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Wer will schon das Virus einschleppen ...

Angesichts der Corona-Lockerungen wächst im Kreis Görlitz der Wunsch nach mehr Besuchen in Pflegeheimen. Doch das ist nicht so einfach.

Rainer Wolf besucht seine Bekannte Brigitte Fietze. Sie lebt im Alten- und Pflegeheim des DRK in Görlitz-Königshufen.
Rainer Wolf besucht seine Bekannte Brigitte Fietze. Sie lebt im Alten- und Pflegeheim des DRK in Görlitz-Königshufen. © Nikolai Schmidt

Cornelia Brussig erfuhr aus der Sächsischen Zeitung, dass ein spezielles Telefonat kommen könnte. "Es kam aber keins", sagt die Bereichsleiterin der stationären Pflege beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Görlitz.  Angekündigt hatte den Anruf vor Kurzem  Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) während ihres "Mensch-zu-Mensch"- Gesprächs in Görlitz. Auf dem Markt an der Elisabethstraße stellte sie sich dabei den Fragen der Görlitzer.  

Wie denen von Walter Krause. Er hatte der Ministerin dabei über sein Problem mit den Besuchsregelungen im ASB-Pflegeheim Görlitz berichtet. Er dürfe seine Frau nicht auf dem Zimmer besuchen und sie nur eine, höchstens zwei Stunden im Rollstuhl ausfahren. Der Mann sprach vom Wegsperren und forderte die Ministerin auf, die Heime zu öffnen. 

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Ministerin Petra Köpping im Gespräch mit Bürgern auf dem Markt an der Elisabethstraße in Görlitz.
Ministerin Petra Köpping im Gespräch mit Bürgern auf dem Markt an der Elisabethstraße in Görlitz. © Nikolai Schmidt

Wie handhaben es Heime mit Besuchen?

Wenn Frau Köpping bei Frau Brussig angerufen hätte, dann hätte die Ministerin erfahren, dass die Ausfahrzeiten nicht mehr an starre Zeiten gebunden sind. Mittlerweile sind viele Bewohner sehr lange und nicht nur mit ein oder zwei Personen unterwegs. Betreten der Wohnbereiche ist derzeit nicht möglich. Das sei personell und organisatorisch nicht umzusetzen. "Der momentane Besuchsdienst fordert unseren Mitarbeitern sehr viel ab", erklärt Frau Brussig. Der Mehraufwand werde zusätzlich zu der ohnehin schwierigen Arbeit geleistet. 

Wie im Rauschwalder ASB-Heim machen es sich alle Pflegeheime nicht leicht mit den Corona-Auflagen für ihre Bewohner und deren Angehörige. Das ergab eine SZ-Umfrage. Im Zentralhospital Görlitz, einer Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt Oberlausitz (Awo), dürfen pro Bewohner zwei Besucher für eine Stunde ins Heim kommen, mit Anmeldung. Im Pflegeheim des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Königshufen ist für jeden Bewohner ein Besuch für eine Stunde in der Woche erlaubt. Im Pflegestift Rauschwalde dürfen maximal zwei Angehörige pro Bewohner für 30 Minuten bleiben. Die Diakonie St. Martin Rothenburg legte für ihre Einrichtungen Regelungen fest, die von baulichen Gegebenheiten und personellen Ressourcen abhängig sind. 

So unterschiedlich die Besuchskonzepte in den Heimen sind, so einheitlich sind die Vorschriften, was Mund-Nasen-Schutz, Desinfektion der Hände und Abstand halten betrifft. Ohne Mund-Nasen-Bedeckung bleiben Besucher draußen - ebenso Menschen mit Erkältungssymptomen. 

Dürfen Heimbewohner mal mit nach Hause?

In allen befragten Heimen ist es gestattet, Heimbewohner nach Absprache für eine bestimmte Zeit, zum Beispiel übers  Wochenende, mit nach Hause zu den Angehörigen zu nehmen. Allerdings müssen dann alle Kontaktpersonen angegeben werden.

Wie ist die Akzeptanz der Besuchseinschränkungen?

"Im Großen und Ganzen halten sich Angehörige, Besucher und Dienstleister an die Regeln", erklärt Carsten Seitz, Fachbereichsleiter Altenhilfe der Awo. Allerdings schwinde die Akzeptanz. Spiegelbildlich zur Situation in der Gesellschaft. "Warum soll das vor Pflegeeinrichtungen Halt machen?", fragt Seitz. Im Pflegestift Rauschwalde gibt es wie in den anderen Heimen einige Besucher, die an Maskenpflicht und Desinfektion erinnert werden müssen. In keinem der befragten Heime wurden bislang Besuchsverbote ausgesprochen. Sie wären jedoch eine Möglichkeit, Unbelehrbaren zu begegnen, sagt Seitz. 

Auch der Landkreis schätzt ein, dass die Mehrheit der Besucher sich an die Regeln halten.  Niemand wolle schuld sein an der Einschleppung des Covid-19-Virus' in ein Pflegeheim."Grundsätzlich dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns noch immer in der Pandemie befinden", gibt Pflegekoordinatorin Jana Horcickova zu bedenken. Vor allem Heimbewohner mit Demenz verstehen Hygiene- und Abstandsgebote nicht. "Umso mehr müssen andere auf die Einhaltung der Regeln achten", sagt sie.

Wären einheitliche Regelungen besser?

Die unterschiedlichen Besuchs-Bestimmungen sind für viele Angehörige verwirrend. Die meisten Heimleiter sind aber froh, dass sie für ihre Einrichtung individuelle Regeln finden konnten. Rüdiger Neumann, Vorstand des Görlitzer DRK: "Zentrale Vorgaben helfen nur denjenigen, die sich scheuen, Verantwortung zu übernehmen", sagt er. Vielmehr sei es wichtig, dass seitens der Politik geregelt ist, wer die Handlungskompetenz hat. "Das sind wir als Heimträger. Insofern können wir Regelungen auf unsere Situation angepasst definieren und durchsetzen." 

Was sagt der Landkreis?

Einen guten Überblick hat Jana Horcickova, Pflegekoordinatorin im Kreis: "Es gibt nicht die Guten und nicht die Bösen. Jeder versucht, vertretbare Lösungen zu finden: die Heimleitungen für den Schutz der Bewohner und Mitarbeiter, die Angehörigen für das Besuchsrecht." Das führe regelmäßig zum Dilemma. 

Über Möglichkeiten, das zu lösen, tauscht sich der  Heimleiter-Stammtisch aus. Der Landkreis sitzt mit am Tisch. Von Erfahrungen einzelner profitieren alle Leiter, denn Besuchsregeln werden unter Beachtung des  Infektionsgeschehens ständig überprüft. "Dabei wird abgewogen zwischen dem Schutz der Heimbewohner und Einschränkungen der persönlichen Freiheit", sagt Frau Horcickova. 

Der Freistaat hat am Dienstag aber nochmal deutlich alle Heimleitungen gebeten, die Besuchsregeln in einem "angemessenem Verhältnis zwischen dem Schutz der versorgten Personen und deren Persönlichkeits- und Freiheitsrechten" festzulegen.

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