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Angekommen in Deutschland

Ein Paar ist aus Syrien geflohen und lebt jetzt in Bautzen. Die beiden engagieren sich für andere Geflüchtete – und wollen mit Vorurteilen aufräumen.

Iyad Albakkar Alabdullah und seine Frau Ruba Osman sind aus Syrien geflohen. Jetzt engagieren sie sich in Bautzen für andere Geflüchtete.
Iyad Albakkar Alabdullah und seine Frau Ruba Osman sind aus Syrien geflohen. Jetzt engagieren sie sich in Bautzen für andere Geflüchtete. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Bomben kamen jeden Tag. Sie gehörten zum Alltag in der Nähe von Aleppo in Syrien, wo Iyad Albakkar Alabdullah und seine Frau Ruba Osman damals lebten. „Trotzdem“, sagt Ruba Osman, „hätten wir damals nicht gedacht, dass wir noch einmal bei Null anfangen würden.“ Doch das Paar erlebte einen Wendepunkt. Nicht etwa mit einem Hauseinsturz durch eine der Bomben. Der Wendepunkt kam an dem Tag, an dem die gemeinsame Tochter starb.

Einen Monat war das Mädchen erst alt – und die Kleine verlor ihr Leben, weil die Familie es zu keinem Krankenhaus bringen konnte. „Wir hatten solche Angst um unsere Kinder“, erzählt Ruba, die gerne geduzt werden möchte, sechs Jahre später in einem kleinen Büro der Caritas in Bautzen.

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Ihr Mann entschied sich, das Land zu verlassen. Was folgte, war eine mehr als 100 Tage lange Flucht. Manchmal mit dem Bus. Überwiegend zu Fuß. Er zweifelte, als er vom Tod eines Freundes erfuhr – lief dann dennoch weiter. Im Dezember 2014 erreichte er Deutschland.

Mitten auf dem Meer versagte der Bootsmotor

Ein Jahr später etwa kam Ruba hinterher. Auch sie floh, gemeinsam mit den beiden Kindern. Vier und anderthalb Jahre waren diese damals alt. „Wir waren mitten auf dem Meer, es war kein Land in Sicht – da ist der Motor vom Boot kaputt gegangen“, erinnert sich Ruba an die schlimme Zeit. Von den 50 Menschen an Bord konnten sieben schwimmen, die Zahl hat sich ihr eingebrannt.

Und auch diese Erinnerung hat sie noch deutlich im Kopf, sie reibt sich ihre Handgelenke, als sie davon erzählt: „Ich habe ein Kopftuch genommen und die Kinder an mich gebunden. Die Vorstellung, sie im Meer zu verlieren…“ – sie bricht ab, legt ihre Hände vor ihr Gesicht. Dann sagt sie: „Wir haben einfach nur Sicherheit gesucht.“

Die Anfangszeit in Deutschland, die war trotzdem schwer. Ein Familienmitglied in der Heimat erlitt einen Schlaganfall, auch den Kindern ging es nicht gut. Da war die heimtückische Bronchitis, die einfach nicht verschwinden wollte – und da war die Angst, die die Kleinen immer wieder heimsuchte. „Mein Sohn hat immer noch Probleme zu sprechen“, sagt Ruba, Zeichen eines Traumas.

Aber da war eben auch dieses positive Erlebnis in Deutschland. Diese Erfahrung, Hilfe zu bekommen. Zum Beispiel von Bautzenern, die die syrische Familie, als sie noch im Spreehotel wohnte, mit dem Auto abholten, um ihnen bei Einkäufen zu helfen. Oder die Hilfe in den Sprachkursen und von vielen Engagierten.

Fahrradunterricht für syrische Frauen

Das, was die beiden erfahren haben, das wollen Ruba und Iyad in Bautzen zurückgeben. Iyad hat und Ruba wird bei der Caritas in Form einer Teilzeitstelle als Migrationsberater für den Stadtteil Gesundbrunnen arbeiten, und beide engagieren sich ehrenamtlich in verschiedenen Caritas-Projekten.

