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Ich hatte nie Zeit, ein Haus zu besetzen

Dresdens Chefdirigent Christian Thielemann spricht im großen SZ-Interview über seine Herkunft, Pegida und wie es ist, vor 40 Millionen Zuschauern zu musizieren.

Christian Thielemann
Christian Thielemann © Getty Images

Zwei Jubiläen werden den Dresdner Dirigenten Christian Thielemann in der nächsten Zeit groß in den Fokus heben. Er feiert 40-jähriges Bühnenjubiläum und wird im April 60. Neue Bücher über ihn und viele CD-Veröffentlichungen wird es geben. Bevor der Hype losgeht, sprach die Sächsische Zeitung mit ihm über die Trotzigkeit als Anfänger, schlaflose Nächte vor seinem ersten „Lohengrin“ und das ungewöhnlich schöne Leben in der Stadt Dresden. 

Herr Thielemann, unlängst haben Sie in Wien das Neujahrskonzert dirigiert. Wie ist das mit 40 Millionen Menschen in 90 Ländern am Bildschirm?

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Ich war komischerweise kaum nervös. Das Konzert wird ja dreimal gegeben und jedes Mal aufgenommen. Also sind die Abläufe gleich. Ich habe selten ein Konzert so genossen wie dieses schöne Neujahrskonzert. 

Sie wirkten nicht so gelöst wie bei den Dresdner Konzerten, wo Sie schon mal in die Knie gehen. Geben Sie zu, Sie waren doch angespannt?

Nein, ich war gelöst. Allerdings musste ich auf meinen gut sitzenden Cut Rücksicht nehmen. Wir haben wunderbare Nuancen im Minimalbereich offenbart, die man nur entdecken kann, wenn sie ein großartiges Orchester wie die Wiener Philharmoniker anbietet. Und ich hatte eine interessante Premiere. Als junger Kapellmeister habe ich auch Strauß’ „Zigeunerbaron“ dirigiert. Wie das an kleinen Theatern üblich ist, ohne Probe. Nun habe ich die Ouvertüre zum „Zigeunerbaron“ zum ersten Mal geprobt. Auch daher kommen die Nuancen. 

Dirigieren Sie anders, wenn Sie in einem nicht einsehbaren Graben stehen?

Nicht bewusst, aber es könnte sein. Musizieren sollte keine Show, sondern von einer eigenen Körpersprache geprägt sein. Ein halbes Dirigentenleben braucht man, bis man diese Körpersprache gefunden hat. Früher hieß es, ich würde exzentrische Bewegungen machen. Die werden jetzt reduziert, und je vertrauter ich mit einem Orchester bin, umso mehr reichen kleinste Gesten und mitunter Andeutungen, um eine größtmögliche Konzentration der Musiker zu erreichen.

"Bitte korrigieren", zuweilen rief der Chef der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, im Graben des Festspielhauses an.
"Bitte korrigieren", zuweilen rief der Chef der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, im Graben des Festspielhauses an. © Arve Dinda /Bayreuther Festspiele GmbH

Sie feiern 40-jähriges Bühnen-Jubiläum und gelten weltweit als einer der besten Dirigenten. Dabei haben Sie das Dirigieren nie studiert. Wie geht das? 

Da gibt es wenig zu studieren. Man lernt es ja erst, wenn man es selbst macht. Ich habe in Berlin viel Gutes gehört und war dann mit 19 Jahren in der Praxis als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin. Ich habe ja gesehen, wie man eine Orchesterprobe macht oder auch nicht. Wieso sah das bei Herbert von Karajan so leicht aus, und wieso hatten andere solche Schwierigkeiten?

Woher nahmen Sie als junger Mann den Mut, sich vor erfahrene Musiker zu stellen? Wie oft sind Sie abgeblitzt? 

Bei den ersten Proben gab es schon manche Bemerkungen der Musiker. Aber mir war klar, das ich da durch musste, sonst hätte ich verloren. Dann kaschiert man die eigene Unsicherheit mit einer flapsigen Bemerkung oder hört nicht hin, was da an Äußerungen kommt. Nur eins zählte: Ich hatte Lust zu dirigieren. 

Sie wurden mit gerade mal 29 Jahren in Nürnberg der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands. Ab wann wird man vom Orchester akzeptiert? 

Man wächst mit jedem Orchester, mit jeder Einladung an ein anderes Haus, und zwar, je gelassener man an Dinge herangeht. Die Musiker merken die Nervosität. Je freundschaftlich-entspannter ich mit ihnen umgehe, umso besser läuft es. Das weiß ich heute. Damals als junger Mann habe ich dieses fehlende Wissen durch meine eigene Begeisterung kompensiert, getreu dem Motto: Hoppla, jetzt komme ich. Ich habe nächtelang nicht schlafen können, als ich endlich meinen ersten „Lohengrin“ machen durfte. Da habe ich manchen Fehler gemacht. 

