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Dresden

Barrikaden und viele Tote und Verletzte

Der Dresdner Maiaufstand von 1849 war ein blutiges Ereignis. Tagelang wurde in der Altstadt gekämpft. 

Anfang Mai 1849 kam es in Dresden zu Straßenkämpfen.
Anfang Mai 1849 kam es in Dresden zu Straßenkämpfen. © Quelle: SZ/Archiv

Barrikaden in den Straßen, Häuserkämpfe in der Altstadt, viele Tote und Verletzte – Richard Wagner und Gottfried Semper auf der Flucht: Vom 3. bis 9. Mai 1849 dauerten die Kämpfe. Beim Dresdner Maiaufstand vor 170 Jahren ließen 196 Aufständische ihr Leben. 115 Verwundete lagen in den Spitälern. Auch 30 sächsische und 9 preußische Soldaten fielen. Der Dresdner Maiaufstand war einer der Höhepunkte der Revolution von 1848/49 in Deutschland.

Die Ereignisse hatten sich angekündigt. Das nach den Kriegen gegen Napoleon 1815 arg beschnittene Sachsen hatte sich zum Vorreiter der Industrialisierung unter den deutschen Staaten aufgeschwungen. 1831 war das Land schon einmal von Unruhen erfasst worden. Sie hatten Sachsen die erste Verfassung und eine konstitutionelle Monarchie beschert. Im März 1848 hatte von Frankreich ausgehend abermals die Revolution übergegriffen. Wieder ging es um mehr Demokratie und diesmal auch um nationale Einheit. Um die Menschen zu besänftigen, installierten die Fürsten in vielen deutschen Staaten liberale Regierungen, die sogenannten März-Kabinette. In Sachsen berief der wenig zu Reformen neigende Friedrich August II. auf öffentlichen Druck die erste bürgerliche Regierung unter Karl Hermann Alexander Braun.

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In Dresden gründeten sich Ableger der beiden politische Vereine, die während der revolutionären Ereignisse in Deutschland bestimmend waren: Der mehr konservative Deutsche Verein der Demokraten und der bürgerlich-liberale Vaterlandsverein. Bei Landtagswahlen im September 1848 errangen die Demokraten in beiden Kammern die absolute Mehrheit. Sachsen war lange relativ unbeschadet durch die Revolution gekommen. Als diese praktisch schon gescheitert war und der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die ihm im März 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone abgelehnt hatte, versuchten die Revolutionäre, zumindest die in der Paulskirche beschlossene Reichsverfassung zu retten.

Immerhin 29 der gut 40 deutschen Staaten nahmen diese unter öffentlichem Druck tatsächlich an. Und auch der Landtag in Dresden wollte am 28. April den König zwingen, die Verfassung anzuerkennen, im Gegenzug zur Genehmigung des Staatshauhaltes. Doch Friedrich August II. löste als Reaktion am 30. April das renitente Parlament auf.

Schüsse aufs eigene Volk

Daraufhin beschlossen die Dresdner Stadtverordneten, am 3. Mai 1849 demonstrativ eine Parade ihrer 1830 gegründeten Kommunalgarde abzuhalten. Doch der König untersagte die Parade. Mit Ausnahme zweier Bataillone, die für Ruhe und Ordnung sorgen sollten, wurde die auf dem Altmarkt schon aufmarschierte Truppe wieder nach Hause geschickt, nachdem diese ein „Hoch“ auf die Reichsverfassung ausgebracht hatte.

Als jedoch am Nachmittag das Gerücht die Runde machte, die Regierung habe gegen das eigene Volk preußische Truppen angefordert, versammelte sich vor dem Zeughaus, dem späteren Albertinum, eine größere Menschenmenge und verlangte die Herausgabe von Waffen. Durch einen Seiteneingang strömten die Menschen ins Innere auf den Hof. Der Kommandant der Wachmannschaft ließ nach drei Trommelschlägen schießen. 20 Tote und viele Verletzte blieben zurück.

