merken
PLUS Sachsen

Leere Stühle, leere Kassen

Viele sächsische Gastronomen fürchten um ihre Existenz. Deshalb stellen sie am Freitag ihre leeren Stühle auf den Dresdner Neumarkt.

Sachsen lockert die Corona-Beschränkungen kommende Woche. Restaurants, Cafés und Hotels müssen aber zum großen Teil geschlossen bleiben, außer, sie bieten Essen zum Mitnehmen an.
Sachsen lockert die Corona-Beschränkungen kommende Woche. Restaurants, Cafés und Hotels müssen aber zum großen Teil geschlossen bleiben, außer, sie bieten Essen zum Mitnehmen an. © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Vor dem Fototermin werden die Stühle noch einmal geputzt. Eigentlich sollten sie längst vor dem Restaurants Dresden 1900 stehen. Doch nun stapelt Wirt Ricco Geithner die Stühle neben seinem schwarzen Transporter. Sie werden am Freitag Teil einer deutschlandweit einzigartigen Aktion werden. Über 500 Gastronomen und Eventbetreiber aus ganz Sachsen haben sich zusammengeschlossen, um für ihre Zukunft zu kämpfen. 

Die Corona-Pandemie hat sie größtenteils zum Nichtstun verurteilt und das mitten im Frühling, mitten im Saisonstart. Das Ostergeschäft 2020 ist schon Geschichte und nach den am Mittwoch bekannt gewordenen vorsichtigen Lockerungen der Kontaktsperre rechnen auch viele damit, dass das Pfingstgeschäft ebenso ausfallen könnte. 

Geld und Recht
Wer den Pfennig nicht ehrt
Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Denn während Baumärkte und kleine Geschäfte ab 20. April wieder öffnen dürfen, bleibt den Gastronomen nur der Liefer- oder Selbstabholservice. Er bringt aber allenfalls bis 15 Prozent des üblichen Umsatzes, heißt es vonseiten des Gastronomenverbandes Dehoga. Die Angebote seien keineswegs kostendeckend und eine Wette auf treue Kunden in Zukunft.

Hunderte leere Stühle und Tischen sollen auf dem Platz vor der Frauenkirche aufgestellt werden.
Hunderte leere Stühle und Tischen sollen auf dem Platz vor der Frauenkirche aufgestellt werden. © dpa/Jan Woitas

Überrascht hat die Entscheidung der Politik die sächsischen Gastronomen nicht wirklich, enttäuscht sind die trotzdem. Sie haben sich schon vor vier Wochen in Facebook-und Whatsapp-Gruppen organisiert. Hier entstand auch die Idee, einen Forderungskatalog an die Politik zu erarbeiten.

Denn trotz der vielfältigen Kreditangebote, Bürgschaftsübernahmen und Soforthilfen drohe ein Teil der Unternehmen leer auszugehen, sagt Kathleen Parma. Die Dresdner Unternehmensberaterin ist mit der IceRollsFactory selbst in der Gastronomie tätig. Viele Betriebe hätten bereits Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter beantragt. Bewilligt oder gar überwiesen sei nur wenig, sodass die Firmen bei den Lohnzahlungen in Vorleistung gehen mussten. 

Hinzu komme die Tatsache, dass viele Beschäftigte nur zum Mindestlohn eingestellt würden, erst Nacht- und Feiertagszuschläge sowie das Trinkgeld machten das Arbeiten in der Branche attraktiv. Das alles spiele aber bei der Berechnung des Kurzarbeitergeldes keine Rolle. Es beträgt 60 Prozent des Nettogehaltes. Wer Kinder hat, bekommt immerhin 67 Prozent. Die Gastronomen fordern nun in einem Brief an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) eine staatlich finanzierte Aufstockung auf 90 Prozent. Gleichzeitig sollten die Beschränkungen für die Soforthilfen von bis zu 15.000 Euro gelockert werden. Anders als in anderen Bundesländern dürften die Gastronomen das Geld in Sachsen nicht nutzen, um beispielsweise ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. 

Diese Plakate hängen jetzt in vielen Restaurants in Sachsen. Die Gastronomen wollen damit auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen.
Diese Plakate hängen jetzt in vielen Restaurants in Sachsen. Die Gastronomen wollen damit auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen. © DEHOGA Sachsen

Auch die Freude über die KfW-Kredite halte sich in Grenzen. Viele Hoteliers und Gastronomen hätten erst im vorigen Jahr viel Geld in ihre Gebäude und Ausstattung investiert, jetzt zusätzliche Darlehen aufzunehmen, sei ein großes Risiko, so Kathleen Parma. Das sieht auch der Hallenser Insolvenzverwalter Professor Lucas Flöther so, der vor allem Branchen mit geringen Margen wie die Gastronomie davor warnt, zu schnell nach dem staatlichen Geld zu greifen.

Die Lage in den rund 8.500 Hotels und Restaurants in Sachsen ist ernst. Ohne schnelle Hilfen drohe einem Drittel das Aus, so das Fazit des Dehoga-Geschäftsführers Axel Klein. Die Unternehmen bräuchten schnell Zuschüsse und keine zinslosen Kredite, um ihre Liquidität zu sichern. Mit der Botschaft, dass eine weitere Verschuldung in dieser Situation für viele Betriebe mit Blick auf die Zukunft und den Generationswechsel eine nicht tragbare Belastung sei, ging er am Donnerstag auch zu den Gesprächen mit Vertretern der Landesregierung und Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. 

Neun von zehn Gastronomen beantragen Kurzarbeit

„Gesundheit hat einen hohen Wert und wir dürfen die Beschränkungen nicht zu früh locken“, sagt Wirt Ricco Geithner. Aber die Branche brauche dringend ein Perspektive. Viele hofften nun auf Lockerungen ab dem 4. Mai 2020, vor allem für die Bereiche mit Außengastronomie, so Kathleen Parma. Bedienen mit Mundschutz und Handschuhen, Tische weiter auseinander rücken und Gläser länger heißer spülen – die Gastronomen wollen alle diese Schritte gerne mitgehen, wenn nur endlich ihr Geschäftsmodell wieder anlaufen darf.

Derzeit haben neun von zehn Gastronomen Kurzarbeit beantragt und jeder Vierte musste schon Mitarbeiter kündigen. Und weil die Stühle in den Gasträumen leer bleiben, haben Ricco Geithner und seine Kollegen sie in ihre Autos gepackt und werden sie am Freitagvormittag elf Uhr auf dem Dresdner Neumarkt stellen. Der offene Brief der Gastronomen an die Landesregierung mit all ihren Bitten wird zeitgleich im Landtag übergeben. Darin wird auch die langjährige Forderung nach der Absenkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent stehen.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Weiterführende Artikel

Demo auf dem Dresdner Theaterplatz

Demo auf dem Dresdner Theaterplatz

Künstler und Gastronomen wollen erneut auf ihre schwierige Situation in der Corona-Krise aufmerksam machen. Wer alles dabei ist.

"In Dresden herrscht die Ischgl-Angst"

"In Dresden herrscht die Ischgl-Angst"

Die Cocktails liegen auf Eis, Bars sind zu oder laufen im Notbetrieb. Ulf Neuhaus kennt die Szene und ihre Probleme mit Corona. Welche Chance hat sie noch?

20.000 Löffel aus Dresden für die Kanzlerin

20.000 Löffel aus Dresden für die Kanzlerin

Die Initiatoren der Aktion "Leere Stühle" bringen am Freitag ihre Forderungen zur Unterstützung des Gastgewerbes von Dresden nach Berlin.

Corona: Leere Stühle auf Dresdner Altmarkt

Corona: Leere Stühle auf Dresdner Altmarkt

Wieder haben Gastronomen und Hoteliers in Dresden auf die schwierige Lage des Gastgewerbes aufmerksam gemacht. Was sie fordern und was Martin Dulig dazu sagt.

Das große Stühlerücken vor der Frauenkirche

Das große Stühlerücken vor der Frauenkirche

Wirte in Sachsen fordern Zuschüsse und Senkung der Mehrwertsteuer. Sie finden mit ihrer Aktion auf dem Dresdner Neumarkt Gehör.

Kein Gast, nirgends

Kein Gast, nirgends

Eben noch einen neuen Rekord gefeiert, jetzt am Boden: Was Corona beim Tourismus in Görlitz und Niesky anrichtet, ist kaum absehbar.

Corona-Spendenaktion für die Neustadt

Corona-Spendenaktion für die Neustadt

Vielen Restaurants und Bars im Dresdner Szeneviertel droht durch die Schließungszeit das Aus. Jetzt gibt es eine Initiative für ihre Rettung.

Update, 14.50 Uhr: Ursprünglich hieß es, die Aktion findet vor dem Landtag statt. Später wurde bekannt gegeben, dass sie auf den Neumarkt verlegt wird. Die Veranstalter legen Wert darauf, dass es sich nicht um eine Demonstration handelt, sondern um eine Aktion. 

Mehr zum Thema Sachsen