Sie wurden sehr kritisiert, weil Sie „Palestrina“ von Hans Pfitzner spielten, der als Antisemit ein problematischer Komponist ist. Für Sie offenbar nicht?

Ich fand und finde das Stück so großartig und wurde nach dem Nürnberger Erfolg zur Jubiläumsproduktion 50 Jahre Covent Garden nach London eingeladen. Presse und Publikum waren begeistert. Wir sind damit als Gastspiel sogar an die Metropolitan Opera nach New York gereist. Ich habe mich natürlich mit Pfitzners Biografie beschäftigt, aber für mich stand das Stück im Mittelpunkt. Wer fragt, welche Meinungen Mozart oder Beethoven gehabt haben? Ebenso ist unwichtig, welche politische Meinung ich habe. Wichtig ist, wie meine Bruckner-Interpretation ist. 

Silvester 2017 haben Sie in Dresden Ufa-Schlager auch aus Durchhaltefilmen der Nazis musiziert. Das war heikel. 

Im umfangreichen Programmheft wurde das sehr deutlich kommentiert, und wenn Sie sich die wunderbaren Arrangements anhören, die Elisabeth Kulman gesungen hat, dann können Sie durchaus den teilweise düsteren Kontext der Zeit vernehmen. Ich selbst stamme nicht aus einem politisierenden Milieu, habe ja auch nicht protestiert, obwohl ich dazu aufgefordert worden bin, weil ich so auf Musik fixiert war. Es gab gar keine Zeit, ein Haus zu besetzen, wie andere in meiner Generation. Ich wollte keine Farbe im Haar und fand nichts daran attraktiv, in einer dreckigen Bude zu übernachten. Ich bin wertkonservativ und liberal aufgewachsen. Bei uns wurde nicht mit dem Finger auf andere gezeigt. Für mich war nur die Musik wichtig. Die stets nach ihrer Qualität ausgewählt wurde, sonst könnte man auch nicht Richard Wagner oder Hans Werner Henze musizieren, beide mit ihren divergierenden Haltungen. Ich finde nicht, dass ich durch die Auswahl der von mir bevorzugten Komponisten politisch Stellung beziehe. Im Restaurant esse ich auch nur, was mir schmeckt. 

Mit welchen Komponisten kommen Sie nicht zurecht? 

Falsche Frage! Es gibt nur welche, mit denen ich wenig Erfahrung habe. Gustav Mahler habe ich gerne gehört, aber als Dirigent bin ich lange auf Distanz gegangen. Anders ist es bei Bruckner und Wagner, die habe ich immer gemacht. Karajan hat mir die Franzosen nahegebracht. Übers Ballett habe ich Prokofjew entdeckt. Janácek und das italienische Repertoire schätze ich in der Oper. Allein in den drei Jahren als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin hatte ich es mit 60 Stücken zu tun. Manche haben mich angesprungen, andere weniger. So sollte ein Musiker damit umgehen, nicht eine Liste machen, was er noch machen sollte oder müsste. Ich vertraue meinem Bauchgefühl. 

Das Archivbild zeigt den Christian Thielemann (l.) und Festspielleiter Wolfgang Wagner  2002 nach dem Schlussapplaus für die "Meistersinger von Nürnberg" auf der Bühne im Bayreuther Festspielhaus. 
Das Archivbild zeigt den Christian Thielemann (l.) und Festspielleiter Wolfgang Wagner  2002 nach dem Schlussapplaus für die "Meistersinger von Nürnberg" auf der Bühne im Bayreuther Festspielhaus.  ©  dpa

Seit dem Jahr 2000 arbeiten Sie jeden Sommer bei den Bayreuther Festspielen. Wie wichtig ist Bayreuth für Sie? 

Sehr wichtig. Da habe ich eigentlich erst richtig Dirigieren gelernt. Dabei war der Anfang mehr als wundersam. Wolfgang Wagner als Festspielchef hatte nie auf meine Einladungen nach Nürnberg und Berlin reagiert, wenn ich dort Wagner machte. Dann plötzlich besuchte er mich in Chicago, wo ich die „Meistersinger“ dirigierte, und bot mir für 2000 eben diese in Bayreuth an. Damals war ich ein bisschen frecher und wollte mehr. Zu meiner Überraschung sagte er zu, mir 2002 den neuen „Tannhäuser“ zu geben. Und bevor ich eine einzige Note im Festspielhaus dirigiert hatte, gab er mir weitere Abende und ab 2006 den neuen „Ring“. 

Finanziell ist Bayreuth nicht attraktiv. Was fasziniert Sie dort so? 