Die Liste ist lang. „Wir haben damals sofort mit dem Sprachkurs angefangen – und mit dem Ehrenamt“, erzählt Ruba. Sie lacht, ihre Stimme überschlägt sich fast: „Ich habe im Mehrgenerationenhaus kochen geholfen, von älteren Leuten stricken gelernt und sie zu Arztpraxen begleitet.“ Die heute 32-Jährige organisierte mit einer Freundin gemeinsam Treffen für Bautzener mit Migrationshintergrund, um gemeinsam die Sprache zu lernen und sich über die Kultur auszutauschen.

Ruba organisierte ein Frauenschwimmen, weil sie weiß, dass viele Frauen in ihrer Heimat nicht schwimmen können. Und sie dolmetscht im Frauenschutzhaus. Sie hilft anderen Frauen, meist aus dem arabischsprachigen Raum, die versuchen, hier Fuß zu fassen. Gerade sucht sie mit zwei von ihnen nach Praktikumsplätzen. Überhaupt hat sie viele Pläne. Frauen in ihrer Heimat fahren in der Regel kein Fahrrad – sie will deshalb speziell für diese Frauen Kurse organisieren. Und Computerkurse. Und Schwimmkurse.

„Oft heißt es, arabische Leute haben keinen Respekt vor Terminen“, erzählt Ruba. Sie will mit diesem Vorurteil aufräumen: „Das ist es nicht, sie haben oft Angst, weil sie nicht genug verstehen.“ Vor allem Frauen würden sich oft einigeln – sie will ihnen helfen, sich mehr zuzutrauen.

In Syrien als Zahnarzt gearbeitet

Auch Iyad half vielen arabischsprachigen Menschen bei Arztbesuchen. Mit einem Mann fuhr der 35-Jährige, der so warm lächelt, mehrere Male gemeinsam nach Dresden. Der Mann litt an Krebs, Iyad half mit Übersetzungen. Ein anderer Mann brauchte eine Spezialbehandlung an den Augen, auch da übersetzte Iyad.

„Mir hat das auch geholfen, die medizinische Fachsprache zu lernen“, sagt Iyad. Denn: In Syrien hat er als Zahnarzt gearbeitet, sieben Jahre lang eine eigene Praxis gehabt. In Deutschland durfte er bisher nicht als solcher arbeiten. Nun tut er alles dafür, dass das nicht so bleibt. Gerade hat er eine Prüfung für medizinische Fachsprache bestanden und sucht jetzt nach einem Praktikum oder einer Stelle als Assistenzarzt.

Und auch Ruba hat ein klares Ziel vor Augen; hofft, bald ebenfalls ihren Beruf aus der Heimat, nämlich den als Englischlehrerin, wieder ausüben zu können. Gerade hat sie eine Weiterbildung absolviert, das Zertifikat zeigt sie stolz vor.

Sie wollen mit Vorurteilen aufräumen

Vor allem eine Sache ist den beiden wichtig: „Wir wollen Deutschland Danke sagen“, sagt Ruba – dann bricht ein Schwall an Worten aus ihr hervor. „Wir wollen arbeiten, wir wollen Steuern zahlen, wir wollen nicht nur faulenzen, wir wollen was machen – wir wollen etwas zurückgeben, uns einbringen.“

Es ist im Übrigen nicht das einzige Vorurteil, mit dem die beiden brechen wollen. Auf Fragen antwortet meist Ruba, manchmal auch wenn sie an ihren Mann gestellt sind. Ziele hat sie, will arbeiten. Ob es ihrem Mann schwer fiel, das zu akzeptieren, wo es in der Heimat doch anders war? Wo es eben unüblich ist, das die Frau Fahrrad fährt? Er grinst kurz, setzt zur Antwort an – da sagt Ruba: „Nein, fiel es nicht. Wir sind hier ja in Deutschland.“

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