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Wie Ingeburg Stein den Angriff erlebte

Am 24. August 1944 fallen Bomben auf Freital-Birkigt. 75 Jahre später erinnert sich eine Augenzeugin daran, "als sei es gestern gewesen". 

Von dem Gebäude auf der Coschützer Straße 83 blieb nach einem Bombentreffer nur noch ein Teil der Fassade stehen.
Von dem Gebäude auf der Coschützer Straße 83 blieb nach einem Bombentreffer nur noch ein Teil der Fassade stehen. © Städtische Sammlungen Freital

Der 24. August 1944, ein Donnerstag, ist ein schöner Sommertag. Die Sonne scheint über dem Tal der Weißeritz, das Thermometer zeigt dreißig Grad Celsius. Die Bauern ernten das Getreide auf den Feldern, in den Fabriken wird gearbeitet, die Kinder sind in der Schule. Doch es ist eine trügerische Idylle. Die Welt brennt, und plötzlich kommt der Krieg auch nach Freital.

In der Mittagszeit heulen in der Stadt die Sirenen. Fliegeralarm. Nicht das erste Mal. In Birkigt nimmt das zunächst keiner so richtig ernst. „Es gab immer mal Alarm. Aber wir wähnten uns sicher. Kein Mensch wusste, dass wir hier Kriegsproduktion hatten“, sagt Ingeburg Stein, die damals Böhme mit Nachnamen hieß. Für die Kinder ist es ein Schauspiel: „Mutti, ich will die Silberfische sehen“, bettelt die achtjährige Ingeburg, als am wolkenlosen Himmel die Flugzeuge auftauchen. Bei der Großmutter im Oberstübchen auf der Gitterseer Straße 38 ist der beste Beobachtungsposten.

„Auf einmal fielen die Bomben“, sagt Ingeburg Stein. „Wir rannten die Treppe runter. Durch eine Druckwelle schmiss es mich hin, und ich verlor dabei meine Tasche. Wir schafften es gerade noch in den Keller der Scheune. Es krachte, und hinter uns stürzten die Wände ein.“ Dorothea und Alfred Böhme nehmen ihre Tochter in die Mitte, es ist ihr einziges Kind. „Dann war alles finster. Wir waren verschüttet und dachten, das ist das Ende. Ich habe mich auf das Sterben vorbereitet, nicht mehr geschrien und nicht mehr gestrampelt.“

Ingeburg Stein, die im November 84 wird, sitzt an ihrem Küchentisch, erzählt und kämpft mit den Tränen. 75 Jahre ist das jetzt her. „Aber das vergesse ich nie. Es ist, als wäre es gestern gewesen. Es war so entsetzlich.“ Sie und ihre Eltern überleben. „Dass wir da rausgekommen sind, ist ein Wunder“, sagt sie. „Mein Vati räumte mit aller Kraft die Trümmer beiseite und holte die Familie ins Freie.“ Auch die Großeltern, die im Hauskeller auf dem gleichen Grundstück Zuflucht gesucht hatten, werden am nächsten Tag ausgegraben und lebend geborgen, wenn auch schwer verletzt.

Einer der beiden Brüder ihres Vaters, die gemeinsam den Landwirtschaftsbetrieb Gebrüder Böhme führen, überlebt den Angriff nicht. Mit ihm sterben weitere sieben Menschen in einem Keller des Bauernhofes Gitterseer Straße 29. Unter den Opfern ist mit Reinhard Zimmer ein Schulkamerad von Ingeburg Böhme. Den Bergungskräften bietet sich ein grausames Bild, das sie zum Glück nicht selbst sehen muss. Beim Erzählen versagt ihr fast die Stimme: „Seine Mutter hielt Reinhard noch im Arm. Aber sein Kopf war abgerissen.“

Im Bauerngut auf der Gitterseer Straße 29 starben beim Angriff acht Menschen, darunter einer der Brüder von Ingeburg Steins Vater. Foto: Städtische Sammlungen Freital
Im Bauerngut auf der Gitterseer Straße 29 starben beim Angriff acht Menschen, darunter einer der Brüder von Ingeburg Steins Vater. Foto: Städtische Sammlungen Freital © undefined
Kameraden des Deutschen Roten Kreuzes halfen bei der Bergung der Leichen in Birkigt. Die meisten Opfer wurden in Massengräbern bestattet. Foto: Städtische Sammlungen Freital
Kameraden des Deutschen Roten Kreuzes halfen bei der Bergung der Leichen in Birkigt. Die meisten Opfer wurden in Massengräbern bestattet. Foto: Städtische Sammlungen Freital © undefined
Ingeburg Stein hat den Bombenangriff auf Birkigt miterlebt. Ihr Elternhaus wurde dabei zerstört. Seit 1944 wohnt sie in der Gitterseer Straße 44. Foto: Thomas Morgenroth
Ingeburg Stein hat den Bombenangriff auf Birkigt miterlebt. Ihr Elternhaus wurde dabei zerstört. Seit 1944 wohnt sie in der Gitterseer Straße 44. Foto: Thomas Morgenroth © undefined
Ingeburg Steins Eltern bekamen einen Ausweis für Fliegergeschädigte. Sie hatten alles verloren. Foto: Thomas Morgenroth
Ingeburg Steins Eltern bekamen einen Ausweis für Fliegergeschädigte. Sie hatten alles verloren. Foto: Thomas Morgenroth © undefined

