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Als der Funke beim Konzert von Eric Clapton übersprang

Die britische Gitarren-Legende spielt ein solides Konzert in Dresden. Doch erst das Duett mit einem Einheimischen sorgt für Begeisterung. 

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Eric Clapton bei seinem Auftritt in der Dresdner Messe.
Eric Clapton bei seinem Auftritt in der Dresdner Messe. © Oliver Killig

Von Tom Vörös

Würde man Eric Clapton auf eine einsame Insel verbannen, dann hätte er zumindest seine fünfstufige Blues-Tonleiter dabei. Kokosnüsse könnte er damit zwar keine pflücken, aber dafür befände er sich weiterhin im siebten Musikerhimmel. 

Ja, der Mann inhaliert diese Art von Musik geradezu, fliegt live mit seinen nun doch schon 74 Jahre jungen Flinkfingern über das Griffbrett seiner Fender Stratocaster, die bisweilen so klingen kann, wie leicht zerbrechliches Glas. Und doch hütet Clapton dieses ursprünglich von den Afro-Amerikanern in die Welt gespielte Blues-Gefühl von Leid und Erlösung nach außen wie ein persönliches Geheimnis, welches zu Lebzeiten keinesfalls verraten werden darf. Denn die sparsame Mimik der Gitarrenlegende, die spärlichen Ansagen, die fast unverschämt unauffällige Kleidung mit Schlabberjeans und schwarzem Hemd. Dazu die Brille und die zeitweilige Aura eines Verwaltungsfachangestellten, das alles kennt man von Eric Clapton. 

Aber nicht jeder in den Reihen ist in der Lage, ein solch offensives Understatement in spielfreudige Euphorie zu übersetzen. Für die nötigen emotionalen Funken sollten bei dem ausverkauften zweistündigen Konzert am Montag in der Messe andere sorgen.

Vom Blues besessen

Rein musikalisch konnte man durchaus glücklich werden mit diesem Eric Clapton samt Band, die ebenfalls so professionell lässig und das Publikum selig spielte, dass man irgendwann gerne die Sitzreihen in einer kollektiven Aufräumaktion an die Wand gestapelt hätte. Auffallend eindeutig zerrte Clapton an seinen eigenen Musikwurzeln. 

Der Mann ist noch immer vom Blues besessen. Den Beweis führte er das ganze Konzert über, vor allem mit gecoverten Liedern wie „I'm Your Hoochie Coochie Man“ von Willie Dixon und „Key to the Highway“ von Charles Segar. Es war auch eine Verneigung an die schwarze Blues-Ära, dessen Ikonen einem wie Clapton viel zu verdanken haben. Einer seiner besten Freunde, die 2015 verstorbene Blues-Legende B.B. King, salutierte einmal öffentlich, mit warmen Worten, diesem „wahren König“ Clapton, der den weißen Mann für schwarze Musik zu begeistern wusste. Bei dieser Vielzahl an Blue Notes und typischen Blues-Harmonien vergaß man schnell, wie vielfältig Claptons Werk eigentlich ist – der Mann prägte u.a. mit der Band Cream in den 60ern das Genre Psychedelic Rock, zuvor war er mit den Yardbirds auf dem Weg zum Popmusiker. 

Alles Quatsch, das musste man sich nach diesem Konzert denken. Der Mann schöpfte fast ausschließlich aus jenem Quellwasser, das er bereits als Jugendlicher nächtelang kreativ sprudeln ließ und sich dann mit frischen Augenringen in die Schule schleppte. Ruhig, aber überdurchschnittlich begabt, so lautete ein damaliges Urteil über Klein-Clapton.

Drifting Vogler

Da war es ein Glücksfall, dass Clapton dann doch ein wenig am Entertainment-Hebel herumspielte. Aber leise, für einen akustischen Konzertteil. Nach dem Reggae-beschwingten Wailers-Cover „I Shot The Sheriff“ holte sich der Brite Hilfe vom Dresdner Chef-Cellisten Jan Vogler. Von Clapton wurde er schlicht als „Local Boy“, als Junge aus der Gegend, angekündigt. 

Stimmt, mit seinem fast kindlichen Enthusiasmus am Bogen übersstrahlte Vogler den Gesichtsstoiker an der Gitarre bei Weitem. Vogler zupfte sich beim „Driftin‘ Blues“ zielstrebig hinein in die weite und zugleich tonal kleine Welt des Blues. Nach einiger Zeit, Vogler solierte den Blues inzwischen wie einer aus der Gegend um New Orleans, saß der Klassik-Musiker Vogler gefühlt auf einer Holzterrasse am Mississippi und wurde ebenfalls zum besessenen Blueser, der er teils vielleicht schon immer war. 

Eric Clapton mit Jan Vogler
Eric Clapton mit Jan Vogler © Oliver Killig

Mit dem Clapton-Hit „Layla“ sprang nun auch der Funke für jene über, die sich mehr echte Clapton-Musik gewünscht hätten. Und dann spielten sich die beiden mit dem Balladen-Ohrwurm „Tears In Heaven“ in einen beinahe greifbaren Musikhimmel. Das Lied über Claptons verunglückten Sohn berührte wie eh und je und spielte jeden Zweifler für viereinhalb Minuten in die Schmollecke. Es wäre das perfekte Konzertfinale gewesen. Leise und doch überwältigend, eben genauso wie Clapton. Doch der elektrisch verstärkte Blues sollte noch einmal mit voller Wucht und ausschweifenden Soli der ganzen Band ans Trommelfell klopfen. Bis zum erlösenden J.J. Cale-Cover „Cocaine“.

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Trotz Claptons an diesem Abend kraftvoller und ausdrucksstarker Stimme, der grandiosen Zuarbeit seiner Band, den überzeugenden Gitarrenläufen – Clapton ist und bleibt eben kein Vulkan mit Ausbruchstendenzen, sondern der stets zurückgenommene Anti-Entertainer, der all seine Energien beständig in die Musik fließen lässt. Das Publikum muss sich vor allem mit guter Musik begnügen. Trotzdem wagen sich einige Fans kurzzeitig nach vorne. Es wird auch getanzt in den Reihen, aber bei Weitem nicht so lasziv wie es beim Blues möglich wäre. Und was bleibt von alldem? Ein gut aufgelegter Eric Clapton, ein nahezu perfekt vorgetragenes Konzert, die Befriedigung, diese Legende noch einmal erlebt zu haben. Aber kaum eine tiefere Gefühlsebene, über die man noch nach Wochen mit einem Lächeln im Herzen flanieren könnte.

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