Jetzt eskalierte die Lage. Die Glocken der Frauenkirche läuteten Sturm. In kurzer Zeit hatten die Aufständischen zumeist aus Gehwegplatten und Granitpflaster mehr als 100 Barrikaden errichtet. Hofbaumeister Gottfried Semper half mit Ratschlägen. Aus der Umgebung strömten Studenten, Bergleute und Mitglieder von Bürgerwehren in die Stadt.

Barrikadenkämpfer in den Straßen Dresden
Barrikadenkämpfer in den Straßen Dresden © Quelle: SZ/Archiv

Der offensichtlich überraschte König floh mit seinen Ministern in der Nacht zum 4. Mai auf einem Dampfschiff zur Festung Königstein. Daraufhin bildeten die verbliebenen Landtagsabgeordneten eine provisorische Regierung mit dem Führer des linken Flügels der Demokraten, Samuel Erdmann Tzschirner aus Bautzen, dem Freiberger Kreisamtmann Leonhard Heubner sowie dem liberalen Regierungsrat Karl Todt. Chef des Generalstabes wurde der russische Anarchist Michail Bakunin.

Als schwerer Fehler erwies sich eine mit dem Stadtkommandanten der Regierungstruppen vereinbarte eintägige Waffenruhe. „Ein geschulter Anführer der Aufständischen hätte mit nur 2 000 Mann bei sofortigem Angriff auf Zeughaus, Brühlsche Terrasse und Schloss den Sieg errungen“, schätzte der preußische Befehlshaber Friedrich von Waldersee später ein. So aber konnten sich die Regierungstruppen ordnen und am 5. Mai zum Angriff übergehen. Die gesamte Neustadt und die Brühlsche Terrasse waren in ihrer Hand.

Aus Leipzig war ein Schützenregiment zur Unterstützung angerückt. Das preußische Füsilier-Regiment „Kaiser Alexander“ griff mit etwa 2.000 mit Steinschlossgewehren bewaffneten Infanteristen – den Füsilieren – in die Kämpfe ein. Die Aufständischen hingegen erhielten von den Mitgliedern der Kommunalgarde kaum Unterstützung. Es fehlte an einheitlicher Führung und Disziplin.

In den engen Gassen tobten Häuserkämpfe, bei denen auch Häuserwände durchbrochen wurden. Die Regierungstruppen versuchten die Barrikaden mit einer Zangenbewegung zu umgehen. Sie eroberten das Brühlsche Palais, das Finanzhaus, stürmten die Barrikaden am Moritzdenkmal und den Zwingerwall. Am 6. Mai brannte das alte Opernhaus. Das Feuer griff auch auf den Zwinger über.

In den Morgenstunden des 9. Mai war die Niederlage besiegelt. Etwa 1 800 Aufständische zogen sich in Richtung Freiberg und Chemnitz zurück. Hunderte von ihnen gerieten in Gefangenschaft. Es kam zu Übergriffen. Etwa 50 Gefangene wurden von der Augustusbrücke in die Elbe gestoßen und beschossen.

Gottfried Semper entkam mit dem Zug nach Pirna und floh ins Ausland. Sein Steckbrief wurde erst 1863 zurückgenommen. Auch Richard Wagner flüchtete ins Ausland. Er war Beobachtungsposten auf dem Turm der Kreuzkirche gewesen. Er wurde nach dreizehn Jahren amnestiert. Die Schauspielerin Wilhelmine Schröder-Devrient wurde aus Dresden ausgewiesen. Sie hatte aus dem Fenster ihrer Wohnung die Aufständischen mit den Worten angefeuert: „Rächt euch an der Reaktion.“

Erst am 5. Juli begab sich der König vom Königstein in die Sommerresidenz nach Pillnitz. In Sachsen begann eine Phase der Restauration. Noch zwei Jahre nach dem Maiaufstand verwehrte die Polizei den Dresdnern, Blumen auf den Gräbern der Barrikadenkämpfer auf dem Annenfriedhof niederzulegen.