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Wenn Alte nur noch Verschubmasse sind

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Abrechnungsbetrugs gegen die Betreiberin eines Löbauer Pflegedienstes. Nun werden weitere Vorwürfe gegen die Frau laut.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Löbauer Pflegedienst wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Löbauer Pflegedienst wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug. © Symbolfoto: Tom Weller/dpa

Irgendwann kam der Tag der Entscheidung auch für Cordula G. (Name von der Redaktion geändert). Als ihr an Parkinson erkrankter Schwiegervater in die Klinik musste, war ein Verbleib der dementen Schwiegermutter in der eigenen Wohnung nicht mehr denkbar. Aber Cordula G. und ihr Mann wollten die Mutter bestens aufgehoben wissen. Da erfuhr sie vom Modell der "Pflege-Wohngemeinschaft" - individuelle Pflege in einer kleinen häuslichen Senioren-Gemeinschaft. Das klang für Cordula G. nach einer würdevollen Lösung. Doch darin sollte sie sich getäuscht haben.

"Ich kann es nicht fassen, dass diese Frau immer noch ihr ihr Unwesen treiben darf", sagt Cordula G. heute einige Jahre nach dem Tod ihrer Schwiegermutter. Sie meint damit jene Betreiberin eines Löbauer Pflegedienstes, die unter dem Verdacht des Abrechnungsbetrugs ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist. Cordula G. lernte sie im September 2012 kennen. In einem mittlerweile abgerissenen Plattenbau in Löbau-Ost brachte sie ihre Schwiegermutter in einer Pflege-WG unter. Der Vermieter des Blocks hatte dazu mehrere Wohnungen zusammengelegt. "Die Bewohner hatten je ein Zimmer, es gab barrierefreie Bäder und einen Aufenthaltsraum", sagt sie.

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Und zunächst war Cordula G. auch begeistert. "Eine kleine Gemeinschaft mit vier Bewohnern und Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch zwei Pflegekräfte. Es war wie man es sich erträumen konnte", erzählt sie. Dabei mieteten die Senioren ihre Zimmer direkt vom Eigentümer des Plattenbaus. Die Pflegeleistungen bestellten sie von jenem Pflegedienst, der bis heute in einer Löbauer Plattenbausiedlung solche Pflege-WGs versorgt. "Am Anfang hatten die Pfleger auch viel Zeit für die Bewohner, haben auch mit denen gespielt", erzählt Cordula G. Sie selbst sei bei ihren beinahe täglichen Besuchen immer mit ihrer Schwiegermutter oder auch anderen Bewohnern an die frische Luft gegangen.

Gab's für die alte Frau nur ein DDR-Feldbett?

Doch bei ihren täglichen Besuchen machte Cordula G. zunehmend beunruhigende Beobachtungen. "Weil die Pflegedienstbetreiberin damals keine Geschäftsräume hatte, hat sie in der WG Vorstellungsgespräche geführt und Belegschaftsversammlungen abgehalten", erzählt sie. Und das Personal sei zunehmend mit anderen Aufgaben betraut worden als der Pflege der Bewohner. "Einmal kam mir im Flur ein Pfleger mit Töpfen entgegen. Das Essen darin war für eine ambulante Pflegeperson in der Nachbarschaft außerhalb der WG bestimmt", schildert Cordula G. das befremdliche Vorkommnis: "Da wurde also in den Räumen, die wir bezahlen und mit dem Strom, den wir bezahlen, Essen für fremde Pflegepersonen gekocht."

Auch andere fragwürdige Geschäftspraktiken der Pflegedienstbetreiberin beklagt Cordula G: "Irgendwann lag da ein alter Mann im Flur auf dem Sofa, der nicht in der WG wohnte. Den hat die Betreiberin über Monate hinweg einfach mal zur Tagespflege da aufgenommen." Bewohner wie ihre Mutter dagegen seien mitunter regelrechte Verschubmasse gewesen. "Ich kam kurz vor Weihnachten in die Wohnung, das Licht brannte, aber niemand war da", erzählt sie. Ihre Schwiegermutter und die anderen Mitbewohner habe sie dann in einer weiteren Pflege-WG im Nachbarblock vorgefunden. "Weil zu wenig Pfleger da waren, wurden die einfach mal dahin verfrachtet. Meine Schwiegermutter lag im Bett von jemandem, der gerade im Krankenhaus war", sagt sie.

Den Gipfel habe sie zu Ostern 2013 erlebt. Wegen eines Umbaus in dem Haus sei ihre Schwiegermutter wieder kurzerhand in die WG im Nachbarblock umquartiert worden. "Die sollte da dann in einem Zweibettzimmer auf einem alten DDR-Feldbett schlafen", erzählt Cordula G.. Immer wieder habe sie mit ihrem Mann überlegt, die Mutter da rauszunehmen. "Aber es gab ja auch schöne Zeiten da und einen erneuten Umzug wollten wir der Frau nicht zumuten", sagt sie.

