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Abfahrt auf 8.500 Metern - Zwei Extremsportler erzählen

Die Skifahrer Hilaree Nelson und Jim Morrison steigen auf hohe Berge und machen dort ganz spezielle Erfahrungen – Donnerstag zu sehen im Kino in Dresden.

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Skiabfahrt extrem aus mehr als 8.000 Metern.
Skiabfahrt extrem aus mehr als 8.000 Metern. © EOFT

Sie sind Seilpartner, am Berg wie im Leben. Und fahren dort Ski, wo vor ihnen noch niemand abgefahren ist: Hilaree Nelson und Jim Morrison. Derzeit sind die beiden Amerikaner unterwegs in der Antarktis, um riesige Bergflanken auf Skiern zu bewältigen. Im Herbst 2018 sind sie vom Gipfel des Lhotse, mit rund 8.500 Metern der vierthöchste Berg der Erde, abgefahren.

Der Film über die Erstbefahrung ist am Donnerstag im Dresdner Rundkino bei der „European Outdoor Film Tour“ zu sehen. Im Interview erzählen Nelson und Morrison vorab von Halluzinationen auf 8.000 Metern Höhe, von guten und von schlechten Ängsten und wann es hilft, an die eigenen Kinder zu denken. Und wann nicht.

Sie sind beide schon mehrmals auf über 8.000 Metern Ski gefahren. Wie fühlt sich das an?

Hilaree Nelson: Als ob man ertrinken würde. Man atmet ganz wild, aber es ist immer zu wenig. Und man erholt sich nicht, auch wenn man nach drei, vier Schwüngen eine Pause einlegt. Selbst mit zusätzlichem Sauerstoff erholt man sich nicht wirklich.

Jim Morrison: Ich vergleiche es mit einem 100-Meter-Sprint: dein Puls und deine Atemfrequenz schießen nach oben, je näher du der Ziellinie kommst. Die Lungen brennen. Aber beim 100-Meter-Lauf weißt du, dass es dir zehn oder 30 Sekunden nach dem Ziel wieder besser gehen wird, dass sich dein Körper erholt. Wenn du auf 7.000 oder 8.000 Metern Höhe Ski fährst, hast du die gleiche Atemfrequenz wie bei einem 100-Meter-Lauf. Aber du erholst dich nie – auch wenn du Pause machst. Es ist, als ob du einen 100-Meter-Sprint nach dem anderen läufst. Und nie im Ziel ankommst.

Bekommt man da nicht Angst?

Jim Morrison: Man darf tatsächlich nicht in Panik verfallen. Man muss Geduld aufbringen, tief atmen, sich daran erinnern, dass der Sauerstoff schon kommt – auch wenn es nie genug ist. In dieser Höhe transportieren die Blutkörperchen ja Sauerstoff – nur eben viel, viel langsamer als unten.

Hilaree Nelson: Für Leute, die sich das erste Mal in der Höhe bewegen, ist es schwierig, diese supertiefe Atmung hinzubekommen.

Jim Morrison: Ich versuche, richtig tief einzuatmen, bevor ich den ersten Schwung setze. Und während des Skifahrens erinnere ich mich daran, dass ich atmen, atmen und noch mal atmen muss. Und dass ich nicht vergessen darf, ganz regelmäßig Pause zu machen – besonders wenn es anfängt, Spaß zu machen. Wenn man Pause macht, merkt man erst, wie fertig man ist.

Auf 8.000 Metern sind Sie dem Weltraum näher als der Erde. Wie ist das?

Jim Morrison: In dieser Höhe fliegen Flugzeuge. Als Mensch muss man in dieser superdünnen Atmosphäre jede Bewegung sehr methodisch angehen. Jeder Schritt, vor allem der nächste, will vorsichtig überlegt sein. Man spürt, dass man da oben nur eine bestimmte, sehr begrenzte Zeit überleben kann.

