßen Fakten sprechen zu lassen. "Vielmehr sollten uns Menschen ihre Geschichten erzählen", sagt der Museumschef.

Noch leben viele Menschen in der Stadt, die den Krieg miterlebt haben, doch sie werden weniger, und mit ihnen die Erzählungen aus erster Hand. Jetzt, 75 Jahre nach Kriegsende, sagt Misterek, sei vielleicht die letzte Chance, Zeitzeugen zu befragen, deren Erlebnisse und Erfahrungen abzuschöpfen, um sie dauerhaft zu archivieren.

Emotionale Geschichte

Aus dieser Idee entsprang das Projekt "Kriegskinder", was nur möglich ist, weil es die Kulturstiftung des Bundes finanziell unterstützt. Mithilfe des Geldes konnte eine neue Stelle geschaffen werden, Katrin Purtak leitet nun dieses Projekt. Im Sommer 2018 begann die Arbeit, 60 Zeitzeugeninterviews hat Purtak seither geführt. "Es sind sehr emotionale Berichte", sagt sie. 

Dabei war es anfangs gar nicht so leicht, geeignete Protagonisten zu finden. Hilfe dabei kam unter anderem von der Volkssolidarität und der Arbeiterwohlfahrt, aber auch von der katholischen und evangelischen Kirchgemeinde, sie alle vermittelten Kontakte. 

Nachdem ersten Gespräche geführt waren, ging Purtak mit einem eigens dafür entworfenen Projekt-Container auf Tour, in Pirna, in Dresden, in Bad Schandau. Mehrere Tausend Menschen sahen sich die Zeitzeugenberichte an. 

Daraufhin meldeten sich noch mehr Zeitzeugen, um ihre Erlebnisse zu schildern, darunter auch viele, die oft über Jahrzehnte hinweg geschwiegen hatten. "Die meisten waren sehr mitteilungsbedürftig und haben auf diese Weise das Erlebte noch einmal verarbeitet", sagt Katrin Purtak.

Das Projekt sei aber auch bei jüngeren Menschen und Kindern auf große Resonanz gestoßen. "Schließlich sind es ja die Geschichten der Kinder von damals, die erzählt werden", sagt sie. 

Traum von einer Schauspiel-Karriere

30 Zeitzeugenprotokolle hat das Stadtmuseum exemplarisch ausgewählt, die nun in der Ausstellung gezeigt werden. Auf Texttafeln werden ihre Biografien geschildert, ebenso ihre Erinnerungen. An mehreren Hör-Stationen kann man den Erzählenden auch zuhören. 

Viele Zeitzeugen steuerten überdies Fotos sowie persönliche Gegenstände bei, die sie mit dem Erlebten verbinden. So ist unter anderem ein kleines Wohnzimmer aufgebaut, es erinnert trotz Kriegszeiten an eine Kindheitsidylle. "Viele Kinder führten bis 1945 ein nahezu glückliches Leben, für sie hat der Krieg lange Zeit keine Rolle gespielt", sagt Katrin Purtak. Erst mit den Bomben kamen Grauen und Verderben.

In einer anderen Vitrine finden sich Kinderzeichnungen, Orden, Fotos von Schauspielerinnen - weil die Besitzerin selbst davon träumte, einmal eine große Darstellerin zu werden. 

Bombenangriff am 19. April 1945: Von Adams Hotel in Pirna-Copitz an der Rennerstraße blieben nur Trümmer. 
Bombenangriff am 19. April 1945: Von Adams Hotel in Pirna-Copitz an der Rennerstraße blieben nur Trümmer.  © KTP
Kriegskinder-Ausstellung im Stadtmuseum: Viele Zeitzeugen haben Kinderbilder beigesteuert.
Kriegskinder-Ausstellung im Stadtmuseum: Viele Zeitzeugen haben Kinderbilder beigesteuert. © Thomas Möckel
Nachgebautes Wohnzimmer mit Spielzeug: Erinnerungen an eine Kindheitsidylle. 
Nachgebautes Wohnzimmer mit Spielzeug: Erinnerungen an eine Kindheitsidylle.  © Thomas Möckel
Was ich als Mädchen mir erträumte: Gemalte und fotografierte Kinderwünsche.
Was ich als Mädchen mir erträumte: Gemalte und fotografierte Kinderwünsche. © Daniel Schäfer
Hör-Stationen im Museum: Per Kopfhörer kann man Zeitzeugen-Erinnerungen hören. 
Hör-Stationen im Museum: Per Kopfhörer kann man Zeitzeugen-Erinnerungen hören.  © Daniel Schäfer
Vitrine im Stadtmuseum: Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg.
Vitrine im Stadtmuseum: Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. © Daniel Schäfer

Der Tod kam am letzten Kriegstag

An anderer Stelle gibt es hingegen schreckliche Erinnerungen. So schildert Annemarie, wie sie am letzten Kriegstag in Heidenau ihre Mutter verlor: "Meine Mutter hatte den Nachbarjungen auf dem Arm. Die Frauen wollten nur mal nach uns Mädels gucken. Und meine Mutter ist einen Schritt aus der Haustür raus, wo die Bombe explodierte, und hat Splitter abgekriegt und der Junge war tot." Die Mutter erlag wenig später ihren schweren Verletzungen. 

Eine andere Vitrine zeigt Besteck, das laut Katrin Purtak damals eine wichtige Rolle spielte. So erzählt Ingrid, wie ihre Mutter sie anwies, bei der Flucht von Schlesien nach Pirna statt ihrer Lieblingspuppe lieber das Besteck einzupacken. Die Puppe blieb zurück. Ebenfalls in dieser Vitrine zu sehen: geschmolzenes Besteck aus dem ehemaligen Gasthof "Erbgericht" am Copitzer Hauptplatz, der beim Bombenangriff zerstört wurde.

Auch andere Exponate haben die Zeit überlebt, wie beispielsweise eine Sitzbank und ein Klappbett aus dem Luftschutzkeller eines privaten Wohnhauses. 

Blumen erinnern an Opfer

Die Ausstellung sollte eigentlich am 18. April eröffnet werden, was aber wegen der Corona-Pandemie nicht möglich ist. "Wenn wir aber wieder aufmachen dürfen, dann ist alles startklar", sagt Misterek. Zudem soll im Sommer eine Publikation mit dem Titel "1945 - Kriegsende in der Sächsischen Schweiz" erscheinen, in der ebenfalls viele Zeitzeugen zu Wort kommen. 

Darüber hinaus wollen einige Gedenkende am 19. April gegen 12 Uhr Blumen am Denkmal im Park an der Brückenstraße niederlegen, um an die Opfer des Krieges zu erinnern. 

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