"Jedem ein Löffelchen reingeschoben"

Auch Teile der Abrechnungspraxis und der dahinter steckenden Leistung bemängelt Cordula G. In einem Katalog des Pflegedienstes sind sämtliche möglichen Pflegeleistungen mit dem dazugehörigen Zeitaufwand und den Kosten aufgeführt. Eine davon ist die "Hilfe bei der Nahrungsaufnahme". Dazu gehören etwa das "mundgerechte Zubereiten der Nahrung" sowie die Hilfe beim Aufsuchen und Verlassen des Essensplatzes und Hilfe beim Essen und Trinken selbst. Der Leistungskatalog setzt dafür einen Zeitaufwand von 25 Minuten und einen Preis von 9,13 Euro an. Eine Leistung, die für den Bewohner der WG schon bei nur einer Mahlzeit täglich über 270 Euro im Monat kostet. 

Doch wirklich individuelle Hilfe habe es dafür nicht gegeben. "Die geschundene Pflegehilfskraft lief allein um den Tisch herum und schob jedem, der nicht selbst essen konnte, ein Löffelchen rein", erzählt Cordula G.. Abgerechnet worden sei aber von jedem Bewohner die volle Leistung. Abrechnungsmäßig zu beanstanden ist das nicht. "Die Dienstleistung ,Hilfe zur Nahrungsaufnahme' ist eine Pauschale, hinter der sich ein hohes Maß an individueller Pflege verbirgt", informiert dazu Diana Arnold vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Die Dienstleistung umfasse eine Vielzahl von Handgriffen, um die individuelle Aufnahme der Nahrung zu ermöglichen. "Das kann bei dem einen Pflegebedürftigen bedeuten, dass er zum Tisch geführt, das Essen zerkleinert und der Pflegebedürftige gefüttert werden muss. In einem anderen Fall findet die Mitbewohnerin vielleicht eigenständig zum Tisch, muss aber immer wieder zum Essen motiviert werden und benötigt einen Schnabelaufsatz auf der Tasse", erklärt Arnold.

Für Ihre Schwiegermutter oder andere sei für die abgerechnete Dienstleistung aber mitunter nicht mal unbedingt ein Platz am Esstisch sicher gewesen, beklagt Cordula G. "Wenn alle Bewohner und ,Gäste' daheim waren, hat der Platz am Tisch nicht gelangt. Dann mussten die dementen Bewohner, die sich nicht wehren konnten, auf dem zugigen Flur essen", schildert sie. Wenn sie die Betreiberin auf solche Missstände und die Abrechnungspraxis angesprochen habe, habe diese stets abgewiegelt. Den Pflegekräften selbst macht Cordula G. keine Vorwürfe. "Die waren immer sehr fürsorglich, aber überlastet und auf sich allein gestellt", sagt sie.

Es gibt auch Lob für den Pflegedienst

Cordula G. will heute von dem Modell mit dem wohlklingenden Namen "Pflege-Wohngemeinschaft" nichts mehr wissen - jedenfalls nicht von der Art, wie sie es bei ihrer Schwiegermutter erlebt hat. "Die Betreiberin des Pflegedienstes bewegt sich damit in einer rechtlichen Grauzone, unbeobachtet von der Heimaufsicht", sagt sie. Tatsächlich ist die nur für stationäre Pflegeeinrichtungen zuständig, nicht aber für "selbstbestimmte Wohngemeinschaften", die als ambulante Pflege gelten. Die heute noch von dem Pflegedienst betreuten Wohngemeinschaften seien der Heimaufsicht auch erst im Oktober 2019 durch die Betreiberin angezeigt worden, heißt es auf SZ-Anfrage von der Heimaufsicht.

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Zu den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen hatte die Betreiberin auf SZ-Anfrage erklärt, die Vorwürfe seien böse Gerüchte. Für eine Stellungnahme zu den neuen Vorwürfen war die Frau bisher für SZ nicht erreichbar. Eine von dem Pflegedienst ambulant daheim betreute Frau stellt dem Pflegedienst ein gutes Zeugnis aus. "Seit drei Jahren werde ich von dem Pflegedienst in meiner häuslichen Umgebung intensivmedizinisch versorgt und bin vollkommen zufrieden. Alle Mitarbeiter, einschließlich der Betreiberin, gehen auf meine Bedürfnisse ein und geben stets ihr Bestes", schreibt die Dame in einer Mail an SZ.

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