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Aus der Großstadt nach Kamenz

Familie Mildner hat Berliner Großstadtleben gegen Kamenzer Kleinstadtidylle getauscht. Dabei haben sich ganz neue Perspektiven ergeben.

Familie Mildner aus Hohen Neuendorf nördlich von Berlin wohnt jetzt auf dem Bautzner Berg in Kamenz: Papa Ronny mit Tochter Lia, Mutter Kerstin mit den Söhnen Benjamin und Vico (r.).
Familie Mildner aus Hohen Neuendorf nördlich von Berlin wohnt jetzt auf dem Bautzner Berg in Kamenz: Papa Ronny mit Tochter Lia, Mutter Kerstin mit den Söhnen Benjamin und Vico (r.). © Matthias Schumann

Die Mildners sind angekommen. Langsam, Schritt für Schritt. Aber sie sind es. Auf dem Bautzner Berg in Kamenz haben sie sich ihr grünes Refugium eingerichtet. Jetzt im Sommer steht alles in schönster Blüte, wächst Gemüse hinterm Haus heran. Und das Trampolin für die drei Kinder ist gut frequentiert. Die Nachbarn winken herüber, es gibt Gespräche am Gartenzaun, und auf der verkehrsberuhigten Straße hinterm Grundstück geht der Abenteuerspielplatz für den Nachwuchs weiter. „Wir können die Zwillinge mit ihren Dreirädern hinauslassen, ohne riesige Angst zu haben. Das ist für uns echte Lebensqualität“, sagt Papa Ronny Mildner.

Im letzten Jahr zog die fünfköpfige Familie von Berlin nach Kamenz. Während sie ein paar Monate übergangsweise in der Platte in Kamenz-Ost wohnten, sanierten sie ein paar Straßen weiter ihr neues Heim von Grund auf. „Wir haben es von einem älteren Ehepaar gekauft, das hier auf dem Bautzner Berg mit als Erste gebaut hatte nach der Wende“, sagt Ronny Mildner.

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Kamenz war eigentlich abgehakt

Da musste einiges gemacht werden, doch es hat sich gelohnt. Und die eigenen Wünsche konnten einfließen. Heizung, Fußböden – die komplette Innenausstattung wurde ausgetauscht. In sattem Gelb leuchtet das Haus mittlerweile. Das neue Dach ist mit Solarzellen bestückt. Dunkles Holz an der Giebel-Fassade verleiht dem Haus einen kleinen Lausitzer Touch.

Für die Berliner ist Kamenz so etwas wie Dorf. Ohne dass sie die Gefühle der Einheimischen verletzen wollen. „Wir haben zuletzt zwar am Rand von Berlin in Hohen Neuendorf gelebt, aber die Kommunikation ist im Großraum einfach anders. Man kannte sich zwar, pflegte auch Freundschaften. Doch echte Gespräche im Alltag versickerten am Rand. Alles ist anonymer“, so der Familienvater. Zur Arbeit fuhren sie fast eine Stunde in die Stadt hinein. Kerstin Mildner arbeitete dort als Sozialarbeiterin. Sie stammt aus Spandau.

Ronny Mildner ist der sächsische Regionalchef der Stiftung „Pro Gemeinsinn“, die sich gerade in Kamenz niedergelassen hat. Im ehemaligen Blumenladen an der Zwingerstraße hat sie ein Büro angemietet.
Ronny Mildner ist der sächsische Regionalchef der Stiftung „Pro Gemeinsinn“, die sich gerade in Kamenz niedergelassen hat. Im ehemaligen Blumenladen an der Zwingerstraße hat sie ein Büro angemietet. © Ina Förster

Aber Ronny Mildner hat Kamenzer Wurzeln. Der 43-Jährige ist Rückkehrer. Ging quasi zurück in eine neue Zukunft. Die letzten zwei Jahrzehnte verbrachte er in der Hauptstadt. Er kennt die Häuserschluchten, laute Straßen, belebte Plätze, das quirlige Leben. Und die Brennpunkte. Ronny Mildner ist Erzieher und hat viele Jahre in der stationären Jugendhilfe gejobbt. „Ich habe mit Vorliebe die schwierigsten Stellen angenommen, die keiner wollte. Mein Herz schlägt einfach für die, die oft vergessen werden“, sagt er. Er wohnte mittendrin in Krisen- und Kindereinrichtungen, gründete in Neukölln ein Internat für Jugendliche, die oft der Schule fernbleiben, mit. „Ich hab’ die volle Palette mitgenommen. Aber das war gut so“, meint er.