Am 24. August vor 75 Jahren legen amerikanische Bomber in nur sieben Minuten den Freitaler Stadtteil Birkigt in Schutt und Asche. 244 Menschen sterben. Das jüngste Opfer ist zwei Monate alt, das älteste 87 Jahre. Die 45 ausländischen Toten, zum Teil erst seit wenigen Wochen als Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene in Freital interniert, stammen aus der Sowjetunion, Belgien, Frankreich und England. 34 Häuser werden zerstört, 64 schwer beschädigt. Bauerngehöfte, Wohn- und Geschäftshäuser sowie der Birkigter Gasthof gehen verloren. Auch Rüstungsbetriebe treffen die Bomber. Dazu gehören die Kunstmöbelfabrik Anton Schega, die Munitionsabdeckungen und Bugradklappen für Junkers-Flugzeuge baut, und die König-Friedrich-August-Hütte Dresden-Dölzschen, die Panzerlüfter herstellt.

Das eigentliche Ziel aber, die Produktionsanlagen der Rhenania-Ossag, verfehlen die Bomber. Die am Mineralöl-Programm der Wehrmacht beteiligte Raffinerie an der Coschützer Straße, produziert damals als einziges Werk in Deutschland jährlich etwa 6 000 Tonnen des elektrisch veredelten Spezialschmieröls Voltol. Es ist für den Luftwaffeneinsatz in höheren, sehr kalten Luftschichten bestimmt.

Wie Juliane Puls von den Städtischen Sammlungen Freital weiß, sollen an jenem Tag, von England startend, etwa 1 300 Bomber und über 700 begleitende Jagdflugzeuge der US-amerikanischen Luftwaffe strategische Ziele der deutschen Treibstoffindustrie in Nord- und Mitteldeutschland, im Sudetenland sowie in Böhmen anfliegen. An diesen Angriffen ist ein Kampfgeschwader mit 78 viermotorigen B-17-Bombern beteiligt, die ihre zerstörerische Fracht über der Rhenania-Ossag ausklinken sollen. Aber die Piloten markieren das falsche Zielgebiet, die Raffinerie bleibt unbeschädigt.

Bei diesem ersten Luftangriff in der Region überhaupt, detonieren kurz vor 13 Uhr etwa 520 Bomben in Birkigt, Potschappel, Gittersee, Dölzschen und Coschütz. Unmittelbar nach dem Angriff scheint alles zu brennen. „Staubwolken verdunkelten den Himmel“, erinnert sich Ingeburg Stein. Verbrennendes Öl und Paraffin verpesten die Luft. Das öffentliche Leben erstirbt, und tagelang arbeiten sich Bergungstrupps von Technischer Nothilfe, Wehrmacht und Luftwaffe, unterstützt von örtlicher Feuerwehr und Deutschem Roten Kreuz, durch die grauenvolle Zerstörung.

Die meisten Todesopfer sowie die größten materiellen Schäden beklagen die Fabriken Bühler und Hänsel. Die Mühlenbau-Anstalt Bühler produzierte Bauteile des Mineralölprogramms der Luftwaffe sowie gepanzerte Schlitten und Sanitätsschlitten. Dort verlieren 58 Menschen ihr Leben, bei Otto Hänsel 82 Menschen. Die Maschinenfabrik fertigt Teile für Kampfwagenkanonen, Kanonenwagen und Munition.

Ein 1950 aufgestellter Gedenkstein sowie eine seit 2014 im Turm des ehemaligen Birkigter Spritzenhauses hängende Friedensglocke, die am Sonnabend zwischen 13 Uhr und 13.07 Uhr läuten wird, mahnen die heutige Generation, den Frieden zu wahren. „Aber die Menschen werden nicht schlau“, sagt Ingeburg Stein angesichts der täglichen Schreckensmeldungen in ihrer „Muhme“, der Sächsischen Zeitung. Sie hat vor 75 Jahren ihr Elternhaus verloren, Onkel, Tanten, Freunde, Bekannte. Ihr ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt. Darunter, gibt sie freimütig zu, leidet sie heute noch. Sie schüttelt traurig den Kopf. „Warum begreift es die Welt nicht endlich.“

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Zum 75. Mal jährte sich der Angriff auf Birkigt. Das Hauptziel wurde verfehlt – und dennoch viel Leid gebracht.

Stilles Gedenken anlässlich des 75. Jahrestages der Bombardierung von Birkigt am 24. August. Beginn ist 12.30 Uhr am Gedenkstein an der Blumenstraße. Im alten Spritzenhaus an der Gitterseer/ Bannewitzer Straße, wird von 13 Uhr bis 13.07 Uhr die Friedensglocke geläutet.

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