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Auf Flunker-Tour durch die Stadtgeschichte

Bei ihrem neuen Rundgang durch Bautzen nimmt es Stadtführerin Franziska Henke mit der Wahrheit nicht so ganz genau – sehr zur Freude ihrer Gäste.

„Wahr“ oder „geflunkert“ – Stadtführerin Franziska Henke hat sich eine neue thematische Führung durch Bautzen ausgedacht, bei der sie auch originelle kleine Schwindeleien erzählt. Wer ihr auf die Schliche kommt, kann etwas gewinnen.
„Wahr“ oder „geflunkert“ – Stadtführerin Franziska Henke hat sich eine neue thematische Führung durch Bautzen ausgedacht, bei der sie auch originelle kleine Schwindeleien erzählt. Wer ihr auf die Schliche kommt, kann etwas gewinnen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Der Michaeliskirchhof gehört zu ihren Lieblingsorten. Im Tal schlängelt sich die Spree. Michaeliskirche und die Alte Wasserkunst sind zum Greifen nah. Dom St. Petri und die Rathausspitze sind genauso zu sehen wie die Friedensbrücke mit ihren trägen Verkehr an diesem Tag und die Neustadt. Franziska Henke ist in die Rolle der Tuchhändlerin Teda geschlüpft. Seit zehn Jahren führt sie als diese opulente, vor allem aber wortgewandte Figur aus dem Spätmittelalter durch Bautzen. Für ihr Publikum hat die 45-Jährige nun ein neues Projekt auf den Weg gebracht.

Franziska Henke holt zwei Karten aus ihrem Beutelchen. „Wahr“ steht auf der einen, „Geflunkert“ auf der anderen. „Mit meinen 500 Jahren bringe ich bei der Stadtgeschichte schon einiges durcheinander“, sagt die Stadtführerin mit einem Augenzwinkern. Auf die Idee mit diesen Flunkertouren durch Bautzen kam sie selbst bei einem Besuch in Mainz. Mit der Familie landet sie in der Gutenbergstadt bei genau einer solchen Stadtführung und ist sofort begeistert. „Es war locker, unterhaltsam, für jeden etwas dabei – und vor allem haben wir zu Hause noch lange darüber gesprochen“, sagt die ausgebildete Hotelfachfrau. Nach der Lehre absolvierte sie ein Studium der Betriebswirtschaftslehre und ging für zwei Jahre nach Großbritannien.

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Schwindeln will gelernt sein

Doch die Liebe zur Heimat zieht die zweifache Mutter wieder zurück an die Spree. Das Interesse für die Stadtgeschichte wird ihr indes in die Wiege gelegt. Maria und Heinz Henke sind bis heute in Bautzen beliebte Stadtführer und manchen als „Türmer“ bekannt. „Bei meinem Vater habe ich die erste Stadtführung irgendwann in der ersten Klasse erlebt. Meine Eltern sind für mich immer noch eine Quelle des Wissens, und zusammen bringen wir über 90 Jahre Berufserfahrung mit“, sagt Franziska Henke. Allerdings mit dem Flunkern hätten es die beiden so gar nicht, verrät sie. Auch die Bautzenerin musste für ihr neues Projekt das Schwindeln erst trainieren.

Franziska Henke schaut hoch zu den Türmen der Stadt. „Man muss selbst an die Unwahrheit glauben, damit sie glaubhaft rüberkommt und die Wahrheit so verpacken, dass man sie eben nicht gleich erkennt“, sagt sie. 

Ihre Flunkereien hat sie bereits bei den ersten Gästen ausprobiert. Für die Mitmach-Tour erhalten sie eine Karte und je richtig beantworteter Frage einen Stempel. Wer die meisten Schwindeleien erkannt hat, bekommt ein kleines Präsent von der Tuchhändlerin Teda. Bis jetzt hätte aber noch niemand alle Flunkereien herausgefunden, obwohl bei einigen sehr wohl der Ehrgeiz geweckt wurde. Aber genau das spornt Franziska Henke ja auch an.

Nach Interessen des Publikums

Eine solche – vielleicht – erfundene Geschichte ist, dass der bekannte Seefahrer Columbus im selben Jahr Amerika entdeckte, als der Bautzener Reichenturm erbaut wurde. Die Auflösung soll an dieser Stelle nicht verraten werden, doch hat Franziska Henke auch genügend Stoff für die Gruppen parat, um ihre Zuhörer einstweilen auf den Holzweg zu führen. „Außerdem variiere ich die Touren bei größeren oder kleinen Gruppen. Mit vier Personen kann man andere Wege gehen als zum Beispiel mit einer Schulklasse“, sagt sie.

„Ich finde es spannend, Stadtgeschehen in Zeitgeschichte einzubetten. Was ist lokal passiert, was ist global passiert, das fasziniert mich. Dazu möchten die Gäste gern ein Erlebnis haben und sich nicht zu viele Zahlen merken“, sagt Franziska Henke. 

Mit ihrer selbstbewussten „Teda“ in der üppigen, roten Robe führt sie ihre Gäste in die Zeit des Mittelalters und die Hochzeit des Tuchhandels in der Stadt. Doch die Stadtführungen sind nur ein Standbein der Bautzenerin, zudem unterrichtet sie Englisch in Unternehmen. Ihre Touren – manche davon macht sie in englischer Sprache – plant sie immer vorneweg nach den Interessen ihres Publikums. Schließlich ließen sich 1017 Jahre Stadtgeschichte nicht in eineinhalb Stunden erzählen. 

Ihre geflunkerten Stadtführungen bietet Franziska Henke auch für Kinder und Jugendliche an. Einige nicht ganz wahre Geschichten hat sie sich gemeinsam mit ihrer Tochter, der nächsten Stadtführer-Generation, ausgedacht. Denn Franziska Henke weiß: „Vielleicht sind solche Touren der Anfang für die Liebe zur Stadtgeschichte“.

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Mit einem Lächeln geht Franziska Henke in ihrer auslandenden Robe über den Michaeliskirchhof. Die Menschen schauen ihrer Tuchhändlerin Teda hinterher. Eine Stadtführung mit kleinen Zuhörern liegt an diesem Vormittag schon hinter ihr. Doch für Stadtgeschichten – egal ob wahr oder geflunkert – bleibt ihr jetzt erst mal keine Zeit mehr. Der nächste Schüler wartet, mit dem sie nun Vokabeln pauken muss – ganz ehrlich.

Kontakt über www.tuchhaendlerin-bautzen.de

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