Hilaree Nelson: Jede Bewegung fällt einem schwer, man leidet, hat schreckliche Kopfschmerzen, kann kaum was essen – aber wenn man das alles stemmt und auch noch die Schönheit der Berge bewusst wahrnimmt, hat man irgendwann – ich jedenfalls – das Gefühl, als ob man da oben an eine Grenze zu einer anderen Welt stößt. Ich nenne es das Neverland. Ich habe erlebt, wie ich mich mit verstorbenen Freunden unterhalten habe. Ich weiß natürlich, dass das nur in meinem Kopf stattgefunden hat, aber es hat sich wie ein richtiges Gespräch angefühlt.

Die 47 Jahre alte Hilaree Nelson begeisterte sich erst spät für die Berge. Jim Morrison, 45, verlor seine Familie 2011 bei einem Flugzeugabsturz.
Die 47 Jahre alte Hilaree Nelson begeisterte sich erst spät für die Berge. Jim Morrison, 45, verlor seine Familie 2011 bei einem Flugzeugabsturz. © EOFT

Hatten Sie auch Grenzerlebnisse, Jim?

Jim Morrison: Ich habe einmal eine besondere Verbindung zu meiner Familie erlebt. Meiner Frau und meinen zwei Kindern.

Die Sie 2011 bei einem Flugzeugabsturz verloren haben.

Jim Morrison: Als ich 2018 am Everest war, hatte ich dieses wunderbar surreale Erlebnis, dass ich eine halbe Stunde lang mit ihnen gelacht und geweint habe. Es war, als ob sich die vielen Male, wo ich nach dem Tod meiner Familie aufs Meer gestarrt und die Erdkrümmung gesehen habe, in dieser halben Stunde verdichten würden. Als ob ich sie nicht nur sehen, sondern auch berühren könnte. So viele Male seit dem Unglück hatte ich mich nach einer solchen Verbindung gesehnt – und dann passiert das ausgerechnet am Everest. An dem Tag habe ich wirklich gedacht, dass sie bei mir sind, dass sie mich bei meinem Aufstieg zum Gipfel begleiten. Und mit mir auf eine Art und Weise fröhlich und glücklich sind, die ich kaum beschreiben kann.

Wie erklären Sie sich das rational?

Jim Morrison: Man kann es vielleicht mit der Euphorie beim Laufen vergleichen. Ein Marathonläufer hat mir mal erzählt, wie er im Kopf kalkuliert, wie weit er schon gelaufen ist und wie lange er noch brauchen wird. Eigentlich eine simple Aufgabe. Aber wenn man total erschöpft ist, ist es auf einmal gar nicht so simpel. Diesen Zustand, bei dem das Gehirn vor lauter Erschöpfung fast ausgeschaltet, aber trotzdem sehr präsent und euphorisch ist, finde ich sehr interessant. Beim Bergsteigen gibt es das auch, aber es ist noch komplexer, weil sehr viel mehr reinspielt als beim Laufen: Lebensgefahr, ständig wechselnde Bedingungen, Ausrüstung, Routenwahl….

Sie sind Mutter zweier Söhne, Hilaree. Wann denken Sie an ihre Kinder, wenn Sie auf Expedition sind?

Hilaree Nelson: Das hängt von der Situation ab. Manchmal hilft es einem, in kritischen Momenten an sie zu denken. Und manchmal ist es besser, genau dann nicht an die Kinder zu denken. Ich habe beides erlebt.

Wann?

Hilaree Nelson: 2012, als ich vom Lhotse abgestiegen bin, schon mehr als 50 Stunden am Stück wach war und es satt hatte, zu Fuß abzusteigen, weil ich so viel lieber auf Skiern abfahre, hat es mir geholfen. Ich hatte – auch weil ich nicht am Seil war – plötzlich Panik. Aber dann habe ich halluziniert, dass meine Kinder mit mir reden: Get your shit together, Mum! Reiß dich zusammen. Das hat mir geholfen, mich zu fokussieren, mich einzukriegen.

Jim Morrison: Aber es gibt auch Situationen, wo einen die Gedanken an die Familie verletzlich machen. Wenn man an sie denkt, wenn man lieber zu Hause bei ihnen geblieben wäre.

Telefonieren Sie mit den Kindern, wenn sie auf Expedition sind?

Hilaree Nelson: Im Lager. Und bei schlechtem Wetter. Da macht man sich oft auch Vorwürfe, dass man nicht bei ihnen ist.