Bayreuth ist ein Urerlebnis. Das ist der authentische Ort. Da hat Richard Wagner selbst gestanden. Das überwältigt mich jedes Jahr aufs Neue. Ich habe mich bei den Festspielen sofort wie ein Fisch im Wasser gefühlt und unglaublich viel von Wolfgang Wagner über Interpretationsfragen gelernt. Dort habe ich die musikalischen Assistenten schätzen gelernt, die aus Dresden kommen. Und seitdem kenne ich einen Teil der Musiker der Sächsischen Staatskapelle, die jeden Sommer in Bayreuth musizieren. Um die langen Abende, noch dazu bei der August-Hitze im nichtklimatisierten Festspielhaus durchzustehen, muss man daran arbeiten, die Gestik zu minimieren. Im Jahr 2000 habe ich auch mit den Wienern angefangen, im Konzert regelmäßig zu arbeiten, nachdem ich als sehr junger Kapellmeister mehrfach an der Wiener Staatsoper dirigiert hatte. 2003 war ich das erste Mal in Dresden. Alles nahm Fahrt auf. Freilich war der Preis der, dass ich nicht mehr nach New York und zu den großen amerikanischen Orchestern gefahren bin. Es fehlte die Zeit. 

Im Sommer 2018 in Bayreuth: Dirigent Christian Thielemann (l.), die Künstler Rosa Loy und Neo Rauch stellen ihre Neuproduktion der Richard-Wagner-Oper "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen vor. Loy und Rauch waren für Bühnenbild und Kostüme verantwor
Im Sommer 2018 in Bayreuth: Dirigent Christian Thielemann (l.), die Künstler Rosa Loy und Neo Rauch stellen ihre Neuproduktion der Richard-Wagner-Oper "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen vor. Loy und Rauch waren für Bühnenbild und Kostüme verantwor © dpa/Kathrin Zeilmann

Seit 2012 sind Sie Chef der Staatskapelle. Wie erleben Sie Dresden? 

Dresden ist etwas ganz Besonderes, die Kapelle auch. Die Stadt ist einmalig, das kulturelle Leben ungewöhnlich. Hier gibt es so viel Schönes.

Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet hier politische Strömungen wie Pegida solchen Zulauf hatten? 

Im Osten hat man einen guten Riecher, wenn man bevormundet wird. Deshalb reagieren die Leute hier, die das lange erlebt haben, anders als jene, die in einem sehr freien Staat aufgewachsen sind. Man ist hier misstrauischer, hält mit seiner Meinung hinterm Berg, weil das vielleicht Nachteile bringt. Und dann haben offenbar allerhand Leute das Gefühl, verunglimpft zu werden. Man muss doch eine andere Meinung nicht teilen, aber man muss jedem die Chance geben, sich zu äußern. Viele Menschen in Sachsen fühlen sich übergangen und nicht gehört. Also gärt es an der Oberfläche. 

Aufgrund solcher Äußerungen wurden Sie zum Pegida-Versteher gestempelt. 

Blödsinn, ich bin doch kein Pegida-Versteher. Nehmen Sie meinen Alltag. Die Menschen in einem Opernhaus gehören Dutzenden von Nationen an. Wir spielen Werke von Komponisten aus aller Welt. Also müssen wir Weltoffenheit nicht groß proklamieren. Jeder kann seine private Meinung haben. Wir müssen uns nur bei Beethoven einigen und den in einer entsprechend hohen Qualität bieten. Ohne Toleranz könnte ich Sänger oder Solisten nicht begleiten. 

Was stimmt Sie nachdenklich?

Mich schockiert, wenn mir gut 30 Jahre nach der Wende jemand sagt, dass der Osten vom Westen kolonialisiert worden ist, das kann ich nicht nachvollziehen. Aber: Was könnten Gründe sein, dass ein Teil der Bevölkerung glaubt, abgehängt und wieder wie 1989 an einem Punkt zu sein, wo es kein Weiter-so gibt?

 Naja, es läuft ja einiges schief. 

Allerdings! Wenn sich beispielsweise Polizisten in Berlin nicht mehr trauen, in bestimmte, clanüberwachte Straßen zu gehen, halte ich das für höchst bedenklich. Ebenso, wenn der ehemalige Bürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky vom SPD-Hoffnungsträger zum Buhmann wird, nur weil er immer wieder auf soziale Probleme hinweist. Die Umfragen zeigen ja, was dabei herauskommt, wenn man nicht auf Probleme reagiert. Die nächsten Wahlergebnisse werden bitter. 

Journalisten kritisieren Sie zuweilen heftig. Wie stecken Sie die Schläge weg?

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 Ach wissen Sie, mit zunehmendem Alter wird man so viel gelassener. Wenn Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen werden oder zugunsten einer Schlagzeile Dinge zugespitzt oder verdreht werden, dann ist das eher ein Problem derjenigen, die es schreiben.

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Bilder aus Christian Thielemanns Zeit in Dresden