merken
PLUS Bischofswerda

Bischofswerda: Zwei Bäckereien schließen

Die Bäckermeister gehen in den Ruhestand. Nachfolger haben sie gar nicht erst gesucht, denn die kleinen Betriebe haben es schwer.

Gerold Hentzschel geht zum 1. Oktober in den Ruhestand. Er hatte viele Rezepte seines Vorgängers Johannes Schmeiß übernommen und damit den Geschmack seiner Kunden getroffen. Bei ihnen bedankt er sich für ihre Treue.
Gerold Hentzschel geht zum 1. Oktober in den Ruhestand. Er hatte viele Rezepte seines Vorgängers Johannes Schmeiß übernommen und damit den Geschmack seiner Kunden getroffen. Bei ihnen bedankt er sich für ihre Treue. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Auf den leckeren Mohnstollen und die Kirschtaler von Gerold Hentzschel müssen die Bischofswerdaer künftig verzichten. Der Bäckermeister schließt zum 1. Oktober sein Geschäft an der "Kinostraße". Nach 50 Berufsjahren geht der 64-Jährige in den Ruhestand.  

Seitdem sein langjähriger Mitarbeiter vor Monaten schwer erkrankt ist, arbeitet Gerold Hentzschel allein in der Backstube, oft 13, 14 Stunden am Tag. "Das hält keiner auf Dauer durch", sagt der Schmöllner, der sich vor zwölfeinhalb Jahren selbstständig machte, indem er die ehemalige Bäckerei Schmeiß pachtete. Um die Lage ein wenig zu entspannen, hilft jetzt Altmeister Johannes Schmeiß gelegentlich seinem Nachfolger. Inzwischen ist er 80 Jahre alt. 

Anzeige
Volleyball-Supercup 2020 in Dresden
Volleyball-Supercup 2020 in Dresden

Das gab es noch nie: Der Supercup kommt nach Dresden in die Margon Arena und Ihr könnt live dabei sein! Sichert Euch jetzt online Tickets und unterstützt das Team.

Das Weihnachtsgeschäft könne er allein nicht bewältigen, begründet Gerold Hentzschel, warum er jetzt und nicht erst am Jahresende schließt. 

Mindestens drei weitere Geschäfte schließen

Fünf Bäcker, die ihren Betriebssitz in der Stadt oder einem ihrer Ortsteile haben, gibt es noch in Bischofswerda. Am Jahresende hört ein weiterer aus Altersgründen auf - Jürgen Kaufer. Er wird dann 67 Jahre alt sein. 

Von seiner Bäckerei in Goldbach aus beliefert Jürgen Kaufer drei Geschäfte in Bischofswerda. Für den Laden mit Café in der Schiebock-Passage sucht er einen Nachmieter, der im Idealfall die Ladeneinrichtung von ihm  übernimmt. Gelingt ihm das nicht, wolle der Vermieter einen neuen Bäcker fürs Einkaufszentrum in der Südstadt suchen, sagt Jürgen Kaufer. 

Das Geschäft an der Bahnhofstraße im eigenen Haus bleibt ab Januar 2021 geschlossen. Später werde er es vielleicht zu einer kleinen Wohnung ausbauen, stellt Jürgen Kaufer in Aussicht. Den Laden im Rewe-Center, wo Kaufers ebenfalls Eigentümer sind, wolle das Handelsunternehmen kaufen, berichtet der Bäckermeister. 

Backen wird er ab kommendem Jahr nur noch montags für das Geschäft mit Eiscafé, das seine Tochter in Bretnig betreibt. "Dadurch können die Bäcker dort am Montag frei machen." Auf Bestellung sollen an diesem Tag dann auch in Goldbach noch Backwaren über den Ladentisch gehen. 

Scharfe Kritik am Bau neuer Discounter

Jürgen Kaufer führt die 1908 von seinem Großvater gegründete Bäckerei in dritter Generation. Er hätte sie innerhalb seiner Familien weitergeben können. Warum er es nicht tut, hat mehrere Gründe - branchenspezifische ebenso wie Entwicklungen in der Stadt Bischofswerda,  die der Bäckermeister äußerst kritisch sieht. 

An erster Stelle nennt er den Neubau von Verbrauchermärkten, die dem Handwerk aus seiner Sicht das Wasser abgraben. Aldi baut neu, Edeka will bauen, Netto hat Umzugspläne. "Wer braucht all die Märkte? In zehn, 15 Jahren wird es nur noch 9.000 Einwohner in Bischofswerda geben", sagt der Handwerksmeister. 

Sachsenweit gibt es ein Bäckersterben

Die Zahl der Betriebe im sächsischen Bäckerhandwerk sinkt kontinuierlich. Nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks waren im Jahr 2019 insgesamt 970 Bäckereien in Sachsen in der Handwerksrolle eingetragen, 25 weniger als ein Jahr zuvor.

Ein Grund dafür ist, dass viele Inhaber der überwiegend kleinen Betriebe keinen Nachfolger finden, wenn sie in den Ruhestand gehen. Das frühe Aufstehen ist nach Einschätzung des Landesinnungsverbandes dabei gar nicht einmal das Hauptproblem. Gegen die industriell hergestellten Backwaren in den Discountern zu bestehen, sei derzeit die größte Herausforderung im Bäckerhandwerk, heißt es. Der Druck sei enorm. Doch um ein handwerkliches Produkt herzustellen, ist mehr personeller Aufwand notwendig, und der hat nun mal seinen Preis. 

Auch ausufernde Bürokratie - aktuelles Beispiel: Bonpflicht - demotiviert. So berichtet Gerold Hentzschel, dass er in ein neues Kassensystem hätte investieren müssen, wenn er seinen Kleinstbetrieb weiterführen würde. 

Nur noch drei Bäcker mit Betriebssitz Bischofswerda

Mit der Schließung der beiden Bäckereien verliert Bischofswerda mit einem Schlag mindestens vier Geschäfte - vorausgesetzt, für die Schiebock-Passage findet sich ein neuer Bäcker.

Ab dem Jahr 2021 wird es nur noch drei Schiebocker Bäcker mit insgesamt vier Geschäften im Stadtgebiet geben: die Betriebe Haufe, Teschner und Zimmermann. Hinzu kommen aktuell sieben Filialen von Bäckereien, die außerhalb Bischofswerdas ihren Sitz haben. 

"Rathaus-Bäcker" Michael Teschner bleibt seinen Kunden noch einige Jahre erhalten. Er ist jetzt 60 und möchte bis 65 arbeiten, "wenn ich gesund bleibe". Wie es mit dieser Bäckerei danach weiter geht, ist offen. Ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht. 

Steffen Haufe, jetzt 57 Jahre, denkt ebenfalls noch nicht ans Aufhören. "Mein Beruf macht mir noch heute jeden Tag Spaß", sagt er. 

Neuer Mieter für den Backstand im Netto-Markt

Und noch einen Wandel gibt es in Bischofswerda: Die Bautzener Bäckerei Bläschke zieht zum 1. September in den Verkaufsstand im Netto-Markt an der Dresdner Straße, den zuvor die Bäckerei Eisold betrieben hatte. 

Das Geschäft an der Kirchstraße ist dann nur noch vormittags geöffnet - und auch nur noch vorübergehend. Sobald der Mietvertrag endet, werde er dieses Geschäft aufgeben, sagt Bäckermeister Willy Bleschke. Gespräche mit dem Vermieter laufen. Damit könnte in der Innenstadt schon bald ein weiterer Laden leer stehen. 

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bischofswerda