Jim Morrison: An Bergtagen habe ich das bei Hilaree nie erlebt. Da fokussiert sie sich ganz aufs Klettern oder Skifahren. Aber an den Tagen im Camp fällt es ihr schwer, nicht mit den Kindern zu telefonieren. Am Lhotse hatten wir mal längere Zeit keine Internetverbindung. Und kurz darauf war auch das Guthaben fürs Satellitentelefon aufgebraucht. Wir konnten nur noch Textnachrichten verschicken. Als sie endlich wieder mit ihren Kindern telefonieren konnte, hatte Hilaree schlagartig bessere Laune. Das war wichtig, weil das der letzte Tag vor unserem Gipfelversuch war. Das hat ihr Kraft gegeben.

In welchen Situationen war es besser, nicht an die Kinder zu denken?

Hilaree Nelson: In der Abfahrt am Papsura 2017. Wobei das mehr ein Abstieg und Abrutschen auf Skiern als eine Abfahrt war. Es war so vereist, ausgesetzt und steil – noch deutlich steiler als das Lhotse Couloir –, dass an richtiges Skifahren nicht zu denken war. Es ging nur darum, irgendwie heil herunterzukommen. Die Sicht war so schlecht, dass man die meiste Zeit nichts gesehen hat. Und wenn sich plötzlich doch ein Loch im Nebel aufgetan hat, war es, als ob man in den eigenen Tod schaut. Das hat mich fertig gemacht. Irgendwann stieg in mir Panik auf – wie ein Tennisball im Brustkorb, der langsam nach oben wandert. Dazu hatte ich ständig Bilder von meinen Kindern im Kopf. Und von mir, wie ich abstürze. Es ging mir wirklich schlecht.

Die Gedanken an Ihre Kinder hat die Angst vor einem Absturz also verstärkt?

Hilaree Nelson: Genau. Ich musste eine Pause einlegen, damit es nicht noch schlimmer wird. Ich hab mich umgedreht und nach oben geblickt, um nicht mehr den Abgrund zu sehen. Dann hab ich mich etwa 15 Sekunden nur auf meine Atmung konzentriert. Und die Gedanken an meine Kinder aus meinem Kopf verbannt. Bald darauf war die Panik weg.

Kann man sich auf so was vorbereiten?

Jim Morrison: Man muss. Wenn man dort Ski fährt, wo jeder Sturz tödlich endet, darf keine unkontrollierbare Angst aufkommen, die sich zu Panik auswächst. Und falls doch, braucht man Gegenstrategien.

Kontrollierte Angst ist also okay?

Jim Morrison: Notwendig! Wenn ich dort, wo ich unter keinen Umständen stürzen darf, keine Angst empfinde, stimmt irgendwas nicht. Manchmal passiert mir das: Dass ich mich superwohl fühle, wo ich Angst spüren müsste. Weil ich mich offenbar zu sehr an die Ausgesetztheit gewöhnt habe.

Was machen Sie dann?

Jim Morrison: Dann halte ich an und mache mir klar: ‚Kapier mal, dass hier alles ganz präzise ablaufen muss. Du solltest Angst empfinden!‘ Aber sie darf eben auch nicht so groß werden, dass sie einen daran hindert, zu performen und zu funktionieren.

Hilaree Nelson: Wenn man sich mit anderen Alpinisten unterhält, stellt man fest, dass jeder solche Situationen erlebt hat. Und dass jeder seine eigene Strategie hat, die Angst zu regulieren, damit sie nicht in Panik überschwappt.

Sie, Hilaree, haben in Ihrer Kindheit mit ihren Eltern sehr viel Zeit auf Booten und dem Meer verbracht. Nützt Ihnen das auf Ihren Expeditionen?

Hilaree Nelson: Was ich auf See gelernt habe, hilft mir, gut drauf zu bleiben, auch wenn man auf ganz wenig Platz an einen Ort gefesselt ist und tagelang nicht wegkann. Damals im Sturm auf einem Boot. Heute eben im Zelt, wenn einen das Wetter festnagelt.

