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"Nicht verliebt in Dresden"

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain zieht es nach Heidelberg. Ein Interview könnte für Verärgerung in Dresden sorgen. Wie OB Hilbert reagiert.

Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) spricht in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung Klartext über sein Verhältnis zu Dresden.
Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) spricht in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung Klartext über sein Verhältnis zu Dresden. © Sven Ellger

Dresden. Kurz vor der Corona-Krise wurde bekannt, dass Dresden neben einem Bildungsbürgermeister auch einen neuen Baubürgermeister benötigt. Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne) hat sich in Heidelberg als Klimabürgermeister beworben, gilt dort quasi als gesetzt.

Zu seinem Verhältnis zum Dresdner Stadtrat und der Verwaltung wie auch zu Dresden, wollte sich Schmidt-Lamontain zunächst auch auf Nachfrage nicht äußern. Jetzt hat er aber der Rhein-Neckar-Zeitung ein Interview gegeben. Einige Aussagen daraus könnten in Dresden nicht so gut ankommen.

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Zunächst gibt sich Schmidt-Lamontain in dem Interview noch versöhnlich gegenüber der Stadt. "Tatsächlich habe ich in Dresden einen riesigen Geschäftsbereich mit fünf Ämtern und insgesamt 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das Aufgabenspektrum in meinem aktuellen Amt ist groß, es gab und gibt enorm viel Arbeit. Das hat mir aber immer auch Spaß gemacht und ist deshalb nicht der ausschlaggebende Grund für meine Bewerbung in Heidelberg", sagt er. 

Dann kommt allerdings ein Satz, der aufhorchen lässt: "Vielmehr haben die Rahmenbedingungen hier in Dresden nicht wirklich gepasst." Dann wird der Baubürgermeister persönlich: "Zunächst einmal sind wir hier als Familie – also ich, meine Frau und meine drei kleinen Kinder – emotional nie richtig angekommen. Wir haben uns nicht verliebt in diese Stadt."

Dass Heidelberg als Ziel schnell feststand, hatte Schmidt-Lamontain auch bereits im März in der SZ gesagt. Seine Frau kommt aus Karlsruhe und ihre Familie lebt in der Region. 

Dann redet er im Interview Tacheles, was Dresden anbetrifft. "Tatsächlich ist es hier in Dresden sehr schwer, im Hinblick auf Klimaschutz und Mobilität etwas zu bewegen. Dresden ist eine sehr autofokussierte Stadt und die Verkehrswende ist gerade nun einmal eines der heißen Themen. Leider rennt man damit hier überhaupt keine offenen Türen ein. Die politische Stimmung scheint mir deutlich konservativer als in Heidelberg, es gibt im Stadtrat keine klaren Mehrheitsverhältnisse, man weiß nie, wie weit man mit seinen Vorlagen und Vorschlägen kommt."

Darauf angesprochen, bestätigt Raoul Schmidt-Lamontain die Aussagen aus dem Interview. Er habe das Thema aber in Dresden nicht "aufploppen" lassen wollen. "Ich wollte mich hier eigentlich vor dem 23. Juli nicht äußern", so Schmidt-Lamontain. Das ist der Tag, an dem er offiziell zum Klimabürgermeister in Heidelberg gewählt werden soll. 

"Aber irgendwie musste ich ja in Heidelberg auch erklären, wieso ich hier weg will", erläutert der scheidende Baubürgermeister. Ja, er habe sich in Dresden nicht verliebt. "Zentrale Aussage ist: Ich bin hier emotional nie richtig angekommen und nicht heimisch geworden. In der Konsequenz habe ich mich anderweitig orientiert."

Er denke, dass in Heidelberg "inhaltlich mehr geht, insbesondere bezogen auf die Verkehrswende".  

Aussagen über die Politik, den Stadtrat, die Rathausführung und sein Verhältnis zu Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) wolle er aber in Dresden nicht treffen. "Über irgendwelche Binnenverhältnisse zum OB werde ich mich selbstredend auch in Zukunft nicht äußern. Das ist unprofessionell." Die Grünen haben erneut das Vorschlagsrecht für die neue Baubürgermeisterin oder den neuen Baubürgermeister in Dresden. 

"Seine Aussagen lege ich nicht auf die Goldwaage"

Oberbürgermeister Hilbert nennt Schmidt-Lamontains Interview im Gespräch mit Sächsische.de am Mittwoch eine "Empfehlungsbotschaft". "Herr Schmidt-Lamontain bietet sich für eine neue Gemeinde an. Seine Aussagen lege ich nicht auf die Goldwaage." Schließlich seien Dresden und Heidelberg auch nicht vergleichbar. Alleine der Anteil an Studenten sei in Heidelberg viel höher und die Stadt deutlich kleiner. "Da fahren anteilig mehr mit dem Fahrrad und erst später mit dem SUV", scherzt Hilbert. 

In Teilen sei Schmidt-Lamontains Eindruck nachvollziehbar. "Ich wünsche mir auch nachhaltige Konzepte für Fahrradwege und erwarte eine deutlich schnellere Umsetzung", so Hilbert. Das könnte durchaus auch als Kritik am Baubürgermeister aufgefasst werden, der für die Umsetzung zuständig ist.

"Ein Radwegkonzept ist nicht nur das Abpinseln einer Fahrspur", so der OB. Er habe gute Kontakte zu Heidelbergs OB Eckart Würzner. "In Heidelberg gibt es Fahrradstraßen und -trassen. Das wünsche ich mir auch für Dresden." 

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