Nach über 20 Jahren ist er wieder daheim. Obwohl die Überlegung, nach Kamenz zurückzukehren, eigentlich schon abgehakt war. „Man fühlte sich ja in Berlin auch wohl, hatte Freunde und eine tolle Arbeit. Immer wieder schlich sich trotzdem der Gedanke dazwischen, dass man irgendwann zurückgeht.“ Immer dann, wenn das Forstfest vorbei war, zum Beispiel. Und es Ronny Mildner fast das Herz zerriss, wenn er wegfahren musste.

 Seine Frau Kerstin nahm die Sache letztendlich in die Hand und sprach sich für einen Umzug aus. Auch dass Ronny Mildners Eltern hier leben, die nicht jünger werden, spielte eine Rolle. Und dass sie ihre Enkel gern öfter sehen würden. „Andersherum bedeutet es aber auch für uns eine neue Qualität, dass wir hier Unterstützung haben, die Kinder mit ihren Großeltern aufwachsen. Wir fahren hin und wieder mal am Wochenende zum Kaffee hin. Das ist eine völlig neue Erfahrung für uns alle“, sagt der 43-Jährige.

Stiftung expandiert nach Sachsen

Benjamin, der Zehnjährige, hatte einen etwas holprigen Start in der neuen Schule. Kein Wunder, musste er doch seine Freunde in Berlin zurücklassen. Neue zu finden, fiel nicht so leicht. Mittlerweile hat das geklappt. „Das hat uns ein bisschen wehgetan, ihn so leiden zu sehen“, sagen die Eltern. Die quirligen Zwillinge Vico und Lia haben den Umzug mit ihren vier Jahren besser weggesteckt. Hauptsache, das Trampolin im Garten stand.

Die ganze Familie Mildner genießt das Leben in Kamenz mittlerweile sehr. „Alle Wege sind kürzer, und die Spaziergänge abwechslungsreich. Hier gibt’s doch alles: Berge, Seen, zwischendurch Kultur“, sagt Ronny Mildner. Seitdem sie hier wohnen, engagiert er sich zum Beispiel für die alternative Kleinstein-Schule, die in den nächsten Jahren in Nebelschütz ansässig werden möchte. Kamenz mit seinen kleinen Privatinitiativen – das hat ihn gereizt. „Ich habe das im Internet mitverfolgt und gedacht: Mensch, da tut sich ja was“, sagt er. Stadtwerkstatt, Straßenfeste. Kleinteilig und basisorientiert.

Noch pendelt der Familienvater ab und an zwischen Berlin und Kamenz. Doch das wird sich ändern. Mit dem privaten Umzug ergaben sich auch beruflich neue Perspektiven. Seit einiger Zeit ist Ronny Mildner Bereichsleiter Sachsen der Stiftung Pro Gemeinsinn. Erst kürzlich bezog er die Geschäftsräume in der Kamenzer Altstadt. Im ehemaligen Blumenladen an der Zwingerstraße öffnete das Büro der Stiftung. Diese betreut etwa 1.700 Kinder in Kindertagesstätten und im Ganztagsbetrieb an Grundschulen. Bis jetzt im Berliner Umfeld. 

Seit Kurzem streckt sie die Fühler nach Sachsen aus. „Wir führten bereits Gespräche zur Hortbetreuung in der Radeberger Heideschule. Und für zwei Kitas im Rödertal haben wir kürzlich sogar schon den Zuschlag bekommen“, freut sich Mildner. 2001 wurde die Stiftung gegründet. Sie widmet sich mit haupt- und ehrenamtlich Engagierten vor allem Projekten der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit. „Wir setzen dort ein, wo andere Konzepte weggebrochen sind oder Trägerschaften nicht mehr funktionieren“, erklärt der 43-Jährige.

Nicht nur sein Familienleben ist plötzlich ganz neu aufgestellt, sondern auch der Job. Kerstin Mildner hat Arbeit im Radeburger Krankenhaus gefunden. Und Ronny muss bald nicht mehr pendeln. „Das wird erst komisch, wenn ich täglich pünktlich daheim bin. Aber bestimmt richtig gut!“

Serie: Die neue Landlust

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