Auf ihren Expeditionen kann aus einer Zeltunterkunft auch mal ein Gefängnis auf Zeit werden, meinen Jim Morrison und Hilaree Nelson.
Auf ihren Expeditionen kann aus einer Zeltunterkunft auch mal ein Gefängnis auf Zeit werden, meinen Jim Morrison und Hilaree Nelson. © EOFT

Wie machen Sie das?

Hilaree Nelson: Ich kenne ungefähr einhundert Kartenspiele. Und ich weiß, wie man den Leerlauf organisiert, um motiviert zu bleiben. Beim Expeditionsbergsteigen sind die langen Tage, wo man zum Nichtstun verdammt ist, oft die größte Herausforderung. Da muss man aufpassen, dass man nicht wütend wird oder die Hoffnung verliert.

Jim Morrison: In großer Höhe fällt das noch schwerer, weil man sich eh nicht besonders gut fühlt. Es ist noch okay, wenn man wenigstens spazieren gehen kann. Aber wenn das Wetter so schlecht ist, dass man im Zelt bleiben muss, lenkt einen gar nichts davon ab, dass einem das Atmen schwerfällt, dass du Kopfschmerzen hast und hungrig bist, aber nichts runterbekommst. Man fühlt sich scheiße.

Sie sind seit gut 20 Jahren Ski- und Bergprofi, Hilaree. Wie denken Sie über die Rolle der Frauen im Alpinismus?

Hilaree Nelson: Als ich anfing, hat mir die Tatsache, dass ich eine Frau bin, viele Türen geöffnet. Mittlerweile gibt es viel mehr Alpinistinnen und Skifahrerinnen, die unglaubliche Sachen machen. Deswegen spielt die Frage, ob das eine Frau ist, die am Berg etwas geleistet hat, heute eine etwas kleinere Rolle. Nach wie vor ist man aber oft noch die einzige Frau in einem Team – allerdings gibt es mittlerweile sehr viel mehr Teams mit einer Frau. Vielen ist mittlerweile auch klar, dass eine Frau die Dynamik und Psychologie eines Teams verändert – und zwar positiv.

Wodurch?

Hilaree Nelson: Eine Frau führt oft dazu, dass mehr diskutiert wird. Frauen sind oft ein gutes Gegengewicht zum Konkurrenzdruck unter Männern.

Erleben Sie das auch so, Jim?

Jim Morrison: Unbedingt. Frauen wollen Dinge diskutieren, die Männer oft stillschweigend voraussetzen. Die Stärke von Hilaree und mir als Team besteht vor allem darin, dass sie eine Frau ist und ich ein Mann bin. Wir reden die ganze Zeit über Risiken, unseren Plan und ob er noch gut ist. Wenn man Bergunfälle studiert, lernt man, dass viele nicht passiert wären, wenn vorher ein paar wichtige Dinge besprochen worden wären. Sie trägt dazu bei, die Unterscheidung zwischen männlichem und weiblichem Bergsteigen abzubauen.

Wie sehen Sie das, Hilaree?

Hilaree Nelson: Mir ist am wichtigsten, dass es jetzt viel mehr Frauen gibt, die nicht mit dem Alpinismus aufhören, wenn sie Kinder bekommen. Das eröffnet den Frauen viele Möglichkeiten. Wichtig ist aber auch, dass es nicht nur um meine Sicht der Dinge geht. Sondern auch um die Perspektive meiner Söhne. Ich lebe ein Leben als Profibergsteigerin. Und gleichzeitig ziehe ich zwei Kinder groß.

Was denken Ihre Söhne über ihre Mutter, die Profibergsteigerin?

Hilaree Nelson: Manchmal machen sie sich lustig über mich. Meistens finden sie aber toll, was ich mache. Vor einem Jahr habe ich sie zum Treffen meines Teams nach Puerto Rico mitgenommen. Da konnten sie sehen, dass ich nicht die einzige bin, die solche Sachen macht. Und dass ihre Mutter der Captain ist – auch für die Männer im Team. Vielleicht wird es für ihre Generation ganz normal sein, dass Frauen die gleichen Sachen machen wie Männer.

Das Interview führte Claus Lochbihler.