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Landkreis Bautzen: Mehr Gewalt in Familien

Immer mehr Opfer melden sich bei den Beratungsstellen. Jetzt rechnen die Mitarbeiter mit einem weiteren Anstieg - wegen Corona.

Immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt gibt es im Landkreis Bautzen. Viele Hilfseinrichtungen sorgen sich, dass durch die Ausgangsbeschränkungen wegen Corona die Zahlen jetzt zusätzlich steigen.
Immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt gibt es im Landkreis Bautzen. Viele Hilfseinrichtungen sorgen sich, dass durch die Ausgangsbeschränkungen wegen Corona die Zahlen jetzt zusätzlich steigen. © Symbolfoto: dpa/Maurizio Gambarini

Bautzen. Die ganze Familie auf engem Raum, der Alltag umgekrempelt, Kurzarbeit und Existenzängste in der Familie – „die Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus stellen viele Familien vor Herausforderungen“, erzählt ein Berater der Bautzener Opferhilfe. Normalerweise könnten Betroffen in sein Büro kommen, aber das ist derzeit wegen der Corona-bedingten Einschränkungen nicht möglich. Stattdessen gibt es Beratungsgespräche am Telefon.

„Wir sorgen uns, dass die Fälle von häuslicher Gewalt im Landkreis Bautzen jetzt zunehmen werden“, sagt der Berater. Er klingt eindringlich. Die Ängste der Menschen, der fehlende Kontakt zu Freunden – „und dann auch noch die Enge der eigenen vier Wände. Das alles schürt Konflikte.“ In vielen Familien herrsche Überforderung, Frustration – das könne zu gewaltsamen Übergriffen führen.

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Und nicht nur der Berater der Opferhilfe, auch die Mitarbeiter des Bautzener Frauenschutzhauses und der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt rechnen wegen der Ausgangsbeschränkungen mit einer Zunahme der Fälle. Zahlen aus China und Italien zeigen diese Tendenz bereits.

Zahlen steigen drastisch

Und dabei ist häusliche Gewalt ein Problem, dass auch ohne die Ausgangsbeschränkungen im Landkreis recht groß ist. Andrea Stiebitz von der Bautzener Interventionsstelle begegnet immer wieder Frauen, die in der Partnerschaft Gewalt erleben. Die Zahl der Beratungen hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Während Stiebitz 2017 noch 115 Fälle begleitete, waren es 2019 bereits 176 Fälle. Und schon in den ersten beiden Monaten des aktuellen Jahres haben sie und ihre Kollegin 45 Fälle begleitet.

Die Statistik des Landeskriminalamtes zeigt ein ähnliches Bild. Immer mehr Anzeigen wegen häuslicher Gewalt gibt es im Kreis Bautzen. 2017 waren es 713 Anzeigen, 2018 bereits 744. Zum Vergleich: 2010 waren es nur 94.

Warum die Zahlen steigen, ist unbekannt. „Dazu gibt es zu wenig Forschung“, sagt Andrea Stiebitz von der Bautzener Interventionsstelle. Vielleicht werden einfach mehr Fälle bekannt. Sie erklärt: „Häufig geht es um Macht und Kontrolle“. Ihr ist es wichtig, dass Betroffene – auch jetzt – den Mut finden, Hilfe zu suchen. Besonders eines bereitet ihr Sorge: Viele betroffene Frauen „wissen gar nicht, dass ihr Leben in Gefahr ist“, sagt sie. Denn in einer solchen Gewaltbeziehung denke der Täter vielleicht auch: „Wenn ich dich nicht haben kann, dann keiner“, sagt sie, „und die Kinder auch nicht“.

Auch im Kreis Bautzen fallen der Beraterin Beispiele ein. Der Fall in Cunewalde, zum Beispiel, bei dem ein Mann seine Partnerin mit einer Waffe bedrohte und sich das Leben nahm. Auch in der Bautzener Rosenstraße gab es vor ein paar Jahren einen Fall.

Besonders kalt läuft es Stiebitz aber bei diesem Beispiel den Rücken herunter: „Eine Bürgerin in einer Kleinstadt in Ostsachsen hat die Polizei gerufen, weil sie aus einem  Fenster Schreie hörte.“ In der Wohnung dahinter hatte ein Mann versucht, seine Partnerin zu erwürgen. „Dass die Frau noch lebt, ist dem Eingreifen der Bürgerin zu verdanken“, sagt Stiebitz. Die Frau sei jetzt in Sicherheit. Es sei wichtig, sagt  Andrea Stiebitz, dass viele so reagieren, wie diese Bürgerin – „dass die Leute hinsehen statt wegschauen“.

Kein Grund zur Entwarnung

Gibt es jetzt, seit Corona, also mehr Anrufe in den Hilfseinrichtungen? Bislang nicht, sagen sowohl die Interventionsstelle als auch das Frauenschutzhaus und die Opferhilfe. Auch das Landeskriminalamt verzeichnet noch keinen Anstieg von Anzeigen. Grund für Entwarnung sei das aber nicht, sagen die Mitarbeiter.

„Wir gehen davon aus, dass die Auswirkungen erst in den nächsten Wochen spürbar werden könnten“, berichtet eine Mitarbeiterin des Frauenschutzhauses. Und auch die Opferhilfe geht davon aus: „Bei häuslicher Gewalt gibt es meistens einen Vorlauf des Erduldens, des Aushaltens. Wir werden wohl erst nach Aufhebung der Ausgangs- und Kontaktverbote damit konfrontiert.“ Außerdem sei es für Betroffene gerade auch schwierig, Abstand zu finden, um sich Hilfe zu suchen.

Nun hat der Freistaat Hilfe angekündigt: 540.000 Euro zusätzlich soll es jetzt in Sachsen für Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen geben. Auch das Bautzener Frauenschutzhaus hat sich schon einmal umgehört und - falls der Bedarf da ist - eine zweite Unterkunft in Aussicht. „Wir sind da“, sagt eine Mitarbeiterin, „und vorbereitet“.

Hier gibt es Hilfe:
Frauenschutzhaus Bautzen: Telefon 03591 45120
Opferhilfe Bautzen: Telefon 03591 679550
Interventionsstelle: Telefon 